Ein Wald, ein dichter Wald, Menschen und Menschen und Menschen und Cafés und Schilder Schilder locken Lockvögel und Touristenkitsch grell feilgehalten und Gerüche, Gerüche, Schweiss und Parfum und Sonnenöl und Stimmen, Stimmen ein Gewirre und wir schlagen uns einen Weg, einen Weg, "wohin geh'n wir eigentlich?", frag' ich Suse, und sie zuckt ihre Schultern, "was heisst hier gehen, du stolperst ja nur, du stolperst die ganze Zeit... da vorn, in dieses kleine Café vielleicht? Da gibt's leckere Cocktails", sagt sie, und dann sitzen wir an einem kleinen, runden Tisch, Blick auf Strand und Meer, Suse hat einen Caipirina bestellt, ich trinke Wasser, eiskaltes Wasser.
"Und heute kommt dann also dieser Typ vorbei, wie heisst er noch?", will Suse wissen. "Er heisst Reza", sag' ich, und dass er gegen acht in der Hotelhalle sein will, und dass das wahrscheinlich kein Mensch ist, eher eine Art von Teufel, und ich erzähl' Suse von seinen Augen, hypnotisch haben die geguckt, bohrend, durchbohrend, und ich muss an den Nagel seines kleinen Fingers denken, der war sehr lang, dieser Nagel, und hatte ihm als Werkzeug gedient: Aus einem kleinen Tütchen heraus hatte Reza mit diesem Nagel weisses Pulver auf den Tisch geschaufelt, eine fette Portion für mich, und er selbst hatte das Koks direkt von seinem Fingernagel in die Nase gezogen.
"Ich habe Angst", sag' ich zu Suse. "Du musst Dich ja nicht mit ihm treffen, oder?", meint Suse. Ich sage nichts. Dreh' mich um, hinter mir das kleine Touristen-Städtchen, irgendwo da mittendrin ein Teufel, ein Teufel, ich seh' diese Augen vor mir, fühl' mich durchbohrt, und ich weiss, er wird mich finden, er wird mich finden-
"Du bist völlig durch den Wind, lass' uns zurück ins Hotel, noch etwas ausruh'n", schlägt Suse vor und lächelt mich an, und ich seh' ihren Mund, der rechte Mundwinkel eingerissen, sehr weit, bis hoch zum Wangenknochen, und ich seh' ihre Zähne, ihren Kiefer, und unter dem Rand ihrer Sonnenbrille fliesst Eitriges hervor, ganz zäh, und ich schau' schnell woanders hin, reiss den Kopf mit einem Ruck herum, um nichtt mehr zu sehen, was vielleicht auch gar nicht ist-Links, am Nebentisch, eine dicke Rotgefärbte, das grelle Make-Up zerläuft in Gesichtsfett, aus ihren kurzen Hosen quillt bleiche Körpermasse, gedellte Haut mit narbigen Streifen, und ich sage "ja, lass' uns noch etwas ausruh'n", und wir bezahlen und geh'n zum Hotel. (to be continued)
* Skizze, in Arbeit / für Lesung "Grenzphänomene", 03.07.04, 19 Uhr, Karl-Marx-Allee 103, Berlin, mit einigen AutorInnen des tagebau-Projekts: Hartmut Sörgel, Werner Theis, Andreas Humburg, Kathrin Drescher, Mone Hartman; sowie Michael Schleicher
das Kind ist bewaffnet.schnell noch das Glas Milch, den Rucksack aufgesetzt, die Mutter drängelt.dann der Weg zum Kindergarten, Löwenzahn am Wegesrand,drei gelbe Blumen für Lena, die Praktikantin.ein paar Stunden später der Weg nach Hause, mit der Mutter.Löwenzahn am Wegesrand, drei gelbe Blumen für die Mutter.zu Hause die Schusswaffe aus dem Rucksack geholt;das Gerät scheint gross in Kindeshand.drei Schüsse für die Mama dann: Stirn, Herz, Bauch.das Kind steckt die gelben Blumen in die Mutter,in jedes Schussloch eine. Blut mischt sich leuchtend ins Gelb.sieht schön aus, Mama!, ruft das Kind und singt ein Lied.
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Ausgezeichnet mit dem Innovationspreisdes arte-them@-Literaturwettbewerbs