„ICH HATTE LEICHTES SPIEL. DA SAGTE EIN PHOTOGRAPH: WIE, DAS GEFÄLLT IHNEN? DANN NEHMEN SIE ES!‘“L. FRITZ GRUBER
Oben: L. Fritz Gruber mit dem österreichischen Photographen Ernst Claas im Museum of Modern Artin den sechziger Jahren, Photo: Horst Trebor.Rechte Seite: Porträt von L.F.G., aufgenommen von dem Pariser Photoghraphen und gebürtigenVietnamesen Jean-Babtiste Huynh, 2003.
1. Romeo Martinez mit Renate und L. Fritz Gruber, 1962, im Museum of Modern Art, NY. 2. „Pablo Gruber“, Photo: Tillmann/Vollmer, 1984 3. L.F.G., ca. 1933 in Köln4. Ehepaar Gruber, mit dem Photographen Jean Loup Sieff photographiert von Rolf Philips in der KölnerGalerie in focus, 2002 5. Bei Avignon mit Paul Wunderlich, photographiert von Karin Szekessy, 1987 6. L.F.G. mit Theodor Heuss, Eröffnung der Photokina, 1956 7. L.F.G., ca. 1952, Photo: Charles E. Fraser 8. Helmut Newton, Jürgen Klauke und L. Fritz Gruber 1987 im Institute Française, Photo: Walter Müller
Bis zuletzt stapelten sich auf dem Couchtisch seiner Kölner StadtvillaModemagazine aus aller Welt, neue Kataloge, Photobände und Mono-graphien, die selbst die Trendjäger vom Pariser Modekaufhaus Colettevor Neid hätten erblassen lassen. Die August-Ausgabe der amerikani-schen Vo g u e, die er nur knapp verpasste, hätte Professor Leo Fritz Gruberbesonders interessiert. Sie hätte Erinnerungen geweckt an Besuche inLondon, an einen alten Freund und eine Zeit, in der Eleganz etwasAngeborenes war und nichts, was man kaufen konnte. Gruber hätte indieser Vo g u e vom August 2005 Madonna Ciccone, den weltgrößten Pop-star, in ihrem neuesten britischen Wohnsitz gesehen, dem AshcombHouse. Die Posen, die Frisur, die Kleidung – alles hätte auf Gruber wieeine Zeitreise in die Vierziger und Fünfziger gewirkt, als englische Up-perclass-Ladies noch Ladies waren und ein Sir weder überdimensionier-te Versace-Brillen noch fragwürdig getönte Toupets trug. Auch das Hauswäre ihm bekannt vorgekommen, von unzähligen Besuchen bei demMann, dessen Geschmack Madonna vergöttert: Sir Cecil Beaton, Gen-tleman, Stil-Ikone und der wohl größte Modephotograph aller Zeiten.Gruber hätte sich am musealen Setting der Vogue-Produktion er-freut und sich gewundert, warum Madonna sich soviel Mühe gibt, ihreVe rgangenheit als Arbeiterkind aus Brooklyn zu vergessen, um wie eineenglische Aristokratin zu wirken. Und dann, nach einem Schluck Assam-Tee, hätte er ganz beiläufig eine Anekdote erzählt, für die Madonnaglatt ihre Rennpferde versetzt hätte.„Ein nobler Mann, dieser Cecil Beaton“, hätte Gruber gesagt. „Und,ganz nebenbei, der einzige Photograph, den ich kannte, der einen Butlerhatte. Einmal schickte er ihn uns hinterher, bloß um uns mitteilen zulassen, wie elegant es aussähe, wie wir uns von seinem Haus entfernen.Wir drehten uns um, und da stand er im Eingang, die Hand zu einemletzten Gruß erhoben.“Es sind Geschichten wie diese, die Besuche bei L. Fritz Gruber un-v e rgesslich machten. Geschichten eines Sammlers und Reisenden inSachen Photographie, der bei seinem letzten Interview, am 30. Januar2 0 0 5 , zwei Monate vor seinem Tod, noch mal zu Hochform auflief. DieAuktionsrekorde für die Werke seiner längst verstorbenen Freunde und
Horst H. Baumann zur Vorbesichtigung der Photokinain Köln. Von links: L. Fritz Gruber, Thomas Höpker [Stern-Photograph, Magnum, NYC], Michael Friedel, Erwin Feger, Christa Peters und Willy Fleckhaus.
Begleiter kommentierte er mit mildem Amusement. Die plötzliche Pho-to-Hysterie, die die Financial Ti m e s dazu veranlasste, die Photographie-sammlerei zum glamourösesten Hobby der Stunde für kulturinteres-sierte Banker und Private-Equity-Investoren zu erklären – das alleswar für Gruber kaum verwunderlich. Er hatte es schon immer bessergewusst.Und doch konnte er über die schöne neue Sammlerwelt nur müdelächeln. Müde, weil mit 96 Jahren selbst eine leichte Wildpastete mitHolunder-Pflaumenkompott schwer im Magen liegen kann; lächeln,weil er sich beim besten Willen nicht daran erinnern konnte, jemalseine größere Summe für Photos bezahlt zu haben.Trotzdem oder gerade deshalb war der langjährige künstlerischeLeiter der Kölner Photokina und Publizist beispielloser Anthologien –so steht es inzwischen in jeder ernst zu nehmenden Geschichte der Pho-tographie – eine der großen Sammlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhun-derts. All die Toten der letzten Jahre, für deren Originalabzüge so man-cher Sammler heute seine Zweitwohnung in Cannes verpfänden würde,L. Fritz Gruber kannte und sammelte sie, lange bevor ihnen ein Logen-platz in der Kunstgeschichte sicher war.In seinem Lieblingssessel erzählte Gruber, wie er Henri Cartier- B r e s-son in den Fünfzigern durch die Straßen von Paris begleitete, wie „ka-meradschaftlich“ Richard Avedon war, dem er 1962 in New York spon-tan bei einem Vo g u e-Shooting assistierte, und wie nett es in Monte Carlogewesen sei, an jenen lauen Abenden bei Helmut und June Newton.Eines war an diesem Nachmittag sofort klar: Wenn es stimmt, wasSusan Sontag schreibt, dass das 20. Jahrhundert als das von der Photo-graphie geprägte in die Geschichte eingehen wird, dann war L. FritzGruber einer der großen Zeitzeugen dieser langsam verblassendenEpoche. Mit Sicherheit aber war er der einzige Sammler der Welt, der
1 . Photo von Gottfried Helnwein, L.F.G., aufgenommen im Sommer 19952. 1960 photographiert Man Ray in seinem Atelier in der Rue Ferou in Parisdas Ehepaar Gruber 3. L.F.G., porträtiert von Irving Penn 1968 in NYCRechte Seite: Helmut Newton photographiert L.F.G. im Juni 1985 im Café Florian in Venedig: „Happy Birthday Fritzchen, elegant wie immer. Dein Helmut“
seine Ausführungen mit „Als ich Anfang der zwanziger Jahre das Glückh a t t e , August Sander kennen zu lernen“ beginnen durfte, ohne gleichfür verrückt erklärt zu werden.Von den Menschen des 20. Jahrhunderts, die Sander von 1900 an bisin die späten dreißiger Jahre für sein Haupt- und Lebenswerk photogra-phierte, kannte Gruber etliche persönlich. „Sander war ja damals e i nganz normaler Photograph mit einem kleinen Atelier in Köln-Lind e n-thal“, erinnerte er sich. „Nur dass sich die Leute im Viertel darüber u n-terhielten, wie wunderlich es sei, dass er am Wochenende übers Landzog, um Bauern zu photographieren.“ Sander, der Vater von GrubersSchulfreund Gunther, habe alle Typen der Gesellschaft abbilden wol-len – und viele von ihnen in Grubers direkten Umfeld gesucht. „DerRechtsanwalt, der Lehrer, der Handwerker, viele kannte ich mitNamen. Es gibt ein berühmtes Sander-Photo, das heißt Der Student.Das war ein guter Freund von mir, der homosexuelle Sohn eines Brau-ereibesitzers.“Eine Photographie von August Sander war es auch, die für den da-mals 15-jährigen Gruber den Grundstein seiner Sammlung legte. EinGeschenk, für das er sich doppelt revanchieren sollte: Menschen des 20.Jahrhunderts, eine 1951 von Gruber ausgerichtete Sander-Retrospek-tive in Köln, war der längst überfällige Beginn einer Weltkarriere, anderen Ende Sander in die Hallen des Museum of Modern Art einzog –als einer der einflussreichsten Photographen der Geschichte.Aber kaufen, für großes Geld, auf Auktionen gar? Da schüttelteGruber den Kopf und schlug mit der flachen Hand auf den g o l d e n e nKnauf seines Gehstocks. „Wo denn?“ fragte er zurück. „Wo hätteman denn kaufen sollen?“Noch in den fünfziger Jahren habe es nur eine Galerie auf derWe l t gegeben, die auf Photographie spezialisiert gewesen sei:Limelight in New York. „Und da kaufte wirklich niemand“, erzählteseine Frau Renate, die ihn – knapp 30 Jahre jünger als er – 1959 hei-ratete und seitdem auf allen Reisen begleitete. „Da gab esInkunabeln der Moderne für zehn Dollar das Stück“, sagte sie, wäh-rend um Punkt 17 Uhr die nachmittägliche Flasche Champagner[„Man sollte immer eine auf Eis haben, man weiß nie, wer zu Bes u c hkommt.“] geköpft wurde. „Moholy-Nagys, Robert Frank, Brassai –alles, was heute gut und teuer ist: Damals wollte es niemand haben.“Was Gruber haben wollte, das bekam er meist geschenkt. „Früherwar es ganz einfach“, erzählte er beim Champagner. „Ich hatte leichtesSpiel. Da sagte ein Photograph: ,Wie, das gefällt Ihnen? Dann nehmenSie es!‘ Oder ich schrieb einen höflichen Brief und bekam als AntwortPhotographien. Ein großer Teil meiner Sammlung ist so entstanden,weil sich die Künstler durch mein Interesse geschmeichelt fühlten undsich ja sonst kaum jemand für sie interessierte. Aber sie wussten schließ-lich auch, dass die Sammlung Gruber eines Tages in einem Museumenden würde. Ein richtiger Sammler achtet darauf, dass alles zusam-menbleibt.“Dass es so gekommen ist, wie die Photographen es sich erhofft hat-ten, davon erzählen auch heute noch die Wände seines Hauses: Einfrüher Warhol neben einem kleinen Miro, Picasso trifft auf Dieter Roth,der wiederum einem Plakat zur Münchner Olympiade gegenüber hängt.Nur von Photographien kaum eine Spur. Dreißig Jahre ist es jetzt her,dass das Ehepaar dem Kölner Museum Ludwig 800 Abzüge verkaufte,um nach und nach weitere 2000 Photographien zu stiften – sowie diegesammelten Korrespondenzen mit Man Ray, Beaton, Irving Pennund unzähligen anderen.Mit Beaton stand Gruber bis zu dessen Tod in Kontakt: „Da hatteer schon seinen Schlaganfall und musste mir mit der linken Hand schrei-ben.“ Und Man Ray pflegte seine eigene Adresse aus Grubers Brief-kuverts auszuschneiden, um sie später als Visitenkarten wieder zu ver-wenden. „Ein praktischer, ein zutiefst origineller Mann“, erinnerte sichGruber.Bereut habe er die Stiftung nie, auch nicht in den neunziger Jahren,als die Auktionspreise explodierten und ihm langsam dämmerte, dasser auf einen Schlag Multimillionär hätte werden können – oder, wieGruber kopfschüttelnd formulierte: „Zumindest steinreich.“ Aber be-klagen wollte er sich nicht: „Wir haben, was wir brauchen, und nochein bisschen mehr“.Auch der Schmerz, seine komplette Sammlung einem Museum zuüberlassen, habe sich in Grenzen gehalten: „Mit einer Sammlung istes wie mit Töchtern. Eines Tages muss man sie ziehen lassen. Unddann ist es doch am schönsten, wenn sie in der Stadt heiraten u n dman sie immer besuchen kann, wenn man will.“Es war spät geworden an diesem Nachmittag, das zweite GlasChampagner stand u nberührt neben ihm, und seine Frau Renate r e i c h-te noch einmal das Silbertablett mit den Pasteten herüber.Sie selbst habe genug, sagte sie, schließlich achte ihr Mann immernoch peinlich genau darauf, dass sie nicht zunehme. „Er liebt nun maldas Schöne.“ Gruber, dessen safrangelbes Einstecktüchlein beängsti-gend perfekt zum grünkarierten Harris-Tweed-Jackett passte, strichsich langsam durch seinen kunstvoll getrimmten Bart.Hinter ihm, auf einem Heizungsims, stand eine alte Rolls-Royce-Kühlerfigur einträchtig neben Karl Marx, der trotzig die rechte Porzel-lanfaust reckte. Aufgeben gilt nicht, schien er zu sagen. So wie Gruberda saß, so wie er gelebt und gesammelt hat, war es kein Wunder, dassder Photogalerist Rudolf Kicken nach Grubers Tod nur zwei Sätze sa-gen mochte: „L. Fritz Gruber war der Beckenbauer der internationa-len Photoszene. Ein ungekrönter Kaiser, wie es ihn nicht mehr gebenwird.“ Die F. A . Z . formulierte es weniger blumig: „Jeder, der die Kunstder Photographie liebt, ist in seiner Schuld.“ Er selbst, soviel war jedemklar, der ihn traf, hat sie geliebt wie kein Zweiter.____