Zu Beginndas größte Werk der Ausstellung, 2x4 Meter, ein Mäd-chengesicht mit geschlossenen Augen: „Beautiful Child-ren“. Der Titel der Ausstellung wird zum Programm.Gegenüber das wohl schönste Werk, der Kuss zweierNymphen. Nicht lasziv oder aufreizend, sinnlich eher,tastend. Die ungetrübte Unschuld des Kindes, seineUnbeschwertheit und Freiheit hat Helnwein wohl niebesser dargestellt als in diesen beiden Werken. Dazwi-schen, verbindend wie trennend, zwei langgezogene„irische Landschaften“, die jetzige Heimat des gebürti-gen Österreichers. Beruhigend könnten sie wirken, dieSanftheit der Kinder fortführen in die Weite der Welt.Doch Helnweins Welt ist grausam, kein Frieden bleibtungetrübt. Düsterer Wald, Gewitter zieht auf, Vorbotendie das Kommende ankündigen; doch noch wird es vonder Unschuld der Kinder, ihrer schieren Größe zurück-gehalten. So verlässt man den ersten Saal, mit gemisch-ten Empfindungen.
Der zweite Raum überrascht gleich beim Eintreten:Es sind die Widersprüche, die hier ungebremst auf denBetrachter zustürzen.Neun große Bilder,größtenteilsdigitaleFotografien,dane-ben aber, gleich amEingang, fünf kleinePorträts,Aquarelle,Bleistiftzeichnungen,gerahmte Stücke ausder Frühphase Heln-weins. Sie irritieren dasAuge, weil sie so ver-schieden sind, sich demDuktus, dem Rhyth-mus der großen Bilderwidersetzen, ihn unter-brechen. Sie verstören,weil das Kind hier nichtmehr das Schöne ist,das Reine. Hier wird eszum Opfer der Umwelt,die Gesichtszüge sinddeformiert, entstellt,verbunden und ver-stümmelt.
Helnweinspielt mit den Gegen-sätzen, er reizt siegrausam aus. „SleepingAngel“, zwei große Kinderköpfe, Babys mit deformier-ten, aufgedunsenen Gesichtern. Das Kind, nicht mehrschön, nur noch verstörend, abstoßend. Und Helnweinprovoziert. Die Pieta, nicht Mutter und Kind im Schmerzvereint, sondern zwei Männer. Das Motiv des Kindessinnentfremdet, entleert. Auch hier eine Entstellung?Dieser Saal ist zweigeteilt, nicht nur durch den Bruchin der Decke, der kaum auffällt, aber den Wunsch erwa-chen lässt, die Bilder in einer weiträumigeren Umgebungsehen zu können. Denn ihre Größe schreit geradezunach Höhe, Raum und Platz, um ihre volle Wirkung ent-falten zu können. Aber auch die Motive ändern sich inder Mitte des Raumes, während die Provokation weiter-geht. Und wieder ist er da, der Widerspruch, der gera-dezu zum Leitmotiv der Ausstellung und dieses Künst-lers geworden ist. Verbindendes und Trennendes, nie lages bei einem Künstler näher zusammen als bei Helnwein.Wieder sind es die Kinder, die im Mittelpunkt der Werkestehen.NunwiederinallerSanftheitundRuhe.DieUmge-bung ist es diesmal, die den Widerspruch bildet, ihn her-ausfordert, zum Skandal beiträgt. Liegende, schlafendeKinder: gekleidet in Naziuniformen. Ein Kind auf einemTisch: umgeben von Männern deren Gesichtervon Beulen und Quetschungen entstelltsind, Qual und Schmerz ausdrücken.Eine Mutter, die ihr Baby in denArmen hält: um sie stehenSS-Offiziere. Und immerwieder die verhüll-ten Köpfe, wie zumSchutzvorderSchlechtheit derWelt. Und dochsind es hier wiederdie Kinder, die inihrerUnschuldundRuhedasBöse und Aussät-zige der Bilder inden Hintergrundtreten lassen undvor allem einesausstrahlen: Rein-heit, Wärme undErhabenheit.
Die Ausstellungfindet nun ihre Fort-setzung eine Etagehöher und es bedarfschon einiger Phanta-sie, um hier weiterhindie Beautiful Childrenerkennen zu können. DieTreppe geleitet den Besucheran einer Donald Duck Collagehinauf, die mit ihren schwar-zen bedeutungsvollen Augeneinen besseren Platz als zwi-schen Aufgang und Toiletten-eingang verdient hätte. Hier istsie kaum zu erkennen. Dafürerwarten im dritten Saaleine Sammlung von neunPorträts den Kunstverstän-digen, die Micky Maus und menschliche Porträt-Dou-bles derselben zum Thema haben. Doch wo bleibt hierder Widerpart des Hässlichen, Verstörenden, der ebennoch für Hoffnung sorgte? Hier fehlt er ganz, HelnweinsWelt ist doch eine grausame. Allein fünf der Porträtszeigen Marilyn Manson, zur Micky Mouse geschminkt,mit verzweifelndem Blick oder aggressiv. Daneben zweiSelbstporträts Helnweins, auch hier verbundene Augen,medizinische Geräte im Mund. Es fällt schwer, diesenBildern Ästhetik, Anmut oder auch nur Sinn abzugewin-nen, zumal die Komposition der Bilder an dieser Stelleder Ausstellung ein gar zu großes farbliches Durchein-ander aufweist. Hier überwiegt Verstörung, die keineAuflösung findet und dem kreisrunden Durchbruch, nunim Fußboden, Sinn als Fluchtpunkt gibt. Ist es wiederProvokation, die aus der Kinderfigur Micky dieFratze des Bösen werden lässt?
Es folgen zwölf kleinformatige Foto-grafien von Leni Riefenstahl bisPablo Picasso. Sie zeigen Gesich-ter, die vom Zerfall gezeichnetsind, die mumienhaft und wietot in die Kamera gucken. Dasunausweichliche Ende derschönen Kinder? Gegenübernoch sieben Bilder, die Serie„Fire“. Sie sind dunkel, diesePorträts, auch aus direkterNähe kann man auf ihnenkaum Umrisse erkennen. DasEnde?
Man verlässt die Ausstel-lung über eine Brücke, dieparallel zum großen Eingangs-bild verläuft. Und man sieht sieso noch einmal, die ungetrübteUnschuld und Leichtigkeit desKindes. Wahrhaft BeautifulChildren, diesmal ohne jedenMissklang. Friede und Ruhe nachder Verstimmung, das ist es letztend-lich, was bleibt.Knappe 50 Bilder umfasste dieHelnwein Ausstellung in Hannover.Und wer sich jetzt ärgert, sie ver-passt zu haben, der hat noch biszum 2. Oktober 2005 die Gele-genheit, dieses Versäumnisin der Ludwig GalerieSchlossOberhausennachzuholen.