
Wolfgang Bauer
Song for Helnwein
WASSER, WASSER
STEHENDER FLUSS IM ASPHALT
GEHALTEN VON DEN IRRENDEN DÄMMEN
ZERFETZTER TAGTRÄUME
IM SONNENSTRAHL
QUER AUS DEN WOLKENKRATZERN
TRUDELN SIE NOCH
BLITZEND UNTERM STRASSENRAUCH
IMMER SCHON HALB ZERSCHOSSENE KRIEGSSCHIFFE IM NEBEL
WAR IHRE SCHÖNHEIT EIN FERNES TUTEN
SUMMEN BÖSER STRUMPFLOSER NUTTEN
DIE DURCHNÄSST LEHNEN AM
BOULEVARD OF BROKEN DREAMS
ZU BODEN WIRFT DER TRÄUMER DEN BLICK
SCHWERER REGEN WIRD FALLEN
DURCH SEINE AUGEN
IM SCHLENDERN
DIE ROTEN HÄNDE IN DEN RAUHEN MANTEL GEBALLT
TIEF IN DER MAGENGRUBE
FÜHRT ER DIE SONNIGEN TEMPEL
BRENNEND UNTER DEM TAGESBLAU
SPAZIEREN
ÜBER DEN
BOULEVARD OF BROKEN DREAMS
GEHEN, GEHEN
SCHLURFEN IN DER DAMPFENDEN NÄSSE
DIE GESPIEGELTEN THEATERREKLAMEN WEGKICKEN
VOM GLITSCHIGEN TROTTOIR
IN DEN PEEP-SHOWS VERTROCKNEN
MENSCHEN REMPELN
AUS LIEBE
SICH DIE KÖPFE AN EISENGELÄNDERN ZERSCHLAGEN
IN MILCHIGEN KNEIPEN
DEN ZITTERNDEN KÖRPER MIT SCOTCH FÜLLEN
LÖSCHEN IRGENDWO AM
BOULEVARD OF BROKEN DREAMS
DIE TRAURIGKEIT FESTHALTEN
DIE GROSSE KRAFT
IM HERBSTWIND AM BROADWAY
WELKE BLÄTTER ERSETZEND
SCHAFFT SIE DIE FARBIGEN BILDER
MACHT IN IHR DEN TRÄUMER ZUM STAR
MIT DER HÄNGENDEN ZIGARETTE
DEM LEICHTFERTIGEN FLÜCHTIGEN GEGEN-BLICK
DER WEGSIEHT VON NICHTS, NIEMANDEN
STEHTS AM
BOULEVARD OF BROKEN DREAMS
UMFALLEN WOLLEN IN WEISSE LACHEN
SCHWINDLIG IN DEN TIEFEN HIMMEL SCHAUEN
EWIG WACHLIEGEN / VERKRALLT
IN DAS DECK DES PFLASTERSCHIFFES
HINWEGZIEHEN LASSEN ÜBER SICH DIE BÜFFELHERDEN
DIE MATROSENSCHRITTE
IN DEN HELLBLAUEN AUSPUFFGASEN HIGH
WEINEN OHNE ES ZU WISSEN
DURCH DEN
BOULEVARD OF BROKEN DREAMS

6. August,1987Stuttgarter ZeitungGerhard HeslerAbschied vom GruselkabinettWolfgang Bauer und Gottfried Helnwein in der Galerie HarthanEin Könner bricht mit seinem Können: mit einem spezifisch trivialen Fotorealismus, der soviel Empörung wie Aufsehen erregte. In der Galerie Harthan zeigt er bis zum 21. November Beispiele “reiner Malerei” aus diesem Jahr, große Hochformate in Öl und Acryl. Kultivierte Farbflächen mit vielsichtiger Abtönung, aufhaltsam monochrom angelegt – Farbsplitter halten den monochromen Zusammenklang auf. Unscharfe rote, blaue und grüne Streifen fallen in ungefährer Kopf-form, eine gebänderte Fechtermaske aus samtenem Schwarz. Das wandfüllende Diptychon “Selbstportrait Nr. 15 und 16” verhält sich am ruhigsten. In farbigem Schwarz und farbigem Weißgrau erkennt man jeweils eine Kopfkontur aus einer unten angeschnürten, ovalen Schlangenlinie. Kopfparaphrasen von maßvoll radikaler Sparsamkeit, solide nuanciert. Jedes gemalte Einzelbild steht auch in einem zyklischen Medienzusammenhang. Helnwein arbeitet mit verschiedenen Medien, er malt nicht mehr fotorealistisch (sagt aber nicht: nie mehr), aber er übermalt Fotos. Auf dem Bildzwitter “Die Auferstehung” kehrt der bandagierte Kopf wieder, mit einer Mundklammer, die wie eine verrutschte Brille aussieht. Der altbekannte Gruselkopf hat gewonnen, er ist gewissermaßen zum tragischen Porträt geläutert, mit dem aufs Fotoschwarz gemalten Goyaschwarz, oder ein Antiporträt; der Speichelfaden, der aus dem Mund tropft, fällt aus jedem Porträtrahmen.Selbst der zornigste Dichter klammert sich noch an die Sprache. Auch wenn er gegen sie wütet: Spreche du Krüppel . . . überall dein fetter Arsch . . . ich verstehe immer nur Bahnhof . . . nieder mit dir . . . du Aufhetzer . . . dich will ich würgen. Würgen kann er sie aber nur mit ihren eigenen Mitteln, das macht seinen Trotz hirnrissig: Kurz vor deinem Tod werde ich noch dichten mit dir, daß du schreist. Jähzornige haben es besser, oder Kinder, denen wenigstens die Einsicht in die Sinnlosigkeit solch inkonsequenten Zürnens erspart bleibt. Deshalb sieht sich der Dichter, den die Wut zwackt, nicht ungern als Kind: Ein schlimmes Kind bin ich/ Und mit den Toten tanz ich, daß die Grabsteine wackeln. Ein schlimmes und ein verletztes Kind, das nich mehr mitspielt, den andern aber anbietet Mit meinem trepanierten Kopf könnt ihr Fußball spielen. Ein trepanierter vom Chirurgen aufgebohrter Kopf erinnert sogleich an Gottfried Helnweins Markenzeichen: den bandagierten Kopf. Sein Freund Wolfgang Bauer las zur Ausstellungseröffnung in der rappelvollen Stuttgarter Galerie Angelika Harthan einige Gedichte, die schon etliche Jahre alt sind.Ausdrücklich Helnwein gewidmet ist ein Boulevard of Broken Dreams. Es endet sang- und klanglos: Die Traurigkeit festhalten . . . umfallen wollen . . . verreisen für immer ohne Schmäh?Weiterhin in Graz lebt Wolfgang Bauer, Bühnendramatiker, im letzten Jänner brachte er einen roulettespielenden Faust auf die Bühne des Wiener Akademietheaters.Helnwein aber warf mehr als eine Tür hinter sich zu, als er 1985 von Wien nach Burgbrohl bei Koblenz umzog. Sein Schocker-Image ist ihm lästig geworden, auch wenn er sich für Stuttgarter Vernissagengänger noch einmal schön gestylt hat mit schwarzer Stirnbinde, Sonnenbrille und blutroten Händen. Ein Könner bricht mit seinem Können: mit einem spezifisch trivialen Fotorealismus, der soviel Empörung wie Aufsehen erregte. In der Galerie Harthan zeigt er bis zum 21. November Beispiele reiner Malerei aus diesem Jahr, große Hochformate in Öl und Acryl. Kultivierte Farbflächen mit vielsichtiger Abtönung, aufhaltsam monochrom angelegt Farbsplitter haten den monochromen Zusammenklang auf. Unscharfe rote, blaue und grüne Streifen fallen in ungefährer Kopf-form, eine gebänderte Fechtermaske aus samtenem Schwarz. Das wandfüllende Diptychon Selbstportrait Nr. 15 und 16 (Preis 28 000 Mark) verhält sich am ruhigsten. In farbigem Schwarz und farbigem Weißgrau erkennt man jeweils eine Kopfkontur aus einer unten angeschnürten, ovalen Schlangenlinie. Kopfparaphrasen von maßvoll radikaler Sparsamkeit, solide nuanciert.Jedes gemalte Einzelbild steht auch in einem zyklischen Medienzusammenhang. Helnwein arbeitet mit verschiedenen Medien, er malt nicht mehr fotorealistisch (sagt aber nicht: nie mehr), aber er übermalt Fotos. Auf dem Bildzwitter Die Auferstehung kehrt der bandagierte Kopf wieder, mit einer Mundklammer, die wie eine verrutschte Brille aussieht. Der altbekannte Gruselkopf hat gewonnen, er ist gewissermaßen zum tragischen Porträt geläutert, mit dem aufs Fotoschwarz gemalten Goyaschwarz, oder ein Antiporträt; der Speichelfaden, der aus dem Mund tropft, fällt aus jedem Porträtrahmen.Außer den übermalten zeigt er inszenierte, reine Fotografien. Im Atelier inszeniert: meist unter Einblendung einer maskierten Vordergrundfigur. Ob jedoch die Kontrastierung eines schwarzen NS-Soldaten mit einem kleinen blonden Mäderl noch kritische Impulse abgibt, scheint zweifelhaft. Ein Terrorist mit übermenschlich leuchtenden Augen schreitet durch die nachtblaue Stadt. Die Dschungelkrieg-Serie Tanz der Affen einprägsamer als jedes TV-Bild berechtigt jedoch zu der Annahme, daß der Weg aus dem Gruselkabinett vorgezeichnet ist.Gerhard HeslerStuttgarter Zeitung