March 10th, 2006
Interview mit Gottfried Helnwein
Österreicher im Ausland

Herr Helnwein, Sie sind weltweit tätig und werden beobachtet haben, welche Verhaltensweisen, Eigenschaften Österreicher, die im Ausland leben, aufweisen. Können Sie dazu eine Aussage treffen?

Ich treffe selten Österreicher im Ausland. Mir fällt jetzt kein gemeinsamer Nenner ein, weil das in erster Linie Individuen sind und jeder völlig anders ist. Peter Wolf ist ganz anders als Arnold Schwarzenegger oder Hans Janicek in New York. Es handelt sich hier um völlig unterschiedliche Persönlichkeiten und deshalb sehe ich keinen gemeinsamen Nenner. Ich kann also nicht pauschal sagen, welche Eigenschaften und Verhaltensweisen Österreicher im Ausland zeigen.

Interessant ist, dass diese Personen, die Sie jetzt beispielhaft für viele andere Auslandsösterreicher nannten, höchst erfolgreich sind. Worauf ist dies Ihrer Meinung nach zurückzuführen?

Das ist schwer zu sagen. Ich glaube, dies liegt an der Einzelperson und was die jeweilige Person sich vorgenommen und was sie im Leben umgesetzt hat. Was Österreich jetzt damit zu tun hat, ist für mich nicht klar.

Sie sagen, es kommt darauf an, was man sich vorgenommen hat. Zeichnet Österreicher, die im Ausland leben, demnach eine gesunde Portion Zielstrebigkeit aus?

Ich glaube, jeder Mensch, der irgendetwas erreichen will, muss zielstrebig sein. Er muss eine Vision von seiner Zukunft entwickeln und die Kraft aufbringen diese Vision auch in die Realität umzusetzen.Österreichspezifisch ist folgendes zu sagen: Österreich ist ein kleines Land ist, was die Fläche und die Einwohnerzahl betrifft. Aus meiner Sicht hat es viele Qualitäten und eine großartige alte Kultur. Es ist ein wunderschönes Land, das aber eine gewisse Enge aufweist. Ich glaube, wenn es einen gemeinsamen Nenner für die Menschen gibt, die Österreich verlassen haben und woanders ein neues Leben aufgebaut haben und Erfolg hatten, dann ist es der, dass sie – zumindest die wenigen, die ich kenne – nicht mehr nach Öster-reich zurückgehen würden, weil sie dort das Gefühl einer unglaublichen Enge haben. Das Ausland bietet viel größere Freiheiten mit mehr Möglichkeiten.

Sie sprachen von Kultur, was verstehen Sie konkret darunter?

Darunter verstehe ich die Tradition, die von vielen Kreativen über Jahrhunderte hinweg entwickelt wurde. Das heißt die Musik großer Komponisten, es gibt eine große Anzahl weltbekannter Schriftsteller, große Maler, Philosophen, um nur einige Sparten zu nennen, also Menschen, die verantwortlich sind, dass Kultur entsteht. Viele Österreicher haben enorm beigetragen zur Weltkultur. Man merkt, wenn man nach Österreich kommt, dass dieses Land über eine lang zurückreichende Tradition verfügt und wesentliche Impulse gegeben hat. .

Bei bisherigen Interviews kam immer wieder durch, dass Österreicher eine sehr hohe Portion Charme auszeichnet. Sie nehmen die Dinge nicht so wahnsinnig ernst. Auf der einen Seite sind sie zwar zielstrebig, auf der anderen Seite zeigen sie Charme und Humor. Beides in einer gesunden Mischung. Können Sie das bestätigen, wie sehen Sie das?

Es fällt mir immer schwer, zu pauschalieren. Man kann zwar verschiedene Mentalitätszüge bei verschiedenen Gruppen von Menschen sehen, das stimmt, aber ich bin trotzdem sehr vorsichtig zu pauschalieren, dass Österreicher charmant sind, -das wäre mir zu einfach.Von Österreich kenne ich vor allem Wien. Da bin ich aufgewachsen, da habe ich lange gelebt. Wien ist mir sehr vertraut. Auch die Wiener Sprache und die Wiener Mentalität kenne ich ein bisschen, aber ich würde mir nicht anmaßen, über Westösterreich zu urteilen. Ich kenne Salzburg nicht gut, kann wenig über die Steiermark sagen. Aber was Wien betrifft, würde ich nach meiner eigenen Erfahrung sagen, es gibt hier einen ganz bestimmten Humor. Es gibt einen sehr intelligenten Witz bei manchen Leuten. Vor allem bei Leuten aus dem Arbeitermilieu habe ich bemerkt, dass sowohl Sprache als auch Humor eine hohe Qualität aufweisen.

Wie haben Sie die Wiener erlebt?

Die Menschen können sehr freundlich sein, sie reden sehr gerne. Ich weiß aber auch, dass es hier sehr viele Intriganten gibt, dass die Menschen nicht immer direkt und offen sind. Sie sind natürlich verschieden, aber dass es so was wie Missgunst und Neid gibt, muss ich aus eigener Erfahrung sagen.Ich habe in anderen Ländern gesehen, dass das dort nicht unbedingt so ist. Ich habe zum Beispiel eine Zeitlang in Süditalien gelebt. Mir ist vor allem aufgefallen, dass dort Eigenschaften wie Zynismus und Sarkasmus – zumindest wo ich war, das war in der Nähe von Neapel – vollkommen unbekannt sind, das ist einfach nicht vorhanden. Allerdings hatten die Menschen dort auch keinen Humor, sie waren lustige Leute, fröhlich, lebensbejahend, wahnsinnig warme, herzliche Menschen, es war wirklich angenehm, dort zu leben, aber der Sinn für Humor fehlte und es fehlte aber auch der Sinn für Sarkasmus und Zynismus. Oder in Irland, wo ich seit acht Jahren lebe, sind die Leute ehrlich, direkt, herzlich und offen. Sie sind nicht falsch.Unter den Wienern muss ich schon sagen, sind relativ viele Leute, die falsch sind und einen jederzeit in den Rücken fallen, wenn sie die Möglichkeit sehen. Sie reden einem schön ins Gesicht. Kaum hat man sich umgedreht, hat man die übelste Nachrede, die man sich nur vorstellen kann.Und was ich auch bemerkt habe, ist, dass überhaupt die deutschsprachigen Länder – ich habe lange in Deutschland gelebt – eine große Tendenz zum Neid haben, das ist sehr verbreitet: Neid auf den Nachbarn, Neid auf den Erfolg des anderen.Mir fällt es deshalb so stark auf, weil es das in Amerika kaum gibt.. Ich will nicht sagen, dass es das nicht gibt, aber in einem weitaus geringerem Maße, als hierzulande. In Amerika ist das so, wenn jemand Erfolg hat, ist eher die Tendenz, dass alle sich darüber freuen.. Das ist in Österreich nicht so, vor allem in Wien. Wenn jemand erfolgreich ist, arbeiten viele Leute dran, ihn wieder herunterzuziehen.

Das hängt vielleicht mit der Enge zusammen, die Sie vorhin geschildert haben?

Das könnte ein Grund sein, weil es ein relativ kleines Land, ein kleiner Markt ist und weil wahrscheinlich sehr viele fähige, talentierte Leute auf sehr engem Raum zusammenleben. Dies könnte ein Grund sein. Ich glaube aber auch , dass die Historie eine Rolle spielt .

Meinen Sie die Historie, dass Österreich immer ein Land war, das vermitteln, Konflikte bearbeiten musste?

Also, was das betrifft, auf diesen Teil der Geschichte bin ich sehr stolz. Ich glaube, dass diese österreichisch-ungarische Monarchie, diese Donaumonarchie, dieser Vielvölkerstaat, dieses vorweggenommene kleine vereinte Europa nahe am Balkan, dass dieses staatliche Gebilde im Moment viel zu gering eingeschätzt wird. Maria Theresia war eine ganz erstaunliche Herrschergestalt, die durch Intelligenz, Geschick, Charakter, durch Integrität und durch Schlauheit eher auf Verhandlung, auf Verheiratung als auf Kriege wie zum Beispiel Friedrich der so genannte Große, gesetzt hat.Ich glaube, dass das Verhandeln anstelle Kriege führen, das Schlichten von Streitigkeiten anstelle losschlagen eine typisch weibliche Eigenschaft ist. Ich glaube überhaupt, dass in der Geschichte immer ein Ungleichgewicht zwischen dem männlichen und dem weiblichen Element bestand, weil Frauen doch in den meisten Kulturen der letzten tausend Jahre als minder eingestuft wurden, weniger Rechte hatten, unterdrückt waren und die Männer eine viel zu große Rolle spielten. Und es scheint so zu sein, dass ein Großteil der Männer Kriege, Pogrome, Hexenverbrennungen und dergleichen aus irgendeinem Grund geradezu brauchen, anstreben. Frauen suchen eher andere Wege, meiner Meinung nach intelligentere, weitsichtigere. Daher wäre es zum Besten der Welt, so glaube ich, wenn es eine Art Balance zwischen den weiblichen und männlichen Elementen gäbe, es sollten mindestens so viele Frauen in Führungspositionen in der Wirtschaft und der Politik, wie Männer geben. Es würde meiner Meinung nach viel mehr Harmonie, Frieden und Vernunft einkehren.Österreich hat immer etwas Weibliches für mich gehabt, da es als Vielvölkerstaat mit so vielen verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen ja notgedrungen gezwungen war zu verhandeln. Man musste auch intern ständig verhandeln und Kompromisse finden Ganz anders ist es z.B. in einem Nationalstaat, der durch eine Sprache vereint ist, wie Frankreich, das streng zentralistisch organisiert ist. Das war historisch in Österreich gar nicht möglich, vor allem weil der deutschsprachige Anteil in der Minderheit war. Und ich glaube, dieses Gemisch aus verschiedenen Völkern und Traditionen hat dem Land gut getan, dieser Schmelztiegel hat eben auch dazu beigetragen, dass bedeutende und außergewöhnliche Kunst entstanden ist. Österreich hat eine Tradition von erstaunlich eigenständiger und interessanter Kunst, die nirgendwo in der Welt in ähnlicher Form existiert. Ganz spezifisch die Literatur, die Musik. Zu beidem habe ich eine große Affinität und spüre ganz intensiv ein Heimatgefühl.

Sie sprachen vom Schmelztiegel. Kann man dementsprechend jetzt auch folgern, dass sich das auf die Mentalität, auf Verhaltensweisen, Eigenschaften etc. der Menschen niedergeschlagen hat? Es muss ja wohl so sein.

Ja, ganz sicher, man kann ja auch den Einfluss der Slowaken , der Tschechen, der Ungarn sehen. Die jüdische Bevölkerung hat einen großen Anteil. Im 19. Jahrhundert war Kaiser Franz Joseph einer der ersten, der den Juden völlige Gleichberechtigung einräumte, alle Bürgerrechte zugestanden hat, was bis dahin nicht der Fall war. Die Juden haben diesen Kaiser unglaublich verehrt und es ihm gedankt, indem sie halb Wien aufgebaut haben und große Sponsoren und Kunstmäzene waren. Viele jüdische Bürger waren vor allem Schriftsteller, Wissenschaftler und Künstler.Auch die Nähe zu Italien hatte einen Einfluss auf Österreich. Das Barock und auch die katholische Kirche, diese sehr unterschiedlichen alten Traditionen sind alle hier zusammengetroffen. Das ist ganz anders als wenn ein Land rein calvinistisch, monolithisch ist. Es wird weniger reichhaltig sein, es wird limitiert kulturell gesehen. In Österreich mussten alle diese verschiedenen Glaubensbekenntnisse, Traditionen nebeneinander leben und miteinander auskommen.Das hat den Vorteil, dass die Österreicher kompromissbereiter sind, erfinderisch darin, manchmal auch faule Kompromisse zu finden um des lieben Friedens willen, zu schwindeln. Im Negativen kann man dann sagen, dass sich vielleicht eine Art von Falschheit und Intrigantentum entwickelt hat. Das ist natürlich reine Spekulation von mir.Und wahrscheinlich ist es auch, dass Österreich, als es diese enge Verbindung zu den anderen Kronländern verloren hatte und als kleines Überbleibsel dann vegetieren musste, dass das wahrscheinlich ein dramatisches Ereignis für die Menschen war. Man hat praktisch alle Glieder verloren und der Größenwahn war immer noch da „wir sind besser und wir sind etwas Besonderes“, aber die Realität war einfach ein kleines Reststück: Der Rest ist Österreich, hieß es ja.Und ich glaube, die zwei verlorenen Weltkriege haben zumindest in meiner Kindheit in der Nachkriegszeit dazu geführt, dass dieses Land vorerst einmal ein schreckliches Land war, was man verstehen kann. Die Leute waren deprimiert, waren grantig. Wien war kein guter Platz. Ich muss aber sagen – jetzt, wo man zurückkommt nach so langer Zeit – Wien hat sich enorm verändert und zu seinem Vorteil gewaltig entwickelt. Vor allem der Fall des Eisernern Vorhangs und die Verbindung mit den ehemaligen Kronländern, die offensichtlich eine große Sehnsucht haben, mit uns die Verbindung wieder aufzunehmen und uns zu besuchen, haben dem Land gut getan, wie ein frischer Wind, der durch Österreich weht.

Wenn man das, was sie eben sagten, unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten sieht, dann sind die österreichischen Unternehmungen in den so genannten Kronländern, in den Reformstaaten höchst erfolgreich.

Was ganz logisch ist. Diese Verbundenheit zwischen diesen Ländern und Völkern ist über Jahrhunderte gewachsen. Die Leute täuschen sich, wenn sie denken, dass dann, wenn man auf der Landkarte irgendwelche willkürlichen Grenzen zieht, dass dann das Gefühl des Zusammengehörens aufhört. Da ist etwas Geistiges, Ideelles, ein Gefühl und nichts Materielles vorhanden Auch ein eiserner Vorhang kann nur eine Art Schmerz erzeugen und Frustration, aber wird das nicht aufheben, was durch lange Zeit entstanden ist. Im Unbewussten besteht die Sehnsucht nach Kontakt und Gemeinsamkeit weiter. Daher ist es für mich völlig klar, dass in dem Moment, als die Grenzen offen waren, die alten Strukturen und Verbindungen sofort wieder auflebten, dass wieder „Blut“ fließt. Österreichs Politiker und natürlich viele österreichische Unternehmen haben auf diese neue Situation völlig richtig reagiert und die entsprechenden Initiativen gesetzt.Ich habe beobachtet, dass Österreich durch lange Zeit eher im Schatten von Deutschland stand. Die Deutschen hatten das Wirtschaftswunder Das machte sie zum Teil überheblich. Die Österreicher, das war mein Eindruck, waren immer hinten, wirkten ein wenig lächerlich aus der Sicht der Deutschen oder auch der Schweizer. Wir wurden belächelt. Wir Österreicher waren hin und hergebeutelt zwischen Größenwahn und Selbstüberschätzung, Minderheitskomplexen und Nestbeschmutzung.Ich habe den Eindruck, dass nun eine deutliche Entspannung zu spüren ist. Man spürt das, die Leute sind gelassener, es ist ein unglaublicher Wohlstand, große Kaufkraft vorhanden. Es gibt viele Leute, die sehr erfolgreich in der Wirtschaft geworden sind. Am ehesten merkt man so was in der Kunst. Der Kunstmarkt ist immer der beste Seismograph. Denn wenn sich irgendwo eine wirtschaftliche Verschlechterung ankündigt, sind es zwei Dinge, die eingestellt werden:- Die Leute kaufen weniger Rennpferde Das weiß ich jetzt von Irland, wo ich lebe, dem Zentrum für Pferdezucht.- - Sie kaufen auch weniger Kunst.Ich habe die meisten meiner Sammlungen im Ausland, in Amerika vor allem und in verschiedenen anderen Ländern Ich habe mich um den österreichischen Markt nie gekümmert, weil ich ihn gar nicht für existent gehalten habe. Ich hatte ganz wenige sehr wohlhabende Leute, die immer treue Sammler von mir waren, aber ich habe das nie als Markt gesehen. Aber ich merke jetzt, dass immer mehr Österreicher kommen, die relativ jung und erstaunlich wohlhabend sind und im großen Stil anfangen, Bilder zu kaufen. Das hat es vorher nie gegeben. Geld war immer ein Problem und jetzt tauchen Leute auf, relativ jung, selbstbewusst und gelassen, die sehr großzügig Kunst kaufen.

Herzlichen dank für Ihre interessanten Ausführungen.