Graz – Einen "Erinnerungsexzess" wollte Theatermacher Karl Welunschek im Grazer Stadtmuseum für den 2005 verstorbenen Grazer Schriftsteller Wolfgang Bauer inszenieren. Welunschek ließ Interviews mit Freunden, Kollegen, Verwandten und anderen Menschen, die Bauer in irgendeiner Phase seines Lebens näher standen, filmen (Videoproduktion: artmedia), um die Filme in ausgedienten Wahlkabinen zu einer Erinnerungs-Installation in vier Räumen des Grazer Stadtmuseums zusammenzufügen.
Unter den Erinnerungsspendern: Witwe Heidi und Sohn Jack Bauer, die Künstler Gottfried Helnwein (der auch das Plakat zur Ausstellung gestaltete), Gustav Troger, Peter Weibel und Günter Waldorf und Weggefährten aus dem Literatur- und Theaterbetrieb, wie Alfred Kolleritsch, Klaus Hoffer, Ide Hintze, Kurt Palm, Rosa Pock-Artmann, Gert Jonke und Barbara Frischmuth. Die Installation "Memory XS", für die man – will man alle 36 Protagonisten hören – sechs Stunden benötigt, eröffnet heute, Donnerstag zwischen den vom Bühnenbildner Gerhard Fresacher bemalten Wänden, und ist Teil einer zerrissenen Hommage der Stadt an einen ihrer größten Literaten.
Denn warum das Stadtmuseum, dessen Jahresbudget einen Bruchteil von dem des Literaturhauses Graz darstellt, die Bauer-Ausstellung allein bestreitet, ist weder logisch noch synergietechnisch erklärbar. Im Literaturhaus wurde am Mittwoch der im Sonderzahlverlag vom Leiter des Hauses, Gerhard Melzer, herausgegebene Reader "Ein schlimmes Kind bin ich" mit chronologisch geordneten Prosa- und Lyriktexten sowie Dramen Bauers präsentiert, gleichzeitig läuft seit Monaten "Magic Afternoon" in einer Inszenierung von Ernst M. Binder – der Standard berichtete. Und am Freitag wird das Grün hinter dem Palais mit Hilfe des Aktionskünstlers Erwin Posarnig zum "Wolfgang Bauer Park" mutieren.
Doch die große Ausstellung, wie auch ein Bauer-Symposium mit Germanisten und Autoren wie Julika Funk, Thomas Eder und Ferdinand Schmatz, wird von Paul Pechmann, der auch die wissenschaftliche Leitung von "Memory XS" übernahm, im Juni im Stadtmuseum organisiert.
Unbestritten schön und erfreulich, dass ein Stadtmuseum auch seine Dramatiker als zu würdigenden Teil der Geschichte der Stadt begreift. Doch den Hauch einer angeblichen Kooperation zwischen den zwei wichtigen Institutionen sucht man vergeblich. Es sei denn, man lässt als Kooperation gelten, dass Bauer-Spezialist Pechmann das Literaturhaus und den Bauer-Spezialisten Gerhard Melzer im Unfrieden in Richtung Stadtmuseum verließ. Pechmann will die beim Symposium gesammelten Referate ebenfalls herausgeben – unter dem Titel Wolfgang Bauer. Lektüren und Dokumente (Ritter Verlag) werden Faksimiles und bislang unveröffentlichte Fotos feil geboten. Die für Philologen wirklich interessanten Dokumente liegen laut Pechmann allerdings in Wien, der Nachlass Bauers einstweilen noch bei seiner Familie.
Also hört man im Stadtmuseum das, was Welunschek noch 2006 für sein Projekt ausschloss: "Wolfi-Schnurren", spannende und weniger spannende. So sagt etwa Herbert Achternbusch etwas, das für den auch abseits des Museums und schon zu Lebzeiten tobenden Erinnerungsexzess, wo jeder Grazer Schnapsausschenker Bauer nah gestanden haben will, symptomatisch ist: "Alle sagen, ja, der Wolferl. Das mag ich nicht. Ich sag': der Herr Bauer. Das ist man ihm auf jeden Fall schuldig".
(Colette M. Schmidt / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.5.2007)
