
Herr Seyffert, Sie haben viele erfolgreiche Choreografien auf die Bühne gebracht, einige davon auch in Zusammenarbeit mit Herrn Helnwein?
Nein, das ist unsere erste Zusammenarbeit.
Mit seinem „Dichtung für Solostimmen, Chor und Orchester“ genannten op. 50 Das Paradies und die Peri schuf Robert Schumann ein Werk, das er zunächst zwar als Opernplan ins Auge gefasst hatte, letztlich aber doch als reines „Hörstück“ realisierte. Schumann selbst bezeichnete es als ein „neues Genre für den Concertsaal“. Ist es das erste Mal, dass Sie ein solches Werk in Tanz und Ausstattung umsetzen, das a priori nicht zur szenischen Aufführung gedacht ist?
Nein, das ist nicht das erste Mal. Ich habe schon mehrmals bei Hans Kresnik an ähnlichen choreografischen Produktionen mitgearbeitet.
Es kommt sogar häufig vor, dass wir musikalische Grundlagen verwenden, die nicht unbedingt zu einer szenischen Aufführung konzipiert wurden. Ich denke da an die Sinfonien großer Komponisten oder die Liederabende, die man heutzutage gerne und oft zur szenischen Darstellung heranzieht und mit Choreografien ausstattet. Insofern ist uns beiden dieser Bereich nicht ganz neu. Im Falle von Das Paradies und die Peri ist es sogar so, dass man sich geradezu ermutigt fühlt, das Stück einmal szenisch anzupacken, wenn man weiß, wie es entstanden ist. Ich glaube, Schumann hätte sich das selbst sicher gut vorstellen können.
Zumal das offensichtlich auch Schumanns ursprüngliche Vision einmal war, es als Oper stattfinden zu lassen.
Das der Erzählung aus Paradies und Peri zu Grunde liegende Sujet erlebte zur Zeit der Entstehung und Erstaufführung von Schumanns Oratorium in Paris als höchst beliebtes und erfolgreiches Ballett zahlreiche Aufführungen. Zu Schumanns Konzeption des Stoffes als Oratorium hingegen existieren keinerleiVorgaben zur Bühnendarstellung. Insofern stellt sich die Frage, wie Sie zunächst vorgehen. Werden Sie das im Oratorientext Erzählte vollständig nachbilden, stellen Sie die einzelnen Protagonisten tatsächlich dar, wie berücksichtigen Sie den Chor, der von Schumann zu koloristischen Zwecken in unterschiedlicher Weiseeingesetzt wird, oder greifen Sie gezielt einzelne Stränge heraus, die Sie ausgestalten?
Zunächst einmal werden bei uns alle Akteure in die visuelle Gesamtkonzeption mit einbezogen, Solo-Sänger, Chor, Orchester. Die eigentliche Geschichte wird allerdings von der Choreografie erzählt.
Die Geschichte, wie sie im Oratorium erzählt wird, nehmen wir als Grundlage. Wenn man das dann auf die Bühne bringt, fallen einem aber ganz andere Aspekte und Parallelen auf, bei denen man sagt, das steht zwar so nicht explizit in der Vorlage, es könnte aber so gemeint gewesen sein. Wir geben alsonicht eins zu eins das Märchen wieder, sondern wir suchen schon nach den Dingen, die uns besonders interessieren, ohne das Märchen, unsere Basis sozusagen, zu verändern oder neu zu erzählen. Es ist eben einfach so, dass wir durch die anderen zeitlichen Bedingungen ganz andere Dinge sehen, wenn wir den Text lesen, als Schumann zu seiner Zeit.Als einzelne Rolle wird in jedem Fall die Peri, das Mischwesen, durchgehend dargestellt. Das, was mit Peri passiert, soll für den Zuschauer natürlich der Dreh- und Angelpunkt bleiben. Alles Weitere geschieht dann im Konflikt bzw. in der Auseinandersetzung mit den übrigen Figuren. Das ist gerade das Spannende an dieser Geschichte. Wir haben drei Akte, in jedem Akt wird etwas erzählt, woran wir uns schon halten. Wir werden es nur nicht stringent nacherzählen, da wir für unsere Umsetzung ganz andere Mittel zur Verfügung haben, eine multimediale Ausstattung. Wir haben beispielsweise die Videobilder, die Artisten oder das Orchester als große Masse, so dass in einer guten Mischung jeder dieser Körper einmal die Geschichte auf seine spezielle Art weiterbringen soll.
Wie arbeiten Sie beide jetzt in der Aufbauphase zusammen? Richtet sich Ihre Ausstattung, Herr Helnwein, nach den choreografischen Ideen von Herrn Seyffert oder entwickeln Sie, Herr Seyffert, umgekehrt die tänzerische Komponenten nach dem Bühnenbild oder planen Sie von Anfang an gemeinsam?
Wir besprechen alle Dinge gemeinsam. Jeder bringt Ideen ein, aber Gregor Seyffert hat natürlich als Regisseur die Grundidee, was gemacht wird. Dann arbeiten wir gemeinsam daran, feilen weiter aus, ändern um, nehmen wieder etwas weg. So dass ein natürlicher, auch spontaner Prozess abläuft. Es geht dabei in keiner Weise um Kompetenz oder Streitigkeit. Manchmal funktioniert das zwischen Künstlern sehr gut, manchmal überhaupt nicht. In unserem Fall habe ich das Gefühl, in dieser Hinsicht auf eine ideale Beziehung getroffen zu sein. Man kann es nicht erklären, aber bei uns ist ein Grundverständnis vorhanden, das die gemeinsame Arbeit erleichtert, ja geradezu voran treibt.Das Gute an dieser Sache ist zudem, dass die Peri ein Märchen ist. Märchen folgen immer einem ganz einfachen, archetypischen Grundmuster. Man kann Märchen immer wieder neu erzählen, in jedem Jahrhundert, deshalb gibt es sie auch schon so lange. Nur fallen einem in jedem Jahrhundert neue Bilder dazu ein. So wird man auch dieses Märchen jetzt anders erzählen, als vor hundert oder zweihundert Jahren.
Das Paradies und die Peri ist ein farben- und bilderreiches, wunderbares Märchen, mit einem Erlösungsgedanken als Kernstück. Es entsprang jener großen, teilweise verklärenden Orientfaszination der schumannschen Zeit. Die in Schumanns Oratorium angesprochene religiöse Komponente und ganz besonders jene orientalischen Elemente erhalten in unserer heutigen Zeit mit ihrem eher angespannten Verhältnis zur östlichen Welt und zum Islam eine vollkommen andere, politische Dimension. Wie gehen Sie mit solchen Aspekten um?
Jedes Märchen ist universell. Der Orient ist in dem Fall nicht das Wesentliche, insofern wird vom Orient letztlich auch nicht viel übrig bleiben.Märchen gibt es auf der ganzen Welt, sie werden auch auf der ganzen Welt erzählt. Ich habe mich eine zeitlang sehr intensiv mit Märchen beschäftigt, und konnte feststellen, dass es bestimmte archetypische Grundgeschichten und -muster geben muss, denn in allen Märchen tauchen immer wieder die selbenElemente auf. Es geht immer um das Gleiche, um eine Verdammung, Verwünschung oder eine Verzauberung, aber in jedem Märchen gibt es auch die Möglichkeit einer Erlösung. Und so ist das auch in Paradies und Peri.
In Schumanns Stück kommt es ja nun zum so genannten Happy End. Wird das in Ihrer Version auch so sein, oder wollen Sie uns das zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht verraten?
Dazu wollen wir tatsächlich momentan nicht zu viel sagen. Wir werden uns zumindest noch nicht auf ein Happy End festlegen. Aber ich denke mir, dass der Schluss wahrscheinlich von der Vorlage abweichen wird.
Gehen Sie auf die politische Brisanz des Themas in heutiger Sicht ein?
Nein, das wäre zu oberflächlich, zu temporär. Das wäre dann eher politisches Kabarett, und das ist nicht unsere Intention. Märchen sind zeitlos und haben eine universelle Gültigkeit, und auf dieser Ebene wollen wir bleiben. Märchen haben eine große psychologische Kraft und Spiritualität und sie beschäftigen sich mit den Grundproblemen des Menschen die zu allen Zeiten immer die gleichen sind.
Im so genannten „Dritten Reich“ erlangte Schumanns Werk eine ganz merkwürdige Popularität, die sich in einer Aufführung niederschlug, die das Märchen anders auslegte, in der das Happy End verdreht und der Akzent verändert waren.
Ja, das ist eine unglaubliche Geschichte und ein bezeichnender Vorgang, dass der Mut des Jünglings, der für sein Vaterland den letzten Blutstropfen opfert, bei den Nationalsozialisten im Zuge der Propaganda als Absolution für die Aufnahme ins Himmelreich herhalten musste, und dem Stück damit ein völlig neues -- heldenhaftes -- Finale bescherte. Im krassen Gegensatz zu Schumanns eigentlicher Intention, dass Besinnung und Einsicht zur Erlösung und innerem Frieden führen soll; unabhängig von meiner ganz eigenen Interpretation, die in der Aufführung natürlich eine Rolle spielen wird.
Das ist ein Beispiel dafür, wie man eine solche Vorlage manipulieren und die ursprüngliche Absicht zerstören kann.
Wir gehen bei unserer gesamten Konzeption ganz bewusst davon aus, und wir weisen auch immer wieder darauf hin, dass wir uns weder an einem bestimmten Ort noch zu einer bestimmten Zeit bewegen. Wir geben Essenzen von Leben wieder, von Kommunikation, auch von dem, wie wir die Welt zerstören. Das sind allgemein gültige Dinge, die zeitlos und nicht an einen Ort gebunden sind.
Es gibt auch da diese Grundmuster, die alten Tragödien, die sich immer wiederholen. Früher war es die Pest, heute sind es zum Beispiel Aids, oder SARS. Ebenso verhält es sich auch mit dem aktuellen Konflikt zwischen dem Westen und der Islamischen Welt, Menschenrechtsverletzungen, Unterdrückung und Folter aus religiösen und politischen Gründen, die wie eine Neuauflage der Kreuzzüge und der Inquisition aussehen.Und es gibt diese Vision, dass dieser ewige Kampf, zwischen Gut und Böse, eines Tages am Ende der Zeiten in einer letzten, alles entscheidenden apokalyptischen Schlacht kulminieren wird. Und da ist die Angst vor dem Untergang, die Angst, eben nicht erlöst zu werden. Diese Angst, die Aufgaben nicht zu erfüllen. Hier liegt das Wesentliche an unserer Inszenierung: Das Ganze auf die Essenz zu bringen, und diese Geschichte zu erzählen, die überall und zu jeder Zeit gilt, bei der es egal ist, ob sie in Bagdad spielt oder in Bayern.Das ist die eigentliche Idee, die stärker und universeller ist, als die Tagespolitik -- so wie die Musik eben.
Sie orientieren sich an der Musik, bleiben so wie sie zeitlos und universell. Gibt es dann zum jetzigen Zeitpunkt schon enge Kontakte zu den maßgeblich an der musikalischen Interpretation beteiligten Personen,beispielsweise John Fiore, dem die musikalische Leitung obliegt, oder Jörg Waschinski, der die Titelrolle singen wird?
Das muss von Anfang an koordiniert werden. Wir müssen diese Leute einbeziehen, weil sie sich wirklich umstellen müssen. Das wird keine Routinesache für die Musiker werden.
Das wird kein Konzert. Insofern werden die Musiker anders aussehen, sich anders bewegen, eine ungewöhnliche Position einnehmen.
Wenn wir deren Goodwill nicht hätten, an einem Ort so zu agieren, der gar nicht für das Theater gemacht ist, dann würde das einfach nicht gelingen. Entscheidend ist also, wie kooperativ ist ein Chor, der so etwas noch nie gemacht hat, wie spielt ein Orchester dabei mit, wie sehr ist jemand, der ein Orchester leitet, bereit, ein solches Experiment einzugehen und so weiter. Ich habe den Eindruck, dass alle Mitwirkenden begeistert sind von der Herausforderung.
Das ist spannend, da müssen alle Beteiligten unkonventionelle Wege gehen. Wir sehen natürlich, wie der Raum der Tonhalle, der noch nie für derartige szenische Einrichtungen hergerichtet wurde, auf uns wirkt. Diese Wirkung ist im ersten Moment beeindruckend und herausfordernd; wir merken im selben Augenblick, wie kompliziert und aufwändig dieser Raum mit seinen Unwägbarkeiten zu bespielen ist. Insofern erfordert das von allen Beteiligten unglaublich viel Kompromissbereitschaft. Aber ich denke, dass wir da auf einem guten Weg sind.
Kann die Musik so bleiben wie sie ist, oder muss an deren Darbietung etwas geändert bzw. angepasst werden?
Die Musik soll so authentisch wie eben möglich sein. Sonst würde sich der Dirigent auch sicher quer legen. Irgend ein Eingriff in das musikalische Geschehen liegt nicht in unserer Absicht. Wir wollen eher ergänzen, und indem wir eine andere Dimension hinzufügen schaffen wir etwas neues.
Herr Seyffert, mit wie vielen Tänzern werden Sie arbeiten, wie umfangreich wird die Aktion auf der Bühne sein?
Ich sage es einmal so: Wir haben uns auch in diesem Punkt auf das Wesentliche beschränkt. Es gibt mehrere Figuren in Schumanns Oratorium, die auch bei uns als Solisten präsent sein werden. Daneben gibt es die Himmelsebene, wo sozusagen die Hüter der Moral, des Kodexes zu Hause sind und wo sichgleichzeitig die Frage aufwirft, wer eigentlich die Regeln erstellt, die Menschen steuert und erlösen kann. Die Crew, die das darstellt, ist personell sehr komprimiert. Im Gegensatz zu den fast zweihundert Personen des Chores und des Orchesters, die im Stück agieren werden, versuchen wir somit auf die entscheidenden Figuren zu fokussieren.
Dennoch werden alle Musizierenden eingebunden und auch zu einem visuellen Element gemacht. Alles, was aktiv teilnimmt, wird Teil dieser Komposition: Tanz, Musik, bildende Kunst, Akrobatik. Die daran beteiligten zahlreichen Menschen werden Teil eines Gesamtkunstwerks sein. Das Ganze wird zueiner dramatischen Installation.
Abschließend möchte ich noch sagen, dass die künstlerische Verantwortung, die Regie-Übersicht, die Abstimmung mit dem Libretto etc. und die choreografische Mitarbeit in einer Hand liegen. Dennoch habe ich bezüglich der Choreografie auch Partner. Ich bearbeite diesen Bereich nicht alleine. Meine Partner arbeiten mir gemäß der Regie-Ideen zu. Ich denke, dass ist ein gutes und praktikables Modell, mit dem ich positive Erfahrungen gemacht habe.Das ist schon deshalb wichtig, weil in der Regel die Choreografen auch gleichzeitig die Regisseure sind. Dies birgt natürlich auch gewisse Nachteile in sich: Ein guter „Schritte-Erfinder“ muss nicht zugleich ein guter Regisseur und Erzähler sein. Insofern arbeiten wir tatsächlich im Team. Unter diesem Aspekt ist es wunderbar, dass sich die Zusammenarbeit mit Gottfried Helnwein vom ersten Moment an als ungeheuer fruchtbar erwies. Wenn wir uns treffen und neue Ideen entstehen merkt man, wie schnell das geht, wie schnell man eben zu gelungenen Ergebnissen kommt.
Als Bildender Künstler bin ich normalerweise einsam bei der Arbeit im Atelier, ich habe weder Publikum noch Mitspieler. Ich arbeite daher immer gerne für die Bühne, vor allem für das Tanztheater und die Oper, weil ich da die Möglichkeit habe mit anderen künstlerischen Partnern zusammen zu arbeiten. Und weil ich, wahrscheinlich wie jeder Künstler, tief in mir den Traum vom Gesamtkunstwerk habe, und fasziniert davon bin, dass man mit Bild, Malerei, Tanz und Musik universelle Formen von Kommunikation zur Verfügung hat, bei denen es keine Sprachbarrieren gibt.
Ich stelle mir das schon als sehr großes Team, als aufwändige Angelegenheit vor, da Sie doch sicher auch viele Handwerker benötigen. Da muss doch sicher Einiges aufgebaut, umgebaut, eingerichtet, gefertigt werden?
Das ist in der Tat ein riesengroßes Team. Wir hatten gerade heute eine Grundbesprechung in der Tonhalle. Der ganze Raum muss komplett verändert werden zu einem Theater-Aktionsraum. Da ist eine Menge zu tun, wobei ich ein gutes Gefühl habe, dass die Verantwortlichen mit Freude an die Arbeit gehen und gespannt sind auf das Projekt. Zunächst einmal muss für die Probenarbeit der gesamte Raum in Berlin nachgebaut bzw. nachgebildet werden. Das für sich ist bereits ein großes Unterfangen. Aber das Entscheidende ist: Alle sind daran interessiert und begeistert und für alle Beteiligten ist es eine gute Herausforderung.
Das denke ich auch und warte ebenfalls voller Spannung auf Ihre Inszenierung. Ich danke Ihnen für das Gespräch.

