Ich bin im Wien der Nachkriegszeit aufgewachsen - in Favoriten, welches damals zur sowjetischen Besatzungszone gehörte. Ich hatte das Gefühl in der Vorhölle gelandet zu sein. Alles in meiner Erinnerung ist dunkel und schwer, ich hörte niemals jemanden lachen oder singen, und die Menschen die mich umgaben, angetan mit Klepper-Mänteln und Goiserern, erschienen mir grantig, schwerfällig und hässlich. Die einzige Form von Kunst, die ich erlebte, waren die Leidens- und Folterdarstellungen in den kalten Kirchenschiffen, wo ich einen grossen Teil meiner Kindheit zubrachte. Die Bilder des von Pfeilen durchbohrten Heiligen Sebastian, und anderer sterbender Heiliger, die verzückt gen' Himmel blickten, heilige Leichname, Wundmale, Marterwerkzeuge und Herzen, aus denen kleine Flammen züngelten, prägten sich tief in meine kindliche Seele ein, und verfolgten mich in meinen schlaflosen Nächten.So dämmerte ich dahin in dieser Schattenwelt, - bis mein Vater eines Tages das erste Micky Maus Heft nach Hause brachte.Als ich es öffnete und zum ersten mal in meinem Leben Entenhausner Boden betrat, fühlte ich mich wie einer, der bei einem Grubenunglück verschüttet worden war, und nun nach vielen Tagen Dunkelheit das erste mal wieder ans Tageslicht trat. Ich blinzelte, denn ich musste mich erst an das gleissende Licht der Entenhausner Sonne gewöhnen, und sog gierig die frische Brise die vom Geldspeicher Dagobert Ducks herüberwehte, in meine staubigen Lungen.Ich war wieder daheim, in einer vernünftigen Welt, in der man von Straßenwalzen plattgewalzt und von Kugeln durchlöchert werden konnte, ohne Schaden zu erleiden, in einer Welt, in der die Menschen wieder anständig aussahen, mit gelben Schnäbeln oder schwarzen Knäufen als Nase. Und hier traf ich auch jenen Mann, der mein Leben verändern sollte, von dem der Poet H. C. Artmann einst sagte, er sei der einzige Mensch, der uns heute noch etwas zu sagen habe: Donald Duck.
Donald Duck verkörpert das neue Menschbild. Er ist die Ankündigung und Ahnung einer neuen Zeit. Er ist nicht mehr Abbild der sogenannten Realität oder eine weitere Imitation des griechischen Vorbilds, sondern Schöpfung im eigentlichen Sinn des Wortes. - Eine Creatio ex nihilo.Seine Form ist aus dem idealen geometrischen Prinzip, der Kugel, abgleitet.Es gibt keine Ecken und Kanten, alles an Donald ist rund und weich und fließend. Und obwohl er gar nicht aussieht wie ein Mensch, sondern eher an eine Ente erinnert, verkörpert er das Menschliche doch mehr als alle Werke der bildenden Kunst vor ihm. Was ist an der Mona Lisa denn menschlich? Sie erinnert zwar äußerlich an eine weibliche Gestalt, aber bei aller malerischen Qualität hat sie doch sehr wenig mit einem wirklichen Menschen zu tun.Es ist erstaunlich, daß dieser kleine künstliche Erpel ein soviel besserer Spiegel der menschlichen Seele ist. An ihm erkennen wir unsere Ängste, unsere Unsicherheiten und Schwächen, unsere Dummheiten und Eitelkeiten, unsere Bosheiten, unseren Neid und unsere Einfalt. Aber auch jene Starrköpfigkeit, mit der wir nach jeder Niederlage, nach jedem Scheitern und nach jeder Katastrophe wieder aufstehen und neu beginnen.
Die archaischen Aphorismen, sinnigen Sentenzen, merkwürdigen Metaphern und wundersamen Weisheiten, welche die Sprache Entenhausens prägen, haben mich stets begleitet auf meinem Lebensweg und waren mir Erbauung, Mahnung und Trost in dunklen Stunden.Ich verweise hier zum Beispiel auf den, nur schwer widerlegbaren, Ausspruch Dagobert Ducks: "Feingold ist besser als kein Gold" oder auf die Erkenntnis Daniel Düsentriebs: »Das beste Werkzeug ist ein Tand in eines tumben Toren Hand«Bemerkenswert auch der erhabene Epilog einer ehrbaren Entenhausnerin: »Ich erziehe meine Töchter nach dem Grundsatz: 'Im Entsagen reich, im Ertragen stark, in der Arbeit unermüdlich!' Sittenloses Treiben lehne ich ab.«Wenngleich für mich und Tick, Trick und Track eher galt:«Wir pfeifen auf Pomade, auf Seife, Kamm und Schwamm! Und bleiben lieber dreckig und wälzen uns im Schlamm!»Und vergessen Sie bitte nicht den legendären Satz des Maharadschas von Zasterabad: «Die schlichten Bürger von Entenhausen sind von meiner Pracht geblendet. Man halte an, auf daß ich ein paar Rupien unter das Volk werfe!»Oder die existenzielle Frage Donalds: «Schnurrli, Schnurrli, was soll das? Was ficht dich an?»
In verfänglichen oder peinlichen Situationen: "Schluck!" - Wenn ich in den USA bin: "Gulp!"
Im Gegensatz zu uns Menschen hat er unten ja nichts zu verbergen, - eine schneeweisse Kugel prangt da unter seinem Matrosenjäckchen, mit einen kecken Bürzel hintendran. Also nichts wofür man sich schämen müsste.
Die schönsten Stunden meiner Kindheit habe ich in Onkel Dagoberts Geldspeicher verbracht. Es war mir stets ein ausserordentliches Vergnügen, gemeinsam mit Bankier Duck, wie ein Seehund in dessen Taler zu springen, wie ein Maulwurf darin herumzuwühlen und sie in die Luft zu werfen, so dass sie uns auf die Birne prasselten.
Warum sollte er? Er wäre der erste Mensch, der für seine Grossneffen Alimente zahlen würde.( -Was haben Sie denn für eigenartige Vorstellungen von der Gestzeslage in Entenhausen?)
Sie sind Cousin und Cousine, möglicheweise zweiten Grades. Also kein Hindernis für die zarten Bande, die Donald unermüdlich zu knüpfen versucht. (- Ich weiss, in der katholischen Kirche stellt die Verwandtschaft zwischen Cousins und Cousinen ersten Grades ein Ehehindernis dar, - von welchem aber dispensiert werden kann, - wohlgemerkt. Im Zivilrecht der meisten Länder ist die Ehe zwischen Cousin und Cousine sowieso erlaubt.) Aber in Entenhausen gibt es ohnehin keinen Geschlechtsverkehr, keine Vater- oder Mutterschaft und damit auch keine der unangenehmen Begleiterscheinungen der Sexualität, wie Ehezwist, Scheidung, Vergewaltigung, Selbstbefriedigung oder dergleichen. Alle Verwandschaft tritt in der Regel in Onkel- Grossonkel- Tanten- und Vetternform auf. (Eine Ausnahme wäre Oma Duck, aber ich würde diese Bezeichnung nicht zu wörtlich nehmen).
Wenn Sie einen Erbonkel haben, dessen Vermögen sich auf etwa 50 Fantastilliarden Taler beziffert, dann können Sie weiterreden.
Wie kommen Sie denn auf diese Idee?
Die Fragen, die mich seit jeher quälen, beziehen sich ausschliesslich auf den Menschenkosmos, den ich äusserst fragwürdig und und undurchschaubar finde.In Entenhausen hingegen ist die göttliche Ordnung noch intakt.

Das Zeichnerische und poetische Werk von Carl Barks.25. März 2007 - 04. November 2007Karikaturmuseum Kremswww.karikaturmuseum.atKatalog147 SeitenHardcoverISBN 3-902407-04-2Ausstellung: Konzept und Organisation: Gottfried Helnwein in Zusammenarbeit mit Carsten Laqua.Katalog: Konzept, Layout, Texte: Gottfried Helnwein in Zusammenarbeit mit Manfred Deix und Carsten Laqua.
Gottfried Helnwein konzipierte und organisierte die erste Musumsausstellung des künstlerischen Werkes von Carl Barks. Von 1994 bis 1997 wurde die Retrospektive in zehn europäischen Museen gezeigt und von über 400 000 Menschen gesehen. - 2007 stellt er die Ausstellung für das Karikaturmuseum Krems neu zusammen, die nun das erste mal in Österreich gezeigt wird.
"Donald Duck in den Cartoons wie die Unglücklichen in der Realität erhalten ihre Prügel, damit der Zuschauer sich an die eigenen gewöhnen kann."Theodor W. Adorno
