June 18th, 2005
Märkischer Zeitungsverlag
Die SS und das Christkind
Ralf Stiftel
Die Ludwig Galerie Schloss Oberhausen zeigt Gottfried Helnwein Seine Bilder zeigen verletzte Kinder, Donald Duck und Marilyn Manson
OBERHAUSEN · Respektvoll betrachten die Uniformierten die edel gewandete Frau, die einen nackten Knaben auf dem Schoß hält. Oder blicken sie skeptisch? Wo niederländische Altmeister mit Farben prunkten, da bietet der österreichische Maler Gottfried Helnwein sprödes Schwarz-Weiß in "Epiphany I", seiner Version der "Anbetung der Könige". Und hier bewundern nicht bunte Exoten das Kind, sondern Offiziere der Waffen-SS. Der Künstler montierte Mutter und Kind in ein historisches Foto an die Stelle, wo ursprünglich Adolf Hitler zu sehen war. Helnwein gelingt eine höchste Illusion, zumal er die Männer eine Spur unschärfer darstellt als Maria und das Kind, die so in eine überwirkliche Licht aura gehüllt erscheinen.

Das Werk ist in der Ausstellung "Gottfried Helnwein - Beautiful Children" in der Ludwig Galerie Schloss Oberhausen zu sehen. Sie bietet vor allem neuere Arbeiten des Künstlers, der als Schock-Künstler berüchtigt ist. Rund 70 Arbeiten vor allem aus den letzten Jahren zeigen, dass er auch ganz andere Facetten kennt. In seiner "Epiphany" hat er einer Nazi-Devotionalie nur scheinbar den Giftzahn, das Bild des "Führers", gezogen. Je länger der Betrachter hinschaut, desto eigenartiger berührt die Diskrepanz zwischen der unschuldigen zentralen Gruppe und den Akteuren des Terrorstaats. Was geschieht auf dem Bild? Mustern die Täter ein neues Opfer, ein kleines Kind, so wie sie in den KZ viele schlachteten? Helnwein gibt keine Antwort, sein starres Tableau fordert nur den Betrachter heraus.

Ein anderes Bild der "Epiphany"-Serie zeigt Männer mit furchtbar entstellten Gesichtern um einen Tisch, auf dem ein Mädchen liegt, schlafend, vielleicht auch tot. Auch hier arbeitete er nach einem Foto. Es zeigt französische Veteranen des 1. Weltkriegs, deren Verwundungen noch nicht mit plastischer Chirurgie kaschiert werden konnten. Kurator Peter Pachnicke vergleicht Helnweins neue, oft monochrome Bilder mit Gerhard Richter. Es gibt Parallelen im Verwirrspiel zwischen Foto und Malerei. Allerdings will Richter die Malerei hinterfragen. Helnwein geht es um Inhalte.

So richtig berühmt wurde Helnwein, als sein "Selbstporträt als Schreiender", mit Verband und Gabeln in den Augen, Covermotiv für die Platte "Blackout" der Scor pions wurde. Er schuf die Bühnenausstattung für eine Strawinsky-Inszenierung von Jürgen Flimm. Er machte ein Berlin-Buch mit Marlene Dietrich, und er konzipierte eine Comic-Ausstellung über Donald Duck.

Das Kind allerdings ist ein zentrales Motiv in seinem Werk. Schon frühe Zeichnungen und Aquarelle zeigen Kinder, aber ohne jedes Moment von Idylle. "Guten Morgen, liebe Enten" (1972) zeigt ein Mädchen in Badehose, das frech die Zunge zeigt. Allerdings ist ihr Mund entstellt. Das Motiv taucht in "Das Sonntagskind" (1998) wieder auf. Da ist der Mund heil, das Kind im kurzen roten Mantel trägt aber eine Blindenbinde am Arm. Und es ist auch verletzt: Am Oberschenkel läuft Blut herunter, gerade geschah ein Missbrauch.

Leiden, Verletzungen, Entblößungen, all das zeigt Helnwein an Kindern. Manches ist schwer zu ertragen: Die "schlafenden Engel" zum Beispiel. Als fast drei Meter hohe Tafeln malte er die Köpfe von totgeborenen Kindern, die als anatomische Präparate in Formalin aufbewahrt werden. Auf den Bildern sieht man ernste, friedliche Gesichter, zum Teil durch Missbildungen verzerrt. Das erschreckt. Aber die Malerei verleiht diesen Menschen, die nie leben durften, durchaus so etwas wie Würde.

Natürlich gibt es in der Schau die lauten Bilder wie die Porträts des US-Schockrockers Marilyn Manson. Das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit bemalt, einmal den Mund voll Patronenhülsen als Zähne, auf dem Kopf einen Hut mit Micky-Maus-Ohren. Micky Maus taucht, wie Donald Duck, in Nachtbildern mit Hopper-Flair auf. Die Rockgruppe Rammstein zeigt er mit verklebten, verzerrten Gesichtern, offensichtlich diente ihm das Bild der französischen Veteranen als Inspiration.

Aber er kann es auch leiser: Dann malt er ein fünf Meter breites, menschenleeres Panorama der irischen Landschaft. Oder er malt monochrome Porträts, auf denen man die Gesichter kaum erkennt, so dunkel in dunkel. Diese poetischen Seelenbildnisse öffnen sich dem Auge erst nach einer Weile.