January 1st, 2005
Moskauer Deutsche Zeitung
Kommerz und Kunst in einträglicher Symbiose
Dana Ritzmann
Auf der Moskauer „Fine Art Fair“ wird verkauft, was gefällt
Burkhard Eikelmann, Galerist aus Düsseldorf, sammelt seit seinem 17. Lebensjahr Bilder von Gottfried Helnwein und Andy Warhol, aber auch Alex Katz, Eric Fischl, Mel Ramos und Keith Harrings gehören zu seinem Repertoire. Seit zehn Jahren ist der Essener in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt mit seiner Galerie zu Hause, jetzt überlegt der Enddreißiger, der mit einer Russin liiert ist, auch in Moskau eine Ausstellung zu eröffnen.

Experten schätzen den Moskauer Kunst- und Antiquitätenmarkt auf 80 Millionen bis 1,5 Milliarden Dollar, mit einer steilen Aufwärtstendenz. Mehr als 50 Aussteller aus London und New York, Wien, Paris und Düsseldorf priesen ihre besten Stücke, Kunstwerke vom 16. Jahrhundert bis zum 20. Jahrhundert, darunter so bekannte Namen wie Marc Chagall und Iwan Schischkin.

Zehn Prozent der Russen legen entsprechend einer aktuellen Umfrage von Romir Monitoring ihr Geld in Schmuck, Antiquitäten und Kunst an. Der bekannteste von ihnen ist wahrscheinlich der Öl- und Metallmilliardär Viktor Wekselberg, der derzeit als der größte Käufer auf dem russischen Kunstmarkt gilt und gemeinsam mit zwei Partnern einen Investment-Fonds für Kunst betreibt. Im Frühling 2004 hatte der kunstinteressierte Oligarch dem US-Media-Mogul Malcolm Forbes mehr als 100 Arbeiten des berühmten Juweliers Fabergé für über 100 Millionen Dollar abgekauft. Einige dieser Stücke wurden im Rahmen der „Moscow World Fine Art Fair“, die Ende September im renovierten Manege-Ausstellungssaal stattfand, der Öffentlichkeit präsentiert. Allerdings waren die wertvollen Schmuckeier, Zigarettenetuis und Uhren nicht Verkauf bestimmt, während sich ansonsten die gesamte Ausstellung vor allem um die gewinnbringende Seite der Kunst drehte. Anders als im vergangenen Jahr standen in diesem sämtliche Exponate der Moskauer Kunstmesse zum Verkauf. Einige der Ausstellungsstücke demonstrierten ihren Wert zusammen mit den historischen und künstlerischen Daten auf einem Schild, das am Werk angebracht war: ein bronzener Stierkopf aus dem zweiten Jahrtausend vor unserer Zeit, 17 Zentimeter groß, soll 135 000 Dollar kosten und die zwölf Zentimeter große Hermesbüste daneben ist mit 67 500 Dollar beziffert. Die Bilder im Pavillon nebenan tragen lediglich Nummern statt Dollarbeträge und auch Ilja Kabakows Küchenschrank-Installation „Kommunalka“ von 1991 ist auf den ersten Blick preislos. Die schweren Ölgemälde der Moskauer Galerie „Alte Meister“ hingegen zieren bereits am dritten Ausstellungstag rote „Verkauft“-Schilder, bleiben aber vorerst an ihrem Platz hängen, damit nicht gleich die ganze Wand verwaist ist.

Jens Hafenrichter von dem Nürnberger Kunsthaus „Galeria 2000“ erzählt, er habe seine ursprüngliche Ausstellungskonzeption schon mehrmals geändert, nachdem drei der aufgehängten Roy Liechtenstein-Exponate an den Mann gebracht waren. Als er im Mai zur „Art Moskwa“ schon einmal hier war, da habe er nicht ein Bild verkauft, jetzt boomt das Geschäft. „Wir wollten die beiden Messen im Vergleich testen und stellen fest, dass auf dieser Messe definitiv das qualifiziertere Publikum ist“, sagt Hafenrichter. Viele der russischen Kunden seien sehr „bewandert“, wenn es um Kunst geht, andere kommen mit einem Berater. „Manchmal kommt ein Berater auch alleine, informiert sich und fragt, was für ihn an Provision herausspringt, wenn er seinen Kunden mitbringt und zum Kauf animiert“, erklärt der deutsche Galerist die Besonderheiten des russischen Marktes, die er in dieser Form noch auf keiner anderen Kunstmesse erlebt hat. Die Popart-Exponate, die Hafenrichter für die Moskauer Messe ausgewählt hat, kosten zwischen 5 000 und 200 000 Dollar. Am beliebtesten seien solche westliche Ikonen, wie Mick Jagger oder das Dollarzeichen, von so berühmten Künstlern wie Andy Warhol oder eben Roy Liechtenstein.

Wesselmann hingegen werde in Russland überhaupt nicht nachgefragt, und auch Norbert Bisky, der „international total hipp“ sei, komme in Moskau gar nicht an.Auch die anderen Teilnehmer aus dem deutschsprachigen Raum präsentierten in ihren Pavillons moderne und zeitgenössische Kunst. Burkhard Eikelmann, Galerist aus Düsseldorf, sammelt seit seinem 17. Lebensjahr Bilder von Gottfried Helnwein und Andy Warhol, aber auch Alex Katz, Eric Fischl, Mel Ramos und Keith Harrings gehören zu seinem Repertoire. Seit zehn Jahren ist der Essener in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt mit seiner Galerie zu Hause, jetzt überlegt der Enddreißiger, der mit einer Russin liiert ist, auch in Moskau eine Ausstellung zu eröffnen. Auf der Kunstmesse jedenfalls laufen die Geschäfte „super“, wie Eikelmann sagt. Vor allem würden die „Deals“ in Moskau oft sehr viel schneller geschlossen, als in Düsseldorf.„Zu dieser Messe kommen wirklich die ,Big Spender‘“, bringt es Nikolaus Leskovar auf den Punkt. Der Wiener Galerist kennt sich aus mit den russischen Kunden, die auch auf den internationalen Kunstmärkten bereits äußerst rege agierten. „Der Osten hat ein riesiges Potenzial in diesem Bereich, weil die Russen die Liebe zur Kunst entwickeln und außerdem das Geld haben“, betont der Experte. „100 000 Dollar sind gar kein Problem“, erklärt Leskovar in Bezug auf das Kaufinteresse der Kunden. Dabei seien die Russen keinesfalls die mit Geld um sich werfenden Kunstbanausen, sondern anders als viele Europäer und Amerikaner sehr wissbegierig und lernfähig. „Wenn ich einem Russen beispielsweise ein Buch über Warhol mitgebe, dann bekomme ich nach zwei Wochen einen ausführlichen Dankesbrief und wahrscheinlich detaillierten Nachfragen zu dem Thema. Ein Amerikaner würde mir beim Treffen auf der nächsten Ausstellung unter vielen Windungen erklären, er habe noch keine Zeit gehabt, das Buch zu lesen“, erzählt Leskovar, der eigentlich Wirtschaftswissenschaftler von Beruf ist, aber gleich nach dem Studium ins Kunstgeschäft einstieg. 24 seiner 70 Original-Warhol-Werke hat er nach Moskau mitgebracht, darunter zweimal Mao Tse-tung und Marilyn Monroe in verschiedenen Ausführungen, die auf Leinwand kostet 500 000 Dollar und ist das teuerste Bild, das die Rudolf Budja Galerie in Moskau präsentiert. Im nächsten Jahr plane man auch eines der 2,5-Millionen-Bilder mitzubringen, Moskau habe den Markttest bestanden. „Auf dieser Messe sind nicht nur Gegenwartskunstkäufer, sondern hier spielen auch Prestige und Investment eine große Rolle“, erklärt Leskovar. Viele Kunden kämen mit ihren Finanzberatern, Testkäufe werden arrangiert, um zu sehen, wie gut die Galerie ist. Viele Interessenten kämen auch nur, um sich zu informieren und die Aussteller zu bitten, die Bilder zu reservieren, damit sie sie später in Wien oder Salzburg kaufen können, um sie dann direkt in ihre Immobilien in Südfrankreich oder in der Schweiz hängen zu können.