Victoria Beckham bei der Haute Couture in Paris? Das sieht nur auf den ersten Blick aus wie ein Kleid, das zu groß geraten ist. Bei Chanel und Gaultier sitzt sie in der ersten Reihe. Bevor sie sich bei Jean-Paul Gaultier nach der Schau am Mittwochnachmittag verabschiedet, eine kurze Frage nach der Marke ihres geschmackvollen beigefarbenen Shiftkleids. „Giambattista Valli!“
Mit dem Namen des Prêt-à-porter-Stars aus Italien verrät sie erstens Insider-Kenntnisse und zeigt zweitens, dass sie wirklich eine konservative Wende in ihrem Kleidungsstil einleitet - gerade rechtzeitig vor ihrem Umzug nach Los Angeles, wo ihr Mann David in Zukunft Fußball spielt. Apropos: Haben sie inzwischen eine Villa gefunden? „Noch nicht, wir suchen noch!“
Hilft ihr Katie Holmes dabei, mit der sie am Dienstagabend bei Giorgio Armanis Shop-Eröffnung an der Avenue Montaigne zu sehen war? Da dreht sie sich wortlos um. Fachfragen beantwortet sie gern, persönliche nicht - auch das gehört zum Stilwechsel. Unkonventioneller ist da schon Charlotte Casiraghi, die als Tochter Prinzessin Carolines von Monaco zum Freundeskreis Karl Lagerfelds gehört und sich als Zwanzigjährige in der ersten Reihe nicht unbedingt ihrer Umgebung anpassen muss.
Ihr beige-oliv-farbenes Strick-Minikleid stammt denn auch, wie sie fröhlich zugibt, nicht von Chanel - aber immerhin die weißen Stiefeletten. Solche Markenuntreue kommt bei den Präsidentengattinnen nicht vor. Bernadette Chirac ließ sich im Grand Palais ebenso in Chanel nieder wie ihre Vorvorvorgängerin als „Première Dame de France“ Claude Pompidou, die sich - sie ist 94 Jahre alt - zu mehreren Schauen bequemte und in kerzengerader Haltung die ewige Warterei erduldete.
In Chanel bei Chanel: An der Seite von Bernadette Chirac ist Claudette PompidouBei Gaultier wies „Madame Georges Pompidou“, als die sie ihre Platzkarte auf dem Stuhl auswies, ihre Nachbarin mit sichtbarem Gefallen auf das Kleid mit der Nummer 32 hin, das unter dem Titel „Immaculata“ die von Gaultier reichlich bemühte religiöse Metaphorik über einen Ganzkörperspitzenbesatz ins Fetischistische drehte.Gewagter konnte nicht einmal Dita von Teese denken oder handeln, die Bald-nicht-mehr-Frau von Marilyn Manson, aus dessen Haus sie zu Weihnachten auszog, ohne dass er es zunächst bemerkt hätte - nur gut ein Jahr nach der Hochzeit mit dem Schockrocker auf dem irischen Schloss des österreichischen Künstlers Gottfried Helnwein unter musikalischer Begleitung des deutschen Sängers Max Raabe.
Frau von Teese will oder muss sich nun offenbar neu orientieren. Sie saß also dauernd in der ersten Reihe, perfekt geschminkt für die gierigen Kameras. Und weil sie schon mal da war, hatte Jean-Paul Gaultier eine Idee: Er schickte sie über den Laufsteg. „Wer sich gut ausziehen kann“, befand der Couturier nach der Schau in Anspielung auf die Vergangenheit der Dita von Teese, „der kann sich auch gut anziehen.“ Das schon. Aber würdevoll über den Laufsteg zu schreiten will auch gelernt sein.
Die Vierunddreißigjährige führte, perfekt geschminkt, die Modelle mit den Nummern 10 („Laudes“) und 35 („Macarena“) über den Laufsteg, als wären ihre Beine aus dem Holz einer gotischen Marienfigur. Man sollte den Models nicht einfach den Job wegnehmen. Sonst müssen die am Ende noch in die erste Reihe.
Text: F.A.Z.Bildmaterial: Daniel Pilar