Viel Zeit zum Aufwachen, Obst, Müsli und Kaffee. Das braucht der Bariton am Sonntag in der Früh.Eines vorweg. Max Raabe kann auch lachen. Ganz privat, ohne Pomade im Haar, schmunzelt die Kunstfigur im Stile der 20er-Jahre über das üppige Buffet. Gefrühstückt wird, wenn der Sänger in Wien ist, über den Dächern der Stadt. In einer Suite mit eigener Terrasse – Hotel Sacher.
„Mit Obst und Müsli fange ich immer an. Das ist das Fundament“, sagt der große schlanke Deutsche und füllt sich bereits die zweite Schale mit Erdbeeren, Kiwi und Äpfeln. Klares Wasser und frischgepresster Orangensaft folgen. „Räumt den Champagner weg. Alkohol trinke ich, wenn’s finster ist.“ In der Früh trinkt er lieber Kaffee. In Wien ist das eine Melange, in seinem Berliner Loft braut er sich türkischen Kaffee. „Ich fange erst später an, mich der Außenwelt zu öffnen“, sagt der Morgenmuffel. Heute lockert sich schon um neun Uhr sein versteinertes Bühnengesicht. Raabe lächelt und schlägt das weiche Ei auf.
An den wenigen Sonntagen, die er zu Hause verbringt, steht er auf, wenn er aufwacht. „Ganz ohne Wecker. Das ist ein Luxus.“ Galant und trotzdem gar nicht aufgesetzt, erhebt er sich und rückt den Damen den Sessel zurecht. Jede Handbewegung ist elegant. Der Maßanzug passt bestens dazu. „Jeans sind nicht so mein Ding. Ich trage privat auch gerne Anzüge – ohne Krawatte. Das ist minimalistisch und ich muss mir keine Gedanken machen.“
Zu Hause wird im dünnen, blauen Baumwoll-Morgenmantel gefrühstückt. „Alleine oder zu zweit, je nachdem, wie sich das so ergibt.“ Zuerst wird aber geduscht. Und dann gemütlich am Küchentisch vor der offenen Balkontüre das Frühstück zelebriert. „Da gucke ich mitten in Berlin ins Grüne und höre die Vögel zwitschern“, erzählt Raabe und streicht sich fein säuberlich Käse auf den Kornspitz.Wenn ihn am Sonntag kein Schwein anruft, ist er froh. Bei seinen Konzerten lässt ihn das Publikum nicht von der Bühne, bevor ich nicht, „Kein Schwein ruft mich an‘, oder „Mein kleiner grüner Kaktus‘ gesungen habe.“
Der gelernte Opernsänger liebt Schlager der 20er- und 30er-Jahre. In seinem Loft lagern einige Hundert Schellacks, die er auf seinem Grammofon abspielt. Doch beim Frühstück ist Musik tabu. „Die Musikberieselung im Taxi, auf Flughäfen oder in Restaurants ist mir unerträglich“, schimpft der 43-Jährige.Aufgewachsen ist der Palast-Orchester-Sänger in Westfalen als Sohn eines Bauern. Seit er in der Großstadt wohnt, weiß er, wie gut das Essen zu Hause war. „Meine Mutter hat das Brot frisch gebacken, Obst und Gemüse kamen aus dem eigenen Garten.“ Wenn es in Berlin „Pflaumen“ gibt, denkt er sofort daran, „dass es jetzt zu Hause Pflaumenkuchen und -klöße gibt“. Raabe geht auf die Terrasse des „Sacher“, schaut auf die Oper und holt tief Luft. „Je nach Jahreszeiten hatten wir auf dem Land andere Gerüche, andere Farben und anderes Essen.“
Die Sonntage verbrachte er mit seinem Bruder großteils in der Kirche. „Dort spielte sich das Jugend- und Freizeitleben ab.“ Raabe war gerne Messdiener. „Da konnte ich über den Altar fegen. Es machte mir Spaß, bei ernsten Hochämtern, langweiligen Hochzeiten oder lustigen Beerdigungen dabei zu sein.“ Jetzt lacht der Sänger wie ein kleiner Bub. Wenn er an einer Kirche vorbeikommt, geht er gerne hinein. „Es ist vertraut und positiv. Da riecht es sofort wie in meiner Kindheit.“ Vieles hat sich der Bariton von der katholischen Kirche auch für seine Shows abgeschaut: „Sie hat mich viel über Choreografie, Dramaturgie und Bühneninszenierung gelehrt.“Raabe spricht von seinem „verdrehten Humor, den ich da fabriziere und den die Wiener sehr gut verstehen.“ Sein Ziel ist es, Banales geistvoll auszudrücken. „Ich möchte unterhalten, das aber intelligent.“ Und er kann unterhalten.
In Japan lauscht das Publikum geradezu angespannt. In China kommen die Leute mit den Kindern, Handys läuten und es herrscht latente Unruhe im Saal. „Wenn ich aber ein trauriges Lied singe, herrscht sofort gebannte Stille und dann gibt es tosenden Applaus“, sagt Raabe, trinkt einen Schluck Orangensaft und rückt die gestreifte Krawatte zurecht.
Kein Mensch würde vermuten, dass der geschniegelte Deutsche ein Freund des Gothic-Rockers Marilyn Manson ist.„Er wollte nur heiraten, wenn das Max Raabe Palast Orchester auf seiner Hochzeit spielt.“ Also spielte Raabe. Im Schloss des österreichischen Malers Gottfried Helnwein in Irland.Dort fanden sie bei einem Glas Champagner am Kamin Gemeinsamkeiten heraus: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. „Wir beide sind ruhige und zurückhaltende Menschen“, meint Raabe und zeigt sein schönstes Lächeln dieses Morgens. Er ist ein sehr charmanter Morgenmuffel.