Wenn Westernhagen an einem Album arbeitet, muss es ihm den Kick geben. Er ist kein Mensch der sich auf seinen Lorbeeren ausruhen will. Ein neues Projekt muss für ihn auch Risiko beinhalten und das kann er sich mittlerweile auch finanziell leisten. Presse-Kritiker gehen ihm dabei am Arsch vorbei. Seine Texte sind gerade heraus und nicht wie er selber sagt: „von hinten durchs Knie geschossen“. Sie sind auf kein bestimmtes Klischee oder gar auf das Publikum zugeschnitten. Seine Texte sind immer Ausgeburten seiner selbst und seiner Sichtweisen. So auch der Text zu „Why don`t you say your name“O Ton – 6 (00:49)Und er ließ es raus. Nachdem sich Marius nach der 99`er Tournee in Italien aufhielt um eine Zeit lang wieder als normaler Mensch rumlaufen zu können, ging`s in seinem dortigen Haus ab September 2001 wieder an die Arbeit zu einem neuen Album, dem sechszehnten. Titel: „In den Wahnsinn“. In der zweiten Phase der Produktion saß er dann mit seinem New Yorker Co-Produzenten Kevin Bents, seinem Ingenieur Dieter Krauthausen und natürlich mit der Band zusammen.O Ton – 7 (01:01)Von vorne anfangen musste Marius mit seiner Band nicht. Was sie einspielte war wirklich „Back to the Road“ und eines guten Rockalbums absolut würdig. Westernhagen suchte sich folgende Musiker aus:Kevin Bents (Gitarre, Piano & Co-Produzent),Markus Wienstroer (Gitarre, Violine), Wienstroer geigte schon auf der 99`er TourneeMartin Ditcham (drums, percussion),Julian Crampton (Bass). Er ist schon seit dem 94`er „Affentheater“ Album mit dabeiFriso Lücht (Keyboards),Rüdiger Elze (electric guitar)und wie immer seine Frau Romney als Background Gesang08. September 2002 Berlin. Am Abend des ersten Kanzler Duells vor den Bundestagswahlen läd Westernhagen Prominenz aus den verschiedensten kulturellen und gesellschaftlichen Bereichen in die „Neue Nationalgalerie“ zum Videodreh ein. Heraus kam in Zusammenarbeit mit Regisseur Schmerberg das Musik-Video „Es ist an der Zeit“. So einfach wie eine Musik-Videoproduktion eines Superstars auch klingen mag, Marius hatte im Vorfeld ganz schön die Hosen voll, zumal solch ein Text vor solch geladenen Gästen auch provozierend gewesen sein dürfte:O-Ton 8 (00:25)Am 2. November fand dann in seiner Heimatstadt Hamburg die Rekord Release Party zum 2 Tage später veröffentlichten Album „In den Wahnsinn“ statt. Auf dem Cover zum Album ist diesmal nicht er zu sehen, sondern ein überdimensionales Plakat von einem Kindskopf. Davor ein Gerüst auf dem ein Plakatierer sitzt. Gemalt wurde dieses Bild von Gottfried Helnwein, dessen Fan Westernhagen ist und von dem er auch die Rechte dafür erwarb.Im Pressetext von WEA Records zur Veröffentlichung des Albums steht geschrieben: „In den Wahnsinn ist das, was Rock´n´Roll in seinen besten Stunden immer war: einfach und komplex. Es geht um Krieg und Frieden, um Sex und Drogen, um Liebe und Verlust, um Betrogenwerden und Betrügen. Es ist wie Leben, das passiert. Gewaltig und gewalttätig. Gegenwart unmittelbar!“Bevor es nachher noch zwei ausgespielte Stücke vom Album „In den Wahnsinn“ zu hören gibt, jetzt erst einmal ein Stück von der vorab ausgekoppelten Single „Es ist an der Zeit“. „Sag mir wo die Blumen sind“ heißt diese Coverversion des alten Anti-Kriegs-Klassikers und mit diesem Stück sowie mit dem vorhin gehörten Bashville Remix des Titeltracks schockierte er so einige alte Fans, denn so experimentell kannte man sein Idol bisher nun wirklich nicht. Danach wendete sich das ganze ja dann glücklicher weise zu einem Rockalbum.Sag mir wo die Blumen sind (2001)Das Album „In den Wahnsinn“ hält sich nach der Veröffentlichung am 4. November 2002 nur eine Woche auf Rang 1 der deutschen Albumcharts, was für das erfolgsverwöhnte Management „Kick Music“ und dem Plattenriesen WEA Records sicher ein Tiefschlag war.Marius stört es nach eigenen Angaben jedoch weniger, denn er hat sich und der Musikbranche nichts mehr zu beweisen. Textlich & musikalisch bezeichnet er dieses Album als das beste was er je gemacht hat, weil er sich endlich von den Zwängen befreit hat welche der normale Musik-Konsument erwartet.„In den Wahnsinn“ ist das persönlichste was er je gemacht hat. Gegenüber der Zeitschrift MAX sagt er am 7.November: „Während ich diese Platte gemacht habe, ist mir klar geworden, dass ich als Musiker 30 Jahre einem Phantom nachgejagt bin. Dieses Phantom stand aber immer neben mir. Ich hätte gar nicht so weit laufen müssen. Ich hätte nur noch stärker darauf hören sollen, was ich selber bin.“Im Frankfurter Rundschau Magazin vom 23.11.2002 sagt Westernhagen:„`In den Wahnsinn` ist für mich wie ein Dammbruch. Ich konnte das erste Mal im Studio meine Gefühle in einem Maße rauslassen, wie es mir bisher nur auf der Bühne gelungen war. Die Angst vor Kontrollverlust zieht sich bei mir ja durch mein Leben. Aber diesmal glaube ich, es fertiggebracht zu haben, aufzumachen, auch ohne von der Begeisterung und der Energie eines Publikums getragen zu werden. Ich will meine vorhergehenden Platten nicht schlecht machen. Das waren sehr gute Produktionen und ja extrem erfolgreich, wofür ich auch sehr dankbar bin. Aber sie wurden nach meinem Geschmack doch immer routinierter und auch immer poppiger. Ich befürchtete, in meiner Entwicklung stehen zu bleiben und immer leichter konsumierbar zu werden und dem habe ich mit dem neuen Album hoffentlich entgegengesteuert. Ich musste mich einfach neu erfinden. Wenn ich es schaffe, meine Gefühle und Ängste zu artikulieren, dann artikuliere ich ganz offensichtlich auch die Gefühle und Ängste anderer Menschen. Gerade jetzt nach so einem kollektiv erlebten Trauma wie durch den 11. September".O-Ton 9 (00:52)Am 10. November 2002 tritt Westernhagen in der RTL Sendung „Top of the Pops“ mit dem Titel „Es ist an der Zeit“ auf. Zwischen Hunderten kreischenden Teenys fühlt er sich als 54 jähriger dabei jedoch nicht ganz so wohl. Gegenüber Kerner äußert er sich im Dezember über diesen Auftritt und über die ROLLING STONES:O-Ton 10 (00:54)Ab dem Jahre 2003 kehrt wieder Ruhe um den Künstler ein. Wenn es was wichtiges zu sagen gibt, hört man jedoch hin und wieder was von ihm. Wie z.B. beim Aufruf zur Demonstration am 15.02. gegen den drohenden Irak-Krieg. Dieser Spot lief auf mehreren Radiostationen in ganz Deutschland sowie auf www.westernhagen.deO-Ton 11 (00:35)Leider brachte diese Friedens-Demo damals nicht den gewünschten Erfolg, aber zumindest doch neues Politisches Bewusstsein in die Köpfe vieler Jugendlicher .Am 11. November 2003 startete im ZDF eine mehrteilige Reihe von Sendungen, in denen einige Freunde von Boris Becker das ramponierte Image des von der Presse gebeutelten Ex-Tennisstars wieder gerade rücken sollten. Das ganze natürlich im Zuge seiner selbstgeschriebenen Biographie, welche gerade veröffentlicht wurde. Als Gast in dieser Sendung war neben Günther Netzer und Henry Maske auch Marius Müller Westernhagen live über Videotelefon zugeschaltet. Johannes B. Kerner stellte ihm dabei einige FragenO-Ton 12 (02:47)2003 noch erwähnenswert ist die Verleihung der „Eins Live Krone“ in der Arena Oberhausen für Westernhagens Lebenswerk, genau zwei Tage vor seinem 55. Geburtstag am 06. Dezember. Die Laudatio zur Verleihung hielt Filmregisseur Sönke Wortmann.In den Jahrescharts 2003 war das Album „In den Wahnsinn“ mit Platz Nr. 151 der absolute Flop. Kommerziell gesehen also nicht mehr ganz so wahnsinnig platziert wie seine 4 Vorgänger-Alben. In Zukunft werden sich die Westernhagen Fans wohl auch daran gewöhnen müssen, denn Marius hat die kommerziellen Zwänge abgeschüttelt und das nicht nur deshalb, weil er es finanziell nicht mehr nötig hat.Zum Ende des Jahres 2003 redeten alle nur noch über das neue Buch von Marius. Das es erst im Februar 2004 erschien, lag wohl eher daran das die Herausgabe dieses Bildbandes nicht in den Boom der ganzen Promi – Biografien passte. Mehr über dieses Buch mit dem Titel „Versuch Dich zu erinnern“ und hoffentlich auch über ein neues Album aber erst in ca. 2-3 Jahren beim 14. Teil dieser Westernhagen - Dokumentation.Bis denn dann und LET THERE BE ROCK sagt euch euer Fun Thomas, alias Thomas Brückner. Zum Schluss noch was vom letzten Album, und zwar der Titel „Was du ...“
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Text: Fun Thomas