December 12th, 2006
Westdeutsche Zeitung
"Ring des Nibelungen" in Bonn: Wie sich der Grüne Hügel rot färbt
Bettina Trouwborst
"Der Ring" von Johann Kresnik und Gottfried Helnwein
Der Tanz ums Gold, bei Wagner Metapher für den Untergang der alten Weltmacht, wird bei dem Kärntner Altkommunisten zur Klageschrift gegen Machtpolitik im Allgemeinen und die USA im Besonderen. Bilder brennender Ölfelder im Irak flimmern über die bühnenhohe Leinwand (Ausstattung: Gottfried Helnwein), bevor das Spektakel beginnt. Bilder kriegsverletzter Kinder am Ende.

Bühnenbild, Kostüme: Gottfried Helnwein

Johann Kresnik lässt vortanzen, wie man "Rheingold", "Die Walküre" und USA-Kritik in 85 Minuten bewältigen kann.

Bonn. Goldgelbe Konserven scheppern vom Bühnenhimmel. Dumpf prallen sie in einem Graben unter der Bühne, sprich am Rheingrund, auf. Kein glitzernder Goldschatz zum nutzlosen, kalten Blech wird das sagenumwobene Rheingold bei Johann Kresnik. Vier Rheintöchter, platinblonde, barbusige Gogo-Girls, bewachen es. Geld ist bekanntlich eine Hure. Mehr noch: Wurzel allen Unheils, stürzt es die Menschheit in den Abgrund.

Der radikale Gesellschaftskritiker Kresnik bringt Richard Wagners "Der Ring des Nibelungen" in dieser und der kommenden Spielzeit als Choreografisches Theater auf die Bühne und macht seinem Namen als Berserker des Tanzes nach der maßvollen "Hannelore Kohl" wieder alle Ehre. Auf den bluttriefenden ersten Teil, "Das Rheingold" und "Die Walküre", der jetzt im Bonner Opernhaus zu einer Musikcollage (Gernot Schedlberger) uraufgeführt wurde, sollen 2007 "Siegfried" und "Die Götterdämmerung" folgen.

Dem Künstler, der am Dienstag seinen 67. Geburtstag feiert, dient der gewaltige Stoff als Gleichnis und Rahmen für eine Biografie Richard Wagners. Aspekte aus dem Leben des großen Musikdramatikers (1813-1883) verwebt er mit "Ring"-Szenen und ist dabei nicht zimperlich.

Der Tanz ums Gold, bei Wagner Metapher für den Untergang der alten Weltmacht, wird bei dem Kärntner Altkommunisten zur Klageschrift gegen Machtpolitik im Allgemeinen und die USA im Besonderen. Bilder brennender Ölfelder im Irak flimmern über die bühnenhohe Leinwand (Ausstattung: Gottfried Helnwein), bevor das Spektakel beginnt. Bilder kriegsverletzter Kinder am Ende. Johann Kresnik interessiert aber auch Wagners Liebesleben. Sein Gönner Ludwig II. von Bayern erscheint dem reifen Komponisten als danseur noble mit Blumenstrauß.

Unter seiner königsblauen Jacke indes trägt der blaublütige Kavalier nichts als weißen Puder. Wagner füttert Ludwig mit Noten und beißt ihn zärtlich in den Zeh. Hier mag man noch schmunzeln. Bei den Kämpfen zwischen Wagners Frauen und Geliebten beginnt das Blut bereits zu fließen. Indes wird der verwirrte Wagner-Freund und -Kritiker Friedrich Nietzsche in Walhall, mehr Schlachthaus als Klink für gefallenen Helden, fixiert.

Die meisten der aneinandergereihten Szenen sind düster, beängstigend oder gar schockierend. Götter, Walküren und Riesen tragen SS-artige Uniformen und sind reduziert auf ihre Sexual- und Machttriebe. Ein starkes Bild findet Kresnik für seine konsequente Wagner-Kritik: Der Feuerring, den Götterchef Wotan um Zwergenkönig Alberich legen lässt, ist ein Kreis aus lodernden Krematorien. Und Wagner, der bekennende Antisemit, huscht mit brennender Schleppe vorbei.

Wie ein stummer Vorwurf wirkt da der Dokumentarfilm, der Aufnahmen vor dem Bayreuther Festspielhaus zeigt. Ein Defilee der Macht, fahren sie alle vor: von Hitler über Franz-Josef Strauss, Richard von Weizsäcker und Angela Merkel, bis zu europäischem Adel, Wirtschaftsbossen und Showbusiness. Der Grüne Hügel färbt sich rot. Wotans Welt, Wagners Biografie, West-Politik - Kresnik Bilderreigen macht schwindelig, herbe Brüche irritieren. Ohne "Ring"-Kenntnis und Programmheft wäre der Zuschauer verloren. Und doch gelang ein Abend, der so schnell nicht aus dem Kopf will.

85 Minuten ohne Pause, 14. und 16. 12., Oper Bonn, Karten: 0228/77 80 08