"Face it" bedeutet "Schau der Sache ins Gesicht". Dieser Einladung bedarf es insofern nicht, als Helnweins Bilder von selber das Publikum in ihren Bann zwingen. "Face it" ist zu verstehen als Aufforderung, die Realität zur Kenntnis zu nehmen, die hinter diesen Bildern lauert. Und das ist eine grausame Realität. Helnwein malt sie in seinen Selbstporträts buchstäblich aus, wenn auch stark verfremdet. Das Motiv des von einem Kopfverband geblendeten Individuums, dessen Gesicht durch verchromte medizinische Geräte verzerrt und malträtiert wird, ist die drastische Variante.
Wesentlich infamer sind seine Kinderporträts - stille, melancholische Gesichter, die in den Betrachtern schlimme Ahnungen wecken, die im Ungewissen bleiben. Infam auch insofern, weil die "wunderschönen" Gemälde die Oberfläche einer hässlichen Welt sind. Mit solchen Kindergesichtern, im November 1988 zum Jahrestag der "Reichskristallnacht" in Köln an einer 100 Meter langen Wand aneinandergereiht, wühlte Helnwein das Publikum emotional wohl stärker auf, als die beste Gedenkrede dies vermag.
Seine Bilder provozieren Reaktionen. Die einfachsten sind Wut und Abscheu. Doch versichert Helnwein immer wieder, zu schockieren liege nicht in seiner Absicht. Er wolle aufmerksam machen auf menschliches Leid, vor allem das Leid, das Kindern widerfährt. Er hat den Kindesmissbrauch lange, bevor er zum täglichen Medien-Thema wurde, auf seine Weise angeprangert, auf Titelblättern von Illustrierten etwa, die das Publikum mit dem Bild eines Mädchens konfrontierten, das sich die Pulsadern aufschnitt.
Helnwein kein bewusster Provokateur? Das muss man ihm nicht unbedingt abnehmen. Schließlich beruht sein Erfolg nicht nur auf seiner perfekten handwerklichen Leistung, sondern in mindestens demselben Maße auf der Provokation, dem formvollendeten Leiden, das seine Bilder widerspiegeln. Doch darin sieht der Künstler sich in bester österreichischer Tradition: Anlässlich der Eröffnung seiner Linzer Ausstellung hat er den anwesenden Journalisten berichtet, wie er als Kind fest im Griff der katholischen Kirche aufgewachsen ist, umgeben von all den Folterbildern, welche die gegenreformatorische Bilderflut mit sich gebracht hat, beginnend beim gemarterten Heiland und den malträtierten Märtyrern bis hin zum Herzen, das von sieben Schwertern durchbohrt wird. Aus dieser bedrückenden Bilderwelt, die ihn bis in den Schlaf verfolgt habe, wurde er erlöst, als sein Vater ihm eines Tages ein Micky-Maus-Heft brachte. Eine neue Dimension tat sich auf.
Kirchenkunst und Micky-Maus: Vielleicht seien das zwei Wurzeln seiner Arbeit, so räsoniert Helnwein, der Walt Disney für einen der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts hält. Und dann überrascht er mit einer Verbeugung vor der katholischen Kirche: Diese Organisation gehöre von ihrer Geschichte her zwar zu den grausamsten, andererseits aber zu den größten Mäzenen aller Zeiten.
Wo ist seine Kunst einzuordnen? Die dafür immer wieder verwendete Vokabel "Fotorealismus" lehnt Helnwein ab. Zwar verwende er für seine Bilder Fotos und male realistisch, aber was er daraus mache sei konzeptionelle Kunst. "Und", so fügt er hinzu, "die Reaktion des Publikums ist ein Teil des Konzepts."
Gottfried Helnwein - Face it. Lentos Kunstmuseum Linz. Bis 5. Juli. Geöffnet täglich 10 bis 18, Do bis 22 Uhr.