May 1st, 2005
Forum Wissenschaft 2/05
Der glücklose Engel
Wolfgang Hesse
Das zerstörte Dresden in einer Fotografie von Richard Peter
So hielt etwa ein Demonstrant vor der Kreuzkirche während der Ankunft der britischen Königin zum Gottesdienst am 22. Oktober 1992 eine Vergrößerung des Motivs über die Köpfe der Wartenden. Gottfried Helnwein verwendete es für ein Gemälde, es erschien auf Buchtiteln, der „Spiegel“ nutzte es für zwei Titelbilder.

Auch der 60. Jahrestag der Befrei-ung von der Naziherrschaft unddes Endes des Zweiten Weltkriegs:von Bildern begleitet. Bildern, dieBedeutungen munitionieren, sieintensivieren, schwächen oderverschieben. Die BombardierungDresdens, vielfach als Entlastungdeutscher Nazitäterschaften ge-nutzt, jährte sich am 13./14. Fe-bruar ebenfalls zum 60. Mal. Siehat sich als Metapher für denBombenkrieg in die Erinnerungs-kultur eingeschrieben u.a. durcheine Fotografie, die der der kom-munistisch beeinflussten Arbei-terfotografen-Bewegung angehö-rende Richard Peter (1895-1977)veröffentlichte. Ideologische Auf-ladungen und Rezeptionen diesesBildes zeichnet Wolfgang Hesseikonografiegeschichtlich nach.Page 2zählzusammenhang und sind ikonisch ge-worden, d.h. sie werden stellvertretend fürdie bezeichnete Thematik mitsamt derenDeutungen und somit als Symbolbilder ver-wendet. Dieser Prozess der Bedeutungszu-weisung fußt auf den Bildern des Fotogra-fen, ist aber nicht mit seiner Leistung iden-tisch. In ihm ist diese gesellschaftlich absor-biert und weiterentwickelt worden, wo-durch sich ganz wesentlich Richard Petersfotohistorische Stellung bis heute begründet– paradoxerweise umso mehr, als er als Au-tor weitgehend hinter seinen Bildfindungenverschwunden ist. (Abb. S. 30. Bildunter-schriften zu dieser Abbildung und den wei-teren Illustrationen zu diesem Beitrag amEnde des Textes)Es „ist keine Schönheit und kein Trostmehr außer in dem Blick, der aufsGrauen gerichtet geht, ihm standhältund im ungemilderten Bewußtsein derNegativität die Möglichkeit des Besserenfesthält“. (Theodor W. Adorno, MinimaMoralia)Einige Schlüsselbilder aus Richard PetersBuch „Dresden – eine Kamera klagt an“ ha-ben sich in der nachfolgenden Rezeptiondes Werks für unterschiedlichste Zweckebewährt und finden bis heute andauerndeNutzung. Sie wurden in der Folgezeit he-rausgelöst aus ihrem ursprünglichen Er-30Dresden – eine Kamera klagt an1Die Intention wie die Rezeption aber sindnur aus dem Kontext des Buchs zu verste-hen, aus dem sie isoliert wurden, hat dochPeter selbst seine Bilder durch die Publika-tion in einen auf politische Wirkung zielen-den Zusammenhang gestellt. Das bedeutet,nicht eigentlich nur über Fotografie und Fo-tografien zu sprechen, sondern auch darü-ber, dass sie Druckvorstufe geworden sindfür eine 50.000er Auflage – 1950 eine enor-me Zahl – und hierin Verwandlungen inBildausschnitt und sequentieller Erzähl-form erfahren haben.Bereits Ende 1945 war vom Rat der StadtDresden, und eingeleitet von deren Nach-richtenamts-Leiter, ein Bildband herausge-bracht worden mit Fotografien von KurtSchaarschuch, der in Gegenüberstellungenvon Vorkriegsaufnahmen und Ruinenbil-dern die Zerstörung Dresdens als Verlustthematisierte.2Die hohe Auflage von40.000 Exemplaren war 1949 vergriffen,die vorbereitete Neuauflage scheiterteschließlich. Stattdessen kam das komplettneu konzipierte Werk von Richard Peter zu-stande, dessen Entwurf im Juli 1950 demDresdner Oberbürgermeister Walter Wei-dauer vorgelegt und welches schließlich un-ter dem Titel „Dresden – eine Kamera klagtan“ produziert wurde. Er sollte das von Pe-ter vorgesehene Bildmaterial unter folgen-den Gesichtspunkten präsentieren: „a) das,was aus der Schönheit der VergangenheitDresdens erscheint; b) die Auswahl der Bil-der der Vernichtung Dresdens; c) die Ergeb-nisse des Neuaufbaues.“3Das im Kupfer-tiefdruck und guter Bildqualität hergestellteWerk enthält außer einem Vorwort von MaxZimmering in gebundener Sprache und denFotografien Richard Peters als Nachwort ei-nen Aufruf des Ständigen Ausschusses desWeltfriedenskongresses zur Ächtung derAtombombe. Es steht textlich wie bildlichin den sich zuspitzenden Auseinanderset-zungen des Kalten Kriegs entlang einer sei-ner ideologischen Hauptfronten – der Frie-denspropaganda. Partiell veränderte Aufla-gen folgten 1980, 1982 und 1995.Der Engel der Geschichte4Die hier vorgestellte Doppelseite ist an pro-minentem Ort plaziert. Sie markiert einevon zwei wesentlichen Umbruchszonen derBilderzählung, denen unterschiedlich langeund weiter untergliederte Kapitel folgen:Der „Engel“ folgt einem schmalen Rück-blick auf die unzerstörte Stadt und führt indas Hauptkapitel der Ruinenlandschaftenund zerstörten Bauwerke ein (an andererStelle, zwischen den Ruinen und dem Wie-deraufbau, stehen Bilder von Toten aus denLuftschutzkellern). Die Doppelseite bildetso gewissermaßen ein Scharnier in der Blät-termechanik des Buchs. Für den Rückblickauf „Das alte Dresden“ nutzt Peter aus-schließlich Nachtaufnahmen. Sie habenkeinen historischen Ort, unterscheidennicht zwischen Naziherrschaft oder Weima-rer Republik, nicht zwischen Krieg undFrieden. Die Stadt als Stimmungsträgersteht jenseits der Zeit. Dresden wird zur ru-hig schlafenden, „unschuldigen“ Stadt.Dies entspricht einer verbreiteten Metapho-rik der Stadt als menschlicher Organismus –und schließt deren „Tod“ ein.5Aktiv ausge-blendet ist Dresden als Ort kriegswichtigerForschung und Produktion, als eine der grö-ßten Garnisonsstädte des Reichs, als geradein der Schlussphase des Kriegs militärischwichtiger Eisenbahnknotenpunkt.6Das Bild des „Engels“über der Ruinenland-schaft, das Peter in aufwendiger Arbeit undmit mehrfacher Besteigung der Ruine desRathausturms gewann, deutet in der Syntaxdes Buchs sowohl zurück auf die unzerstör-te Stadt wie auch voraus auf die nachfolgen-de Sequenz der Ruinenbilder. Die eindring-liche Formulierung arbeitet mit einem Re-poussoirmotiv, d.h. einer angeschnitten rah-menden Vordergrundfigur, die den dahinter-liegenden Landschaftsausblick einleitet.7Dadurch wird eine quasi organisch-menschliche Gestalt den kristallin-unleben-digen Formen des Ruinenrasters kontras-tiert. Die Figur bietet sich als Stellvertrete-rin für den imaginierten Betrachter an undweist diesem einen Platz im Bild zu – dis-tanziert ihn jedoch zugleich. Doch die Bild-lösung verbindet den Vorder- und den Hin-tergrund auch inhaltlich in einer Erzählung:Forum Wissenschaft 2/0531Geschichte: 60 Jahre nach dem Zweiten WeltkriegPage 3Der „Engel“ „schaut“ auf die zerstörteStadt. Er objektiviert gewissermaßen denBlick des Betrachters zu einem Blick nichtnur aus physisch höherer Warte, sondernaufgehoben zu deutender Anschauung.Die Figur wird vielfach gelesen als „Engel“– was sie als Skulptur am Standort nicht ist.Im Reigen der Personifikationen auf derGalerie des Rathausturms steht sie für dieBonitas, die Güte, als eine der Allegoriendes guten Stadtregiments. Doch spielt diesin der Rezeption der Peterschen Fotografiekeine Rolle, zu dominant sind die durch denKörpergestus der attributlosen Figur selbstermöglichte und v.a. durch die Bildkompo-sition erzeugten Bezüge auf die christlicheIkonografie. Ich will hierfür nurzwei Belegstücke zeigen: Zu-nächst eine Fotografie von KarlMüller (1946) mit dem Blick ausdem Turmhelm des FreiburgerMünsters über einen der vier Po-saunenengel auf den Ecktürmenhinunter auf die Stadtruinen(Abb. S. 32).8Hier kündigt einEngel der Apokalypse9dasJüngste Gericht an, das Ende allerGeschichte. Es handelt sich beider Fotografie jedoch nicht umeine Dokumentation des kunst-historischen Bestands: Die Zer-störung Freiburgs erscheint als indie Gegenwart hinein aktualisier-tes Zeichen.Zum Beleg, dass solche Transzen-dierung bis weit in die 1950erJahre hinein eine verbreitete Ge-dankenvorstellung und Bildfor-mulierung war, um die Kriegser-fahrung als Strafe für Gottferneund Sünde zu deuten – und damitihrerseits aus der Geschichte he-rauszunehmen – zeige ich den Po-saunenengel von Fritz von Grae-venitz10ausder nachfast vollstän-diger Zerstörung wieder errichte-ten Stuttgarter Stiftskirche (Abb.S. 33). Die Figur ist kurz unter-halb des Gewölbeansatzes aus ei-nem Pfeilerschaft herausgearbei-tet, in bewusster Anlehnung anden Engelspfeiler im StraßburgerMünster. Unklar bleibt, ob sie diePosaune an- oder absetzt. Doch wird gleich-wohl eine Endzeit beschworen, in der dieGerechten von den Ungerechten getrenntwerden sollen – und nach Behauptung die-ses Denkmals auch bereits geschieden wor-den sind durch den Krieg?Schaut bei Graevenitz der unten im Kirchen-schiff stehende Betrachter zum Verkünderauf, so wird bei Peter die Perspektive umge-dreht: Der Betrachter sieht in der Logik dervisuell zitierten Apokalypse zugleich aufdas Ende der bisherigen Geschichte – demdann nach der Inventur der zerstörten Stadtund einem Blick auf die Toten in der zweitenGelenkstelle des Buchs im letzten Kapitelihre erlöste Wiederaufnahme und Fortset-zung beim Aufbau der antifaschistisch-de-mokratischen Umwälzung als Vorstufe dersozialistischen Gesellschaft folgt. Diese ge-wagte Wendung in Richard Peters Aufnah-me wie deren Position in der Erzählung desBuchs ist sein wesentlicher ideologischerBeitrag zu Zeiten des Kalten Kriegs und be-gründete seine Bedeutung für die Fotogra-fiegeschichte in der DDR11– und ist zu-gleich, und durchaus dazu im Widerspruch,der wesentliche Grund für den Erfolg desBildes auch im Westen und nach dem Unter-gang der SED-Herrschaft, vereint sie dochnachvollziehbare Anschauung mit einer iko-nografisch eingebetteten, homogenen Szenezu bedeutungsvoller Aufladung des Gesehe-nen in unterschiedlichen ideologischen Zu-sammenhängen.12Solche von biblischem Glaubens- oder we-nigstens Bildungswissen hinterfangene,endzeitliche Deutung des Geschehens stehtnicht allein, und sie vereint christliche, hu-manistische wie kommunistische Künstler.Beispiele sind etwa musikalisch die 1945komponierte und seither viel aufgeführteMotette von Rudolf Mauersberger „Wieliegt die Stadt so wüst“;13in fotohistori-scher Hinsicht bedeutend Hermann Claa-sens Buch über das zerstörte Köln aus demJahr 1947, das mit seinem Titel „Gesang imFeuerofen“ ebenfalls an alttestamentarischePräfigurationen14anbindet, die Ruinen derKirchen Kölns in den Mittelpunkt stellt undin dessen Textteilen die Zerstörung derStadt als Gottesgericht an einer vom Dämonbeherrschten Welt beschrieben wird;15fürdie Malerei angeführt sei Wilhelm Lachnit,der in seinem Gemälde „Der Tod von Dres-den“ nicht nur eine Madonnenfigur als Mut-ter schlechthin paraphrasiert, sondern hinterdieser Gruppe in einen futuristisch zersplit-terten Farbflächenraum zudem noch einSkelett als müden und melancholischen Todsetzt – ein Versuch, den allegorischen Appa-rat aus dem Fundus der christlichen Kunstin Kombination mit gegenstandslosen emo-tionalisierenden Formen und Farben zu ak-tivieren, um der Katastrophe gerecht zuwerden.16IkonenbildungOffensichtlich war der GedankeRichard Peters, auf den Rathaus-turm zu steigen und von dort obeneben mit der Rückenfigur auf dieRuinen zu blicken, für Fotografenund Kameraleute seiner Gener-ation naheliegend.17Die kompo-sitorische Konvention hatte be-reits Walter Hahn in einer 1926gedruckt erschienenen Aufnah-me realisiert, allerdings mit eineranderen der Rathausturmfiguren(Abb. S. 34).18Und wohl nochvor Erscheinen von Peters Buchentstand eine ganze Reihe ver-gleichbarer Bilder, so von ErichAndres und Walter Hahn – der indie Ruinen ein Hakenkreuz ein-belichtete, um die Schuldigensymbolisch zu benennen19– odervon Willi Roßner, der wie Peteraus der Arbeiterfotografen-Be-wegung kam.Das Motiv machte rasch Karriere.Bereits das Werbeplakat für„Dresden – eine Kamera klagtan“ hatte es prominent hervorge-hoben: Rechts neben dem vonsechs Bildern hinterfangenen Ti-tel erscheint die Figur, hier nungewissermaßen die Publikationanpreisend: „Jedem Deutschendieses Buch“.20Während RichardPeter seine Erstveröffentlichungvon 1950 noch mit einem brandi-gen Schriftzug ausstattenließ, umden Feuersturm typografisch nachzubilden,wurde für den Schutzumschlag der Ausgabevon 1980 dann jener Engel als Motiv ge-wählt, der sich in der Zwischenzeit als au-ßerordentlich erfolgreich herausgestellt hat-te.21Das galt und gilt für Ost wie West bisheute. So hielt etwa ein Demonstrant vorder Kreuzkirche während der Ankunft derbritischen Königin zum Gottesdienst am 22.Oktober 1992 eine Vergrößerung des Mo-tivs über die Köpfe der Wartenden22, Gott-fried Helnwein verwendete es für ein Ge-mälde23, es erschien auf Buchtiteln24, der„Spiegel“ nutzte es für zwei Titelbilder.25Im direkten Vorfeld der Feierlichkeiten zum60. Jahrestag der Bombardierung Dresdensschließlich inflationierte die Verwendung26,und „Bild am Sonntag“ setzte es im Rah-32Forum Wissenschaft 2/05Geschichte: 60 Jahre nach dem Zweiten WeltkriegPage 4men einer Hetzkampagne gegen FrederickTaylor unter der bewusst irreführendenÜberschrift ein, „Britischer Historiker be-hauptet: ‚Bombenangriff auf Dresden warrichtig’“ und beschriftete: „Dieses Fotowurde zum Symbol des Bombenkriegster-rors“.27Mit vollem Recht wird es fotohisto-risch zu den „Ikonen“ gerechnet.28Solche Ikonenbildung durchläuft – nachCornelia Brink, die diesen Prozess an Foto-grafien aus Auschwitz untersucht hat29drei Phasen: Voraussetzung seidie Eigenschaft der Fotografie,Emanation des Realen sein zukönnen, d.h. ein kausales Verhält-nis von Urbild und Abbild zu or-ganisieren; zum zweiten müsstender abgebildeten Wirklichkeitselbst symbolische Züge zuge-schrieben und drittens schließlichauf dieser Grundlage die fotogra-fischenBilder imöffentlichenGe-brauch kanonisiert werden. Die-ser Vorgang lässt sich auch alsErstarrungsprozess beschreiben,als Folge von Toden – in unseremFall: der Stadt, des erstarrendenBetrachters – und der Fixierungvon Bildformulierungen zu einemStereotyp.30Signifikant hierfür istsicher die gehäufte Verwendungdes Motivs. Besonders auf-schlussreich aber ist, daß der „En-gel“ nun in einem signifikanteneinstweiligen Schlusspunkt als„historisch“ erläuterndes Zeichenzum unbestimmt-bedeutungsvol-len Bild einer brennenden Kerze31montiert werden konnte für denAufruf „10.000 Kerzen für Dres-den. Ein Bild geht um die Welt“,mit dem 2005 zu einem stillenGedenken und dem Mitbringenvon Kerzen am 13. Februar aufden Theaterplatz eingeladen wur-de (Abb. S. 35).32Hier erklärt einBild ein anderes, versucht, die In-stallierung eines neuen Zeichenszu unterstützen.Absichten undWirkungenMeines Erachtens ist es geradedie Multifunktionalität der Bildfindung aufdem Boden eines breiten ikonografischenKonsenses‘, die diesen durchaus ambiva-lenten Erfolg möglich gemacht hatte. Obnun der „Engel“ als Projektion des Betrach-ters fungiert, ob er als „wehklagend“, „mah-nend“, „hilflos“ oder als richtender „Engelder Apokalypse“ wahrgenommen wird: Ge-meinsam ist den Deutungsschemata dieEntrückung aus der Historie und eine pathe-tische Aufladung, die von unterschiedlichenpolitischen Positionen aus konkretisiertwerden kann. Sie funktioniert in der antiim-perialistischen Lesart von Richard PetersBuch, in dessen gedichtetem Vorwort derwährend des Dritten Reichs nach Londonemigrierte Schriftsteller Max Zimmeringdie Naziherrschaft als „Schmach“ apostro-phiert und mit der für die Zerstörung derStadt gleichermaßen verantwortlichen„Wallstreet“ gleichsetzt, ebenso, wie sie fürchristliche Apokalypsevorstellungen oderpazifistisch-humanistische Interpretationenoffen bleibt.Die Publikation des Buchs gerade in deraus den Verlagen der Stadt Dresden und desLandes Sachsen gebildeten SächsischenVerlagsanstalt – somit offiziöse, wenn nichtgar offizielle Positionen vertretend – ent-spräche dann einer Bündnispolitik der SEDim Kalten Krieg, die entlang einem sich aufdie Kriegserfahrung beziehenden pazifisti-schen Grundkonsens darum bemüht war,große Bevölkerungsgruppen an sich zu bin-den, wenigstens in Kernfragen staatlichenSelbstverständnisses zu neutralisieren.Dass für Peter als Mitglied der KPD seit1920, als Mitglied der Vereinigung der Ar-beiterfotografen Deutschlands (VdAFD)der Weimarer Zeit, als ehemaligem Mitar-beiter der Arbeiter-Illustrierten Zeitungund vor allem als beim Aufbau der DDRaktivem Mitglied der SED solche Motivebewusst eine Rolle gespielt haben, ist of-fensichtlich. Er begründet seine Trümmer-aufnahmen in der posthum veröffentlichtenAutobiografie: „Tausende von Bildern ent-standen so in zielstrebiger, unermüdlicherArbeit. Noch wußte ich nicht, was einmaldaraus werden würde. Ich wußte nur, daßsie in absehbarer Zeit historisch sein undgebraucht werden würden. Als Dokumen-tation einer Zeit, in der das abso-lut Böse seine infernalischen Tri-umphe feierte, als Beweismittelfür die letztwilligen Verfügungeneines größenwahnsinnigen Hero-straten und der von ihm infizier-ten Jüngerschar, als sein Wahn-sinn längst offenkundig war.“33Die ins Mythologische (und insozialistischer Diktion ins huma-nistische Erbe) redigierte Traditi-on der christlichen Ikonografiegreift bei Peter, weil er sie in einrealistisches fotografisches Kon-zept integriert, wie er es in derTraditionslinie der Arbeiterfoto-grafie entwickeln konnte. So be-trachtet, erweist sich seine Bild-findung der während des Kriegsin der Emigration von WalterBenjamin entwickelten dialekti-schen und – Trotz alledem! – zu-kunftsoptimistischen Reflexionüber den Angelus Novus, den En-gel der Geschichte, als durchausebenbürtig. Wie Benjamins „En-gel der Geschichte“ ist RichardPeters Bild von der ZerstörungDresdens als Dokument34wie alsVorschein der Offenbarung visu-ell geschichtsbildend geworden.Ohne die chiliastische ZuversichtBenjamins, und mit zehn JahrenDDR-Erfahrung, hat – auf der fürdie Subjekte zerstörerischen Kör-perlichkeit von Geschichte behar-rend – Heiner Müller diese Denk-figur 1958 paraphrasiert: „Derglücklose Engel. Hinter ihmschwemmt Vergangenheit an,schüttet Geröll auf Flügel undSchultern, mit Lärm wie von be-grabnen Trommeln, während vorihm sich die Zukunft staut, seineAugen eindrückt, die Augäpfelsprengt wie ein Stern, das Wort umdrehtzum tönenden Knebel, ihn würgt mit sei-nem Atem. Eine Zeit lang sieht man nochsein Flügelschlagen, hört in das Rauschendie Steinschläge vor über hinter ihm nieder-gehn, lauter je heftiger die vergebliche Be-wegung, vereinzelt, wenn sie langsamerwird. Dann schließt sich über ihm der Au-genblick: auf dem schnell verschüttetenStehplatz kommt der glücklose Engel zurRuhe, wartend auf Geschichte in der Ver-steinerung von Flug Blick Atem. Bis das er-neute Rauschen mächtiger Flügelschlägesich in Wellen durch den Stein fortpflanztund seinen Flug anzeigt.“35Forum Wissenschaft 2/0533Geschichte: 60 Jahre nach dem Zweiten WeltkriegPage 5Bildunterschriften zu diesem BeitragS. 30/31: Richard Peter: Doppelseite aus:Dresden – eine Kamera klagt an, Dresden1950.S. 32: Karl Müller: Freiburg i. Br., Posau-nen-Engel am Münster mit Blick auf denzerstörten Stadtteil, o.D. (1946) (Stadtar-chiv Freiburg i.Br.).S. 33: Fotograf Gramm: Fritz von Graeve-nitz, Posaunenengel, Muschelkalk, 1958,Stiftskirche Stuttgart (nach Fritz von Grae-venitz: Plastik, Malerei, Graphik, Stuttgart²1980, S. 100).S. 34: Walter Hahn: Blick vom Rathaus-turm auf die Altstadt, 1926 (aus: Rat derStadt Dresden (Hg.): Dresden. Das Buchder Stadt, Dresden 1926, S. 271 (Werbean-hang)).S. 35: Handzettel zum 13. Februar 2005:10.000 Kerzen für Dresden. Ein Bild gehtum die Welt.Anmerkungen1) Die Darstellung der Entstehungsgeschichte desBuchs folgt einem Abschnitt der in Arbeit befindli-chen Dissertation von Sylvia Ziegner, Dresden/Marburg, den die Autorin dem Verf. vorab zur Ver-fügung stellte.2) Kurt Schaarschuch: Bildbericht Dresden 1933-1945, Dresden 1945; vgl. Friedrich Reichert: FotoSchaarschuch Dresden. Bildbericht 1927 bis 1955,Dresden 1996.3) Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden, Kunstan-stalt May AG, Abgabe 3, Nr. 128, 5.6.1950.4) Vgl. Walter Benjamin: Über den Begriff der Ge-schichte (1940), These IX, in: Gesammelte Schrif-ten, Bd. I, 2, S. 697 f.. Über Engel abschließendKarl Markus Michel: Vom Leib der Engel. KurzerLehrgang der Angelologie, in: Ders.: Von Eulen,Engeln und Sirenen, Frankfurt a.M. 1988, S. 234-258; Dank an Manuel Frey, Dresden, für diesenHinweis.5) Vgl. hierzu: Richard Sennett: Fleisch und Stein.Der Körper und die Stadt in der westlichen Zivili-sation, Berlin 1995; Dank an Paul Sigel, Berlin/Dresden, für den Hinweis.6) Das Beschweigen dieser Sachverhalte ist wesentli-ches Element einer noch im Februar 1945 begin-nenden Propagandaaktion, die Grundmuster derbis heute gültigen Erzählungen über die Zerstö-rung der Stadt aufweist; vgl. hierzu MatthiasNeutzner: Vom Alltäglichen zum Exemplarischen.Dresden als Chiffre für den Luftkrieg der Alliier-ten, in: Oliver Reinhard, Matthias Neutzner, Wolf-gang Hesse (Hg.): Das rote Leuchten. Dresden undder Bombenkrieg, Dresden 2005, S. 110–127.7) Vgl. hierzu den nach Abschluss des Rohskripts er-schienenen Aufsatz von Michael Naumann: Ge-nealogie einer Geste. Zu einer Ikone der Trümmer-photographie von Richard Peter, in: WalterSchmitz (Hg.): Die Zerstörung Dresdens. Antwor-ten der Künste, Dresden 2005, S. 159–169. Nau-mann führt zum Verständnis der rhetorischen Figurv.a. Kants Begriff des Erhabenen und Aby War-burgs „Pathosformel“ an.8) Stadtarchiv Freiburg, M 75/1 Pos. K. 14; vgl. zudem Motiv Christoph Hamann: Der „Engel“ derGeschichte. Zerstörtes Dresden 1945, in: PraxisGeschichte, 17. Jg., Heft 4, Juli 2004, S. 48f. VonMüller existieren mehrere Fassungen des Motivs;es wurde häufiger verwendet, etwa als Einbandtitelsowie für kleinere Publikationen und Zeitungsarti-kel; Mitteilung von Günther Wolf, StadtarchivFreiburg, 4.2.2005. Eine vierteilige Briefmarken-serie der französischen Besatzungszone zeigt An-sichten aus der Stadt, als ob sie nicht zerstört wor-den wäre, darunter auch diesen Engel; Hinweisvon Wolfgang Jaworek, Stuttgart, 4.2.2005; Derpersönliche Kameramann Hitlers, Walter Frentz,hat im März 1945 eine fast identische Farbaufnah-me aufgenommen, vgl. Christina Wittig: Das AugeHitlers, in: Sächsische Zeitung, Dresden,10.2.2005, S. 3.9) Offenbarung 7, 1 und 2 sowie 8, 7.10) Vgl. Wolfgang Hesse: Arbeitsmittel und Bedeu-tungsträger. Zur Rolle von Fotografie in einemWerk des Bildhauers Fritz von Graevenitz, in: Fo-togeschichte 8/1983, sowie ders.: Gesinnung bild-hauerisch. Fritz von Graevenitz‘ „Mutter Heimat“,in: Projekt Zeitgeschichte (Hg.): Stuttgart im Drit-ten Reich. Die Machtergreifung. Von der republi-kanischen zur braunen Stadt, Stuttgart 1983, S.47–49.11) 1961 wurde Richard Peter zusammen mit JohnHeartfield mit dem erstmals verliehenen „Ehren-preis für Fotografie“ des Deutschen Kulturbundsausgezeichnet; vgl. Fotografie, H. 8/1961, S. 282.12) Übrigens sind diese Engel der Apokalypse keinDenkmal für die in den KZs Vernichteten oder fürdie gefallenen Soldaten – sie sind an die „Stadt“und deren Flächenbombardements mit den Zivilto-ten gebunden.34Forum Wissenschaft 2/05Geschichte: 60 Jahre nach dem Zweiten WeltkriegAufbauend auf dem internationalenMythos Dresdens als Kulturstadt undvorgeformt durch eine erfolgreicheKampagne des Reichspropagandami-nisteriums, entwickelte sich eine bisheute fortgeschriebene Erzählung vomUntergang Dresdens am 13./14. Febru-ar 1945. Sie ließ diesen zu einer entla-stenden Erinnerungsfigur werden. Derzum 60. Jahrestag der großen Angriffeherausgegebene Band stellt diese nochfür das heutige Selbstverständnis derStadt zentrale Entwicklung der erin-nernden Erzählung erstmals dar. Erverbindet sie mit differenzierendenAusführungen zur Geschichte desBombenkriegs gegen die Zivilbevölke-rung als Militärdoktrin seit Beginn des20. Jahrhunderts. Ein ausführlicherBildteil sowie Zeitzeugenberichte ausder Kriegs- und unmittelbarenNachkriegszeit runden den Band ab.Oliver Reinhard/Matthias Neutzner/Wolfgang Hesse (Hrg.): Das roteLeuchten. Dresden und der Bomben-krieg. edition Sächsische Zeitung,Dresden 2005, ISBN 3-938325-05-4,22,90.Page 613) Vgl. hierzu: Hans John: „Wie liegt die Stadt sowüst“. Die Zerstörung Dresdens am 13. Februar1945 und das kompositorische Werk des DresdnerKreuzkantors Rudolf Mauersberger, in: Schmitza.a.O., S. 171–184.14) Der Prophet Daniel berichtet im 3. Kapitel, dassNebukadnezar drei jüdische Männer in einen glü-henden Ofen werfen ließ, da sie sich geweigert hat-ten, ein Götterbild anzubeten – und wunderbarer-weise völlig unversehrt blieben. Nebukadnezarverbot daraufhin die Lästerung des jüdischen Got-tes.15) Zu diesen und weiteren Fotografien der Nach-kriegszeit v.a. Ludger Derenthal: Bilder der Trüm-mer- und Aufbaujahre. Fotografie im sich teilen-den Deutschland, Marburg 1999; das Schlussbildbei Claasen zeigt zwei Posaunenengel am Südpor-tal des Kölner Doms, die als Engel der Apokalypsezu lesen sind, vgl. Derenthal a.a.O. S. 52, Abb. 46.„In der zweiten Auflage von 1949 wurde der Ver-weis auf die Apokalypse noch einmal verdeutlicht:Der (..) Schutzumschlag (…) zeigte nun den Autorder Offenbarung, repräsentiert in der Johannes-skulptur vom Petersportal des Doms“, Derenthala.a.O. S. 51. Ebenso kryptisch wie eindeutig dievon Claasens Textautor Franz A. Hoyer insinuierteDeutung des Dritten Reichs als Reich des apoka-lyptischen Antichrist: „Der Dämon spielte wahr-haft dämonisches Spiel, mögen wir es nun unter-oder übermenschlich nennen. Wir haben ihm dies-mal ins Gesicht geschaut, diesem großen, furcht-baren Gegenspieler im mysterium iniquitatis, dasuns letzthin alle Geschichte offenbar macht, dies inseinem Sinn so tief verborgene, aber diesmal dochin seiner äußersten Gegenständlichkeit fassbar ge-wordene Mysterium der Bosheit.“, Claasen, a.a.O.S. XIV. Zum Begriff des „mysterium iniquitatis“,der sich mit der Funktion des Bösen im Heilsplantheologisch auseinandersetzt, vgl. Paulus im 2.Thessalonicher, 7–12.16) Abb. bei Schmitz, a.a.O. S. 157. Auch der Malerund Fotograf Edmund Kesting hat derartige For-men aus der Anschauung wie dem Fundus der 20erJahre für montierte Bilder der Zerstörung verwen-det.17) Vgl. Film der Roten Armee „Die Befreiung Dres-dens“ mit einer anderen Figur vom Rathausturm,vgl. Christian Borchert: Flug in die Vergangenheit.Bilder aus Dokumentarfilmen, Dresden, Basel1993, S. 267. Die Bildvorstellung lässt sich nichtpolitisch eindeutig verorten, vgl. z.B. den Doku-mentarfilm „Dresden ehrt die Arbeit“ zum 1. Mai1933 mit einer Skulptur auf dem Dach der Hofkir-che, vgl. Borchert, a.a.O., S. 179.18) Hinweis von Holger Starke, Dresden, 1.4.2005.Mit der „Justitia“ als Vordergrundmotiv Max Sey-dewitz: Die unbesiegbare Stadt. Zerstörung undWiederaufbau Dresdens, Berlin 1956, S. 141.19) Stadtarchiv Dresden Teilnachlass Hahn/Draber16.2.40, Sign. F 25; Abb. in: Reinhard, a.a.O., S.240. Einige Varianten und Folgeformulierungenbei: Wolfgang Hesse: Bild-Geschichte(n). Dres-den 1939 bis 1945 – Die Kriegszeit in Fotografienund Filmen, in: Reinhard, a.a.O., S. 165–261, be-sonders S. 168 und S. 252–261. Weitere Beispielebei Naumann, a.a.O.20) Vgl. Derenthal a.a.O., Titelillustration.21) Etwa als Titelabbildung von David Irving: Der Un-tergang Dresdens, München ²1977, und bei S. 161.22) Ausstrahlung auf Phoenix am 13.2.2005 unter demTitel „Vor 60 Jahren. Die Bombardierung Dres-dens“ in der Reihe „Historische Debatten und Er-eignisse“.23) Dresden, 1993, 167 cm x 271 cm, Mischtechnikauf Leinwand, Ludwig Museum, Chinese NationalMuseum for the Arts, Beijing, vgl. www.heln-wein.ch/werke/leinwand/bild_384.html.24) Götz Bergander: Dresden im Luftkrieg. Vorge-schichte – Zerstörung – Folgen, Würzburg 1998;zwei Ausgaben von Kurt Vonnegut: Schlachthof 5oder Der Kinderkreuzzug im Rowohlt-Verlag, ein-mal mit gekontertem Motiv; Matthias Gretzschel:Als Dresden im Feuersturm versank. Hamburg2004.25) Spiegel 2/2003 und Spiegel special: Als Feuer vomHimmel fiel. Der Bombenkrieg gegen die Deut-schen.26) Berliner Zeitung, taz, Focus, Tagesschau, Frank-furter Rundschau, TV Programmzeitschrift rtv,Süddeutsche Zeitung, Hörbuchkassette mit KurtVonneguts: Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuz-zug. Die Reihe dürfte fortzusetzen sein; u.a. Hin-weise von Christoph Hamann, Berlin.27) Bild am Sonntag, Dresden, 16.1.2005; FrederickTaylor: Dresden. Tuesday 13 February 1945, Lon-don 2004 (Abb. bei S. 267).28) Vgl. Hans-Michael Koetzle: Photo Icons. Die Ge-schichte hinter den Bildern, Köln etc. 2002, S.56–63.29) Cornelia Brink: Ikonen der Vernichtung. Öffentli-cher Gebrauch von Fotografien aus nationalsozia-listischen Konzentrationslagern nach 1945, Berlin1998.30) Zur Entwicklung der Erinnerungskultur der DDR-Zeit bis zur Wende erstmals: Matthias Neutzner:Vom Anklagen zum Erinnern. Die Erzählung vom13. Februar, in: Reinhard a.a.O., S. 128–163.31) Die Abbildung bezieht sich nicht nur auf die Praxisdes Kerzenaufstellens, die wegen der Witterungüberwiegend Windlichter verlangte – sie ist ikono-grafisch vorgeprägt, vgl. hierzu das Gemälde vonGerhard Richter: Zwei Kerzen (1982) und die In-stallation einer gigantischen fotomechanischenVergrößerung des Bildes an der Brühlschen Terras-se in Dresden 1995, hierzu: Hubertus Butin: Ger-hard Richter. Zwei Kerzen für Dresden, in: CameraAustria 50/1995, S. 4–8.32) Veröffentlicht u.a. als Handzettel und ganzseitigim Dresdner Amtsblatt Nr.6/2005, 10.2.2005, S. 4.33) Werner Wurst (Hg.): Richard Peter sen. Erinnerun-gen und Bilder eines Dresdener Fotografen, Leip-zig 1987, S. 57f.; allerdings fehlt hier die Anklagedes anglo-amerikanischen Imperialismus.34) Die Objektivität des Dokumentarischen wirdschon im Titel behauptet, in dem die verlebendigteMaschine nicht nur als Zeugin der Anklage fun-giert.35) aus: Heiner Müller: Rotwelsch, Berlin 1982, S. 87.Hinweis von Manuel Frey, Dresden, vom 4.2.2005.Wolfgang Hesse, geb. 1949 in Marburg, hatin Tübingen Kunstgeschichte und Empiri-sche Kulturwissenschaft mit dem Magister-examen studiert und war tätig am Stadtmu-seum Tübingen. Seit 1983 publiziert er zufotohistorischen Themen. Er ist Gründerund Herausgeber der Zeitschrift RundbriefFotografie. Seit 1994 lebt er in Dresden, ar-beitete u.a. bei der Deutschen Fotothek unddem Kupferstich-Kabinett und ist jetzt frei-beruflicher Fotohistoriker.Forum Wissenschaft 2/0535Geschichte: 60 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg