Bonn. Cool wie die Blues-Brothers stehen sie da, mit ihren Anzügen und dunklen Brillen. Ähnlich lässig hat Starfotograf Anton Corbijn Gérard Depardieu 1994 in Cannes, Courtney Love 1995 in Orlando, John Bon Jovi 1997 in New York, U2-Sänger Bono tausendfach und überall abgelichtet. Diesmal, im Jahr 2000, waren es Behinderte und Nichtbehinderte, die gewöhnlich gemeinsam in der Band "Station 17" spielen und jetzt coole Models für Corbijns Kamera mimen, seien sie mongoloid oder "normal".
Der Tänzer und die Schöne: Bilder des Modefotografen Nick Knight, dazwischen die Kuratoren der Ausstellung, Klaus Honnef und Gabriele Honnef-Harling. Foto: FischerWie wunderschön und schwerelos dann die elfengleichen Geschöpfe von Nick Knight, Shootingstar der schnelllebigen Modefotografie-Szene: die blonde Ballerina mit den Holzbeinen und der athletische Tänzer ohne Unterleib. Und Herlinde Koelbls kleinwüchsiger Mann, der im Foto nackt, gleichsam als antiker Heros triumphieren darf, findet möglicherweise ebenso den Weg in die Kunstgeschichte wie der berühmte Don Sebastian de la Morra, Hofzwerg Philipps IV., den der große Vel zquez im Gemälde verewigte.
Sind diese Fotos die Bilder, die noch fehlten? Nach den sadistischen Inszenierungen aus dem Bagdader Gefängnis Abu Ghoraib, der Extrem-Modefotografie eines Oliviero Toscani für Benetton, den Totenbildern von Walter Schels? Wenn das Bonner Kuratorenpaar Klaus Honnef und Gabriele Honnef-Harling eine von ihnen initiierte und arrangierte Ausstellung zeitgenössischer Fotografie "Bilder, die noch fehlten" nennt, meint es damit nicht den frivolen Tabu-Bruch, das Ungeheuerliche, den Schockmoment im Bild.
"Das Fotografieren hat eine chronisch voyeuristische Beziehung zur Welt geschaffen, die die Bedeutung aller Ereignisse einebnet", meinte die unlängst verstorbene Dichterin Susan Sontag, und außerdem: "In den letzten Jahrzehnten hat die anteilnehmende Fotografie mindestens ebensoviel dazu getan, unser Gewissen abzutöten, wie dazu, es aufzurütteln." Das war 1978 und gilt noch heute.
Wie die Blues Brothers posieren Behinderte und Nichtbehinderte der Gruppe "Station 17" für den Starfotografen Anton Corbijn. Foto: FischerDie Ausstellung im Künstlerforum versucht, gerade diese Nivellierung der Bilder aufzubrechen, sensibel zu machen für den kleinen Unterschied, das Detail, die Geste.
21 international bekannte Fotografen haben die Honnefs für dieses außergewöhnliche Projekt der in Bonn beheimateten "Aktion Mensch" gewinnen können. Das Ergebnis war engagierte Fotografie, die keinesfalls nur "political correct" ist, vielmehr das gute, pointierte Bild sucht, für Ironie und Irritation, die Doppelbödigkeit der Inszenierung offen ist. Für die meisten Fotografen war es der erste Kontakt mit Behinderten.
Im Jahre 2000 war im Hygienemuseum Dresden Premiere. Die Ausstellung entwickelte sich zum Renner: In Gent und Mainz, Berlin, Moskau und St. Petersburg ließen sich bislang 150 000 Besucher von den "Bildern, die noch fehlten" gefangen nehmen - "wunderschöne Fotos von wunderschönen Menschen", wie "Katja K." der Berliner Station ins Gästebuch schrieb. Dass für die Wanderausstellung beim Finale in Bonn nur die zwar wackere, für eine derartige Schau aber wenig geeignete Spielstätte Künstlerforum reichen muss, klingt wie ein Treppenwitz der Geschichte.
Klaus Honnef hat in der Vergangenheit erstklassige und überregional beachtete Fotoausstellungen unter anderem in seiner früheren Wirkungsstätte, dem Rheinischen Landesmuseum, präsentiert. Bei westdeutschen Museumschefs biss er mit seinem neuen Projekt aber auf Granit. Auch die Bonner, darunter explizit Wenzel Jacob von der Bundeskunsthalle, lehnten ab. "Abenteuerlich und blamabel waren die Absagen", sagt Honnef, "sie gingen so weit bis: Das kann ich meinem Publikum nicht zumuten".
Dabei ist "Bilder, die noch fehlten" in erster Linie eine "herrlich unangepasste" (Honnef) Kunstausstellung, die viele Sparten aktueller Fotografie vereinigt: etwa Reportage (Josef H. Darchinger), Lifestyle (Daniel Josefsohn), Porträt (Gottfried Helnwein) und Mode (Sibylle Bergemann).
Freilich wühlen die "Bilder, die noch fehlten" auf, regen auf. Sie entlassen den Besucher gespalten. Der wird geblendet von der Aura, die die behinderten Akteure von ihren prominenten Fotografen bekamen, erscheint fasziniert vom Mut und der freimütigen Selbstdarstellung der Protagonisten. Und es bleibt doch eine tiefe Kluft zwischen der Ästhetisierung des Behindertseins und der Realität.
Künstlerforum, Hochstadenring 22; bis 30. Januar. Eröffnung: Sonntag, 9. Januar, 11.30 Uhr. Di-Fr 15-18, Sa 14-17, So 11-17 Uhr. Katalog (Hatje Cantz) 18 Euro