braune raab/rothaariger kukuruz/druckerschwärze unter den nägeln/ gegen abend wird es kühl*Wer sich an einem Sommermontag in Neumarkt an der Raab im südlichen Zipfel des Burgenlandes einbremst, ist a) mit großer Wahrscheinlichkeit Künstler oder b) will einer werden. Kursbeginn beim „Musischen Sommer“. Pinsel und Ätzplatten werden ausgeteilt, man stellt sich vor. Die Gegend, wo sich die Raab in der pannonischen Tiefebene verliert, kann sehr gut unbeteiligt dreinschauen. Da schaukeln die Sonnenblumen, kein Berg fordert einen Gipfelsieg, kein See eine Umrundung. Die Gefreiten Mayer und Tauch, die beim Bundesheer an der nahen Grenze „ferialjobben“, sagen, dass „du hier viel Zeit hast, dein Leben zu überdenken“.
Neumarkt an der Raab ist das „Künstlerdorf“. Auch nach dreißig Jahren wollen die Neumarkter die Anführungszeichen nicht weggelassen – als würden sie noch immer nicht glauben, was hier alles entstand: Handkes „Angst des Tormannes beim Elfmeter“, Gerhard Roths Roman „Ein neuer Morgen“, Peter Turrinis „Alpensaga“ und H. C. Artmanns „Unter der Bedeckung eines Hutes“. Wanke, Eisler und Moldovan haben hier holzgeschnitten, pastelliert und aquarelliert, Christian Ludwig Attersee, Martha Jungwirth oder Ludwig Haas haben sich in der Gegend niedergelassen.
Animateur der Kunstszene war Ende der 60er-Jahre Feri Zotter († 1986), damals Chef der Burgenländischen Landesgalerie. Zotter zog in den alten Bauernhäusern Neumarkts mit Unterstützung des Kulturlandesrates Fred Sinowatz eine Künstlerkolonie auf. „Heute haben wir den Auftrag vom Landeshauptmann, wirtschaftlich zu arbeiten“, sagt Alois Neubauer, der Chef des Kulturvereins mit einem Anflug von Bedauern. Also gibt es jetzt Kurse mit Schwerpunkt auf Druckgrafik. Eine eigene Grafikwerkstätte ist da, eine Säurekammer, ein Fotolabor, alles pipapo gemanagt vom ehemaligen Zollwachebeamten Neubauer. Etwa 200 Kunstinteressierte aus ganz Mitteleuropa pilgern jedes Jahr zu den 27 Kursen im Sommer.
Große Namen auch hier. Irmi Herzog schielt bewundernd zum Leiter des Druckgrafik-Kurses, Joachim Lothar Gartner, Vizepräsident des Künstlerhauses. Der zieht ganz locker einen Druck aus der Walze, setzt seine Unterschrift darunter und spekuliert darüber, „dass ich mir hier auch gern was schaffen würde, schließlich komme ich schon seit elf Jahren Jahren her.“das gewitter/ist nicht gekommen/wieder ein tag/für die äpfel/und den wein/und die hoffnungWillibald Jost ist „ditschert“: stur, im besten Sinn des Wortes. Einer, der seinen Mund oft nicht halten konnte, dem das Leben oft übel mitgespielt hat. Dreimal hat er völlig neu anfangen müssen, zum letzten Mal vor 25 Jahren, als er den Jennersdorfer Oilsaloon aufgemacht hat. Erwarten Sie keine Schwingtüren, Barpianisten und Kneipenschlägereien. In Herrn Josts Saloon gibt‘s Pressen, Turbinen und Kürbiskernöl. Herr Arbeiter hat 50 Kilo Kürbiskerne vorbeigebracht, die jetzt langsam gerieben, mit Wasser versetzt, geröstet und gepresst werden. Dreieinhalb Stunden für 18 Liter, alles ganz gemach. Jost hatte große Hoffnungen, wollte „exportieren“, aber es hat nicht funktioniert.“ Warum? „Das kann ich nicht sagen, ich will die Burschen ja nicht verletzen.“ Konklusio des Jost`schen Weltbildes: Wer in Österreich etwas tut, wird bestraft. Er schickt jetzt „den Ölkuchen als Jausenbrettl nach Brüssel“ und schreibt Sätze wie „Machen Sie aktiv mit, wo Einkaufen Freude macht, um Familienmitglied zu werden“ auf seine Etiketten. Man braucht das nicht verstehen. „Ich muss blödeln, sonst lebe ich nicht,“ sagt Herr Jost. Er ist jetzt 77 und steht von Montag bis Samstag in seiner Ölmühle, alleine, bei Temperaturen bis 50 Grad. „Das Öl ist sehr gut, so wie er es macht“, sagt Herr Arbeiter, und empfiehlt „mindestens einen Liter 100-prozentig reines/kosher Bauern-Kürbiskernöl vom einzigen Oilsaloon Österreichs“ mitzunehmen. Wer weiß, wie lange es ihn noch gibt.
Ernst Trinkl dagegen ist mit seiner Welt im Reinen. Er sitzt vor seinem Weinkeller, zuzelt an einem Viertel selbst gekeltertem Uhudler und zelebriert sein Hobby: jeden Tag in die weltberühmte Heiligenbrunner Kellergasse zu kommen und auf Besuch zu warten.Herr Trinkl ist stolz, noch „Urtrauben“ wie Ripatella, Isabella oder Delaware zu züchten. Familie verpflichtet. Schließlich war der Großcousin von Trinkls Frau (oder so) der berühmte Johann „Rübezahl“ Trinkl, der „wie ein Berserker für den Uhudler gekämpft hat, als er verboten war. Der hat sich auch gegen den Hitler aufgelehnt!“
Wobei Rübezahls Widerstand eher vinologischer Natur war. Die Uhudler-Reben wurden nach dem großen Reblausbefall Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt. Ende der 30er-Jahre wurden diese besonders resistenten „Direktträgersorten“ verboten und blieben es bis ins Jahr 1992. Seither darf der Uhudler wieder in neun Gemeinden des Südburgenlandes, darunter auch Heiligenbrunn, verkauft werden.Zur Freude von Ernst Trinkl und seinen Gästen. Zu seinem spritzig-erdbeerigen Uhudler serviert er gratis Salzstangerl oder Grammelpogatscherl, die seine Frau jeden Tag frisch bäckt. Und nimmt selbst noch ein Vierterl Uhudler, weil der „bei meinem Zucker weniger schadet als andere Weine.
barfuss/durch nasses gras/auf der Suche nach Regenbogen/und freundenBis auf ein paar Künstler verirren sich wenige ins südlichste Burgenland, speziell nicht ins hintere Zickental. Dort kostet der Quadratmeter Baugrund zwischen drei und sechs Euro. Kein Witz! Und so verkauft man im Rohr im Burgenland seit 2003 das Einzige, was wirklich einzigartig ist in der Gegend: das mit 42 Hektar größte Niedermoor des gesamten pannonischen Raumes. Jürgen Frank, Ex-Vorstandsdirektor bei Güssinger und Braumanager, übernahm das Marketing und schuf mit Kollegen binnen kurzem den Markennamen „Moorochse“ samt dazugehörigem Rind, den von Lagler in Kukmirn gebrannten „Zickentaler Moorgeist“ und ein ganzes Bündel an Incentives rund ums Moor.In den Wirtshäusern brutzeln Braten vom Moorochsen – und der ORF war auch schon da, um einen Film über das Moor zu drehen. Tatsächlich ist den Rohrern ein Wunder gelungen. Um das Moor wirksam zu schützen, mussten 43 Bauern überzeugt werden, von intensivem Kukuruzanbau auf extensive Viehwirtschaft, Moorochsenzucht, umzustellen und die Weideflächen zu kollektivieren. 42 haben mitgezogen, nun ist die Schutzzone 120 Hektar groß.
„Es ist ein Bild für Götter“, schwärmt Moorbegleiter Peter Kühne, „wenn du die Gegend von früher kennst und es ist keine einzige Kukuruzstaude mehr da.“ Er zieht die Schuhe aus und stapft bis zu den Waden in einem herrlich glitschig-feuchten Gatschloch herum. Die Moorochsen schauen von ihrer Weide zu und man darf sich wie ein Kind fühlen: im Dreck herumhupfen und danach barfuß durchs nasse Gras.
Das südliche Burgenland ist ein Biotop für starke Charaktere. Vielleicht, weil die nur in Randlagen gedeihen können. So wie in Gerersdorf, wo der Wiener Grafiker Gerhard Kisser 33 Häuser zum Freilichtmuseum Ensemble Gerersdorf zusammengetragen hat. 1977 wurde das Ensemble Gerersdorf vorgestellt – mit der Ausstellung eines gewissen Gottfried Helnwein.„Ein gerettetes Haus muss mit Leben erfüllt werden“, sagte sich Kisser – und holt immer wieder Handwerker, Künstler und Musiker für Handwerkskurse, Ausstellungen und Konzerte in seine bis zu 350 Jahre alten Bauernhäuser, Troadkästen, Ställe, Schmieden und Werkstätten. Das Ensemble Gerersdorf ist zu einem internationalen Kunst- und Kulturbetrieb geworden. Und für einen einzelnen Mann nicht mehr zu bewältigen. Heute betreut der Verein „Freunde des Freilichtmuseums Ensemble Gerersdorf“ neben den Gebäuden ein Veranstaltungsprogramm, das von März bis November keine Verschnaufpausen zulässt.
ein einschnitt in deinem leben/wie eine Papierschwalbe/schwebst du zu Tal/in leichten ellipsenRudolf Kedl hat seine Ruhestätte schon gefunden. Der berühmte Bildhauer liegt im Garten seines Kastells in Neuhodis. Kedls monumentale Plastiken und Skulpturen als fröhliche Grabwächter rundherum in dem 2,5 Hektar großen Park mit Mammutbäumen, Winkeln und Alleen. Dazwischen schwebt seine Witwe Christine Elefant-Kedl, barfuß, das schwarze Haar bis zum Kreuz. Sie kennt sie alle beim Namen: Hestia, Metarmorphose, Torwächter, Phallus Eruptiv, Urpflanze, Paradiesbaum … allesamt prall wie das Leben und phallisch bis fast acht Meter aufstrebend. Kedl-Elefant ist selbst Malerin und blieb doch immer Muse. „Ich halte es für wichtig, wenn hier ein begnadeter Künstler gelebt hat, dass man so viel wie möglich zusammenhält. Wenn ich hier durchgehe, habe ich das Gefühl, mein Mann ummantelt mich.“
1967 haben Kedl und seine Frau das Kastell in Neuhodis erworben. Dort, wo jetzt Kedls Grab ist, wurden indische Tempeltänze aufgeführt, H. C. Artmann-Stücke gegeben und „Malkonzerte“ veranstaltet. Räume, Gänge und Wände quellen über vor Skulpturen, Bildern und Reliefen ihres Mannes, dessen Arbeit mit einem monumentalen Relief an der UNO-City oder an den Toren des Staatsarchivs vertreten ist.Besser ist es, Frau Kedl-Elefant in ihrem atemberaubenden Skulpturenpark zu besuchen. Den zu mähen Meister Kedl übrigens stets seiner Frau überlassen hat. „Er hat immer gesagt, dass ich am Rasentraktor aussehe wie eine Königin. So entstand die Skulptur der ,Königin‘. Die war aber eine eher pflanzliche Darstellung.“ Wie gesagt, ein feines Biotop, das Südburgenland.
* Zitate aus dem Band "Raabsommer" von Gertraud Schleichert
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