December 1st, 2005
Gespräch mit Gottfried Helnwein
Marc Kayser
Das Interview war ürsprünglich für die Weltwoche geplant, wurde aber dann nicht veröffentlicht
Gibt es irgendwelche Bezüge zur Schweiz? Helnwein: Ich werde in Amerika meistens als deutscher Künstler, weniger oft als österreichischer, und manchmal auch als schweizer Künstler bezeichnet. Richtig ist, dass ich in Zürich ein Büro habe, über das ich kontaktiert werden kann – eine zweisprachige schweizer website habe ich übrigens auch. Manche Schweizer werden sich noch an das Jeanmaire-Plakat erinnern, das ich vor langer Zeit für Urs Widmers Theaterstück „Jeanmaire – ein Stück Schweiz“ gemalt habe. Das hat damals für ein bisschen Hektik gesorgt, - Sogar der Bundesrat in Bern hat sich des Themas angenommen und sich Sorgen um mich gemacht, die Schweizer Illustrierte brachte eine Cover-story dazu, und der Fernsehpfarrer hat mir sein „Wort zum Sonntag“ gewidmet, um mir gehörig den Kopf zu waschen. Was mir übrigens tatsächlich an der Schweiz imponiert ist, dass sie wohl das einzige Land ist, das eine wirklich demokratische Verfassung hat. Die Vorstellung, dass das Volk sogar die Armee abschaffen könnte, wenn es nur wollte ist, ist so einmalig in der ganzen Menschheitsgeschichte, dass einem ganz schwindelig werden könnte bei dem Gedanken.

Köln, Domcafe, Dezember, 2005

Helnwein: Ich werde wahrscheinlich alt und sonderlich, aber es ist mir plötzlich ein Hochgenuss, mich mit Bäumen, Büschen, Elstern und Kühen zu unterhalten. Ausserdem kann man hier in Irland auch Elfen und Leprechauns treffen, wenn man sich anständig benimmt.

Helnwein: Ich muss einen Baum nur ansehen, dann weiss ich, ob es ihm gut geht oder nicht. Ich glaube, dass jedes Lebewesen, sei es ein Mensch, ein Tier oder eine Pflanze auf Bewunderung reagiert. Das machen ja viele Leute, einfache Hausfrauen, Naturphilosophen - alle mögliche Spinner reden mit Pflanzen und sind der Meinung, dass sie dann besser gedeihen. Und wie Sie ja vielleicht wissen geben Kühe mehr Milch, wenn man ihnen Mozartmusik vorspielt.

Helnwein: Meine Arbeit wird in erster Linie durch den Verfall der menschlichen Gesellschaft, inspiriert der Dekadenz des urbanen Lebens, dem sogenannten Untergang des Abendlandes. Das ist mein Thema. Deswegen ist Los Angeles, für mich auch der ideale Ort für mein Arbeit. Die Stadt ist wie eine offene Wunde, Ich habe den Eindruck, dass man hier den augenblicklichen, tatsächlichen Zustand der westlichen Welt klarer sehen als sonst irgendwo. Aus irgendeinem Grund versucht hier gar niemand dieses Chaos zu regulieren oder irgendetwas an der Situation zu kaschieren. 142 verschiedene ethnische Gruppen sind hier vertreten, es gibt riesige mexikanische Stadtviertel wo nur Spanisch gesprochen wird, es gibt Armenische, Koreanische, Persische Viertel und Gegenden in denen nur Chassidische Juden leben, die am Shabbat mit riesigen Pelzhüten und Kaftanen mit Ihren Kindern unter Palmen spazieren gehen und genauso aussehen wie Ihre gallizischen Vorfahren am Beginn des 19ten Jahrhunderts.Es gibt durch Schlagbäume und Privatarmeen gesicherte Villenviertel der Reichen, und Nobelbezirke in denen man all die erstaunlichen Kreationen und Wunder plastischer Chirurgie bewundern kann. In Downtown, ein paar Häuserblocks von meinem Atelier entfernt gibt es ganze Strassenzüge mit tausenden, meist schwarzen, Obdachlosen, die entweder apathisch auf den Bürgersteigen kauern oder verwirrt, schreiend und wild gestikulerend durch die Strassen irrlichtern. Und ein Stück weiter ist dann South Central, wo es Gebiete gibt, die so gefährlich sind, dass nicht einmal die Polizei da hinfährt, wo zum Teil Kinder mit einer Magnum im Hosenbund herumlungern und den Drogenhandel kontrollieren.Und in der selben Stadt befindet sich seit einem Jahrhundert das Zentrum der Traum- und Illusions-Industrie der Welt: Hollywood.Los Angeles ist der Theme park: „Apokalypse now“.Und um auf die Frage zurück zukommen, Natur und Bäume sind nicht das, was mich in erster Linie zu m einer Kunst inspiriert, leider. Ich habe mir oft gewünscht ich wäre ein Künstler des frühen 19. Jahrhunderts und könnte so arbeiten wie Caspar David Friedrich.