February 1st, 2007
Los Angeles
Gespräch mit Gottfried Helnwein
Helmut Sorge
Über das Leben in Los Angeles
Meine Arbeit wird in erster Linie durch den Verfall der menschlichen Gesellschaft, inspiriert der Dekadenz des urbanen Lebens, dem sogenannten Untergang des Abendlandes. Das ist mein Thema. Deswegen ist Los Angeles, für mich auch der ideale Ort für mein Arbeit. Die Stadt ist wie eine offene Wunde, Ich habe den Eindruck, dass man hier den augenblicklichen, tatsächlichen Zustand der westlichen Welt klarer sehen kann, als sonst irgendwo. Aus irgendeinem Grund versucht hier gar niemand dieses Chaos zu regulieren oder irgendetwas an der Situation zu kaschieren.

Das Gespräch mit Gottfried Helnwein fand im Dezember 2006 in seinem Atelier in Downtown Los Angeles statt.Helmut Sorge

Ich bin immer ein Einzelgänger gewesen. Für mich war es am wichtigsten, unabhängig zu sein. Ich bin ständig unterwegs gewesen und habe mich nie wirklich irgendwo zu Hause gefühlt, habe nie das Gefühl von Heimat gehabt. Das mag ein Defekt sein. Auf meiner langen Wanderschaft bin ich nun ausgerechnet in Los Angeles gelandet und muss sagen: Für mich, meine Arbeit, für das, was mir wichtig ist, also für kreative Menschen allgemein, ist „L.A.“ derzeit die beste Stadt der Welt. Hier existiert ein Maß an Freiheit, das es woanders nicht gibt.

Los Angeles ist eine verkannte Stadt. Wer L.A. hört, denkt sogleich an „cheap entertainment“, an Konsum und Schönheitschirurgie. Tatsächlich aber weist L.A. unter seiner Oberflächlichkeit unglaubliche Qualitäten auf. Die Einschätzung dieser Stadt ist unfair, aber mir soll es recht sein, denn gerade an Orten, die unterschätzt werden, gedeihen schöpferische Prozesse oft am besten. Vor allem in der Kunst. Kreativität braucht einfach ein gewisses Maß an Freiheit und Anarchie.

In L.A. kann ich die dümmsten und oberflächlichsten Leute treffen, aber auch die faszinierendsten Künstler. Bukowski hat hier gelebt, Raymond Chandler, Bertold Brecht, Max Reinhardt waren da, Marlene Dietrich, Ray Bradberry, Disney, Chaplin, Billy Wilder, Die Beach Boys, Marilyn Manson, John Cage, Ry Cooder, Beck, ....

Früher wurden diese Zustände in Paris kultiviert, in den 30er Jahren und dann, kurzfristig, in den 50er Jahren. Heute ist Paris, was die Kreativität angeht, ein totes Pflaster, eine hübsche Stadt, gut für Touristen. New York hatte seine große Zeit in den 60er Jahren. Die Künstler trafen sich in Soho oder in Greenwich Village, als dort niemand leben wollte. Sie haben sich die Lofts unter den Nagel gerissen und dort dieses schöpferische Biotop geschaffen. Das ist Geschichte. Die Zeiten sind vorbei. Die Künstler hatten die Schönheit und das Potential der alten Lofts erkannt und das Viertel belebt. Dann rückte die Modeindustrie nach und die Schickeria. Die Preise stiegen ins Unermessliche und heute ist alles ist in den Händen von Prada und Gucci. Die Entdecker haben den Ort längst verlassen.

Los Angeles, vor allem Downtown, ist nun dem Soho der 60er Jahre nicht unähnlich. Das wird nicht lange so bleiben, weil auch diese Viertel vor der Entdeckung stehen und folglich die Preise steigen werden. Noch sind sie sicher, die Freaks, die Maler, die Bildhauer, Anarchisten. In Los Angeles erlebe ich eine Art Freiheitsrausch. Ich habe das Gefühl, noch nie so frei gewesen zu sein in meiner Arbeit wie in dieser Metropole. Man fühlt sich unbeobachtet und frei. Wie anders New York: Politik bestimmt die Kunst, Politik in den Museen, das Getriebe in den Galerien, und ein Kurator ist wichtiger als der andere. Wichtig ist, wen man kennt, in welcher Galerie man ausgestellt wird, wichtig ist allein der Preis, der hochgetrieben wird wie Aktien an der Börse, oder fällt. Das hat mit Kreativität nicht viel zu tun.

L.A. hingegen hat keinen organisierten Kunstmarkt, keine homogene Kunstszene. Die Stadt ist, kulturell betrachtet, grösstenteils Dritte Welt. Kuratoren und Galerien haben keinen grossen Einfluss. Warum? Die Mehrheit der L.A. Bürger weiß gar nicht was eine Galerie ist. Das mag man bedauern, aber ich erlebe das als unglaubliche Chance und Freiheit, Los Angeles ist eine Stadt, die kein Zentrum hat und die sich auch nicht kontrollieren lässt. Ein Konglomerat, zusammengesetzt aus unendlich vielen ethnischen, sozialen und religiösen Gruppen, wahrscheinlich mehr als sonst irgendwo auf der Welt. Viele dieser Menschen sprechen kein Englisch, sie leben, wie sie wollen. Es ist praktisch alles erlaubt, eine Freiheit, die grenzenlos scheint: „nobody cares, nobody gives a shit“.

Mir gefällt diese Grundströmung, die seit Anfang des 20. Jahrhunderts hier zu beobachten ist. Wenn ich nur an diesen dürren Burschen denke, Walt Disney, der ohne einen Cent in der Tasche in L.A. ankam, ein mittelmäßiger Zeichner mit größenwahnsinnigen Träumen und Visionen und die konnte er hier verwirklichen, weil niemand ihn einschränkte, kritisierte, blockierte.

Dieser Geist lebt noch. Los Angeles war eine kleine unbedeutende Wüstenstadt, aber aus irgend einem unerfindlichen Grund wurde sie im 20ten Jahrhundert zum Fluchtpunkt aller Kreativen. Aus irgendeinem Grund fehlte hier das sonst übliche Netzwerk der Kontrolle, das darüber zu wachen hat, dass künstlerische Fantasie nicht in den Himmel wächst. Walt Disney hat sein Imperium erschaffen und damit, ästhetisch gesehen, die Welt ein bisschen verändert. Los Angeles hat ihn in seinen Phantasien, in seiner Kreativität nicht gebremst, so wenig wie Charlie Chaplin oder Billy Wilder – nicht zu reden von Arnold Schwarzenegger.

Denn das, was er erreicht hat, ist eigentlich gar nicht möglich. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der so ein ungebrochenes Selbstvertrauen hat wie Arnold, der vollkommen frei von jeglichen Selbstzweifeln ist. Er kam aus der österreichischen Provinz und war Bodybuilder zu einem Zeitpunkt, als das noch ein bisschen als peinlich galt. Was irgendjemand über Bodybuilding dachte, war ihm allerdings vollkommen egal, ihm gefiel es, also beschloss er auch den Rest der Welt davon zu überzeugen. Was ihm inzwischen offensichtlich gelungen ist, denn heute geht die ganze Welt ins Fitnessstudio und trainiert. Damals hat er auch prophezeit, eines Tages werde er nach Hollywood gehen und so berühmt sein wie Clint Eastwood. Das klang zu diesem Zeitpunkt etwas unrealistisch, denn wie sollte jemand ohne gute Englischkenntnisse und ohne Schauspielausbildung eine Karriere in Hollywood machen? Aber Arnold hatte einen erstaunlichen Instinkt. Er hat die Gesetze und Möglichkeiten Kaliforniens und Hollywoods sofort verstanden. Inzwischen hat er Kinogeschichte geschrieben und ist der amtierende 38. Gouverneur von Kalifornien.

Das, was er erreicht hat, hätte er in Europa nicht geschafft, aber auch nicht in Chicago, nicht in Idaho, nicht in Florida, und auch nicht in New York. Weil es überall dort diese unsichtbaren Gesetze und Regeln gibt, die darüber entscheiden, was möglich und was nicht möglich ist. Wo Traum und Fantasie enden und wo die Realität beginnt. Hier in Los Angeles sind diese Grenzen nicht so klar definiert.

Als Arnold beschloss, Gouverneur von Kalifornien zu werden, erinnere ich mich an die vielen Leute, die sagten: Na ja, als Movie-Star hat er’s geschafft, aber jetzt übernimmt er sich. Das kriegt er nicht hin.Ich wusste aber schon – er muss es nur wollen, dann kriegt er es auch. So sicher wie das Amen im Gebet.Die Kalifornier haben ihn im November 2006 sogar in seinem Amt bestätigt. Und wenn er Präsident der Vereinigten Staaten werden will, obschon die derzeitige Verfassung dies gar nicht zulässt, dann wird er auch ins Weiße Haus einziehen.

Ich habe mich in den letzten zehn, fünfzehn Jahren zunehmend in Richtung Amerika bewegt, da ich viele amerikanische Sammler habe und immer öfter in den USA ausgestellt habe. Eine zeitlang hatte ich eine Loft in New York in Tribeca aber dann habe ich mich für Los Angeles entschieden, weil ich hier in Kalifornien die meisten Freunde und Sammler habe.

Mein Freiheitsbedürfnis hat sicher auch etwas mit meiner Biografie zu tun. Ich bin in der Nachkriegszeit in Wien auf die Welt gekommen und es war für mich, als wäre ich in die Vorhölle hinein geboren worden. In meiner Erinnerung ist alles schwarz, und schwer. Die Menschen um mich herum kamen mir grantig und hässlich vor, und irgendwie schien alles verboten zu sein.Dieser Eindruck wurde durch die Tatsache bestärkt, dass ich in einer sehr streng katholischen Familie aufgewachsen bin, die mich ständig daran erinnerte, dass der Heiland für mich gestorben war.

Die einzige Form von Kunst, zu denen ich Zugang hatte, waren die Leidens- und Folterbilder in den kalten Kirchenschiffen, wo ich einen grossen Teil meiner Kindheit verbrachte, Märtyrer von Pfeilen durchbohrt, gerädert oder gesteinigt, die verzückt gen’ Himmel blickten, heilige Leichname, Dornenkronen, Herzen, die von Schwertern durchbohrt waren, oder aus denen kleine Flammen züngelten...Diese Bilder haben mich in die schlaflosen Nächten meiner Kindheit verfolgt. In einer kleinbürgerlichen Wiener Familie der 50er Jahre gab es nur einen einzigen Daseinszweck: "brav sein!" Unsichtbar, grau, sich ducken, nicht auffallen. Ich erinnere mich noch wie meine Mutter eines Tages einen Nervenzusammenbruch erlitt, weil ich tagträumend von der Schule kommend, irgend jemanden nicht gegrüßt hatte.

Irgendwann in diesen düsteren Tagen hatte ich ein Schlüsselerlebnis: Mein Vater kam aus dem Büro und brachte mir einen Stoß der ersten deutschen Mickymaus-Hefte mit. Die hatte ihm ein Kollege geschenkt. Als ich diese bunte Pracht vor mir auf dem Boden ausbreitete, war das für mich ein Kulturschock; das war so, als wäre ich erst in diesem Moment geboren worden,Ich betrat Entenhausener Boden und wusste, ich war frei. Ich sah mich um und erlebte zum ersten mal eine Welt die dreidimensional und farbig war. Eine Welt in der es Geldspeicher gab und wo die Menschen Schnäbel und Hundeschnauzen hatten, wie es sich gehört..Da wusste ich –bin ich zuhause. Ich war gerettet. Wie ich erst sehr viel später erfuhr, ist es vielen aus meiner Generation damals genau so ergangen. Jedes Mal, wenn ich so ein Heft geschlossen hatte, war die Welt um mich herum wieder zweidimensional, und ich war wieder gefangen, in diesem schlechten Stummfilm in Zeitlupe.Aber das machte mir nichts mehr aus, denn nun wusste ich, es existiert eine andere Welt, meine Welt, in der auch meine eigentliche Familie lebte, zu der ich gehörte und die immer zu mir halten würde die Familie Duck. Zu diesem Zeitpunkt, konnte ich noch nicht lesen. Ich war wahrscheinlich vier oder fünf Jahre alt, als ich die ersten Hefte bekommen habe, und ich habe die Geschichten nur durch die Bilder erfahren.

Als ich später lesen und schreiben konnte und dieselben Geschichten wieder in mich aufgesogen habe, war ich völlig verblüfft, dass durch den Text in den Sprechblasen eine völlig andere Geschichte entstand, als die, die ich in Erinnerung hatte.Ich erkannte, dass die Welt von Entenhausen verschiedene Schichten hatte, in die man vordringen konnte. Und dass jede dieser Ebenen eine etwas andere Realität hatte, die aber ebenso faszinierend war wie die vorhergehende.

Die Ducks lebten natürlich in einer amerikanischen Umgebung: Man sah amerikanische Häuser und Autos, amerikanische Parks, und Landschaften und amerikanische Polizisten, das alles machte Entenhausen für uns Europäer noch fremder und seltsamer, und viel absurder als für amerikanische Kinder.

Ausserhalb Entenhausens war ich fest im Griff, der Griff der katholischen Kirche.Im Kindergarten war ich von Nonnen beherrscht und in der Volksschule wurde ich von Mönchen unterrichtet, den Schulbrüdern, die sehr altmodisch, aber irgendwie ganz lieb waren. Bruder Albert hat uns auf der Violine vorgespielt und Gut-Punkte verteilt, wenn man brav war. Herz-Jesu-Bildchen und dergleichen.

Nach der Schule kauften wir uns diese Kaugummi-Päckchen, denen Bildchen von Schlagersängern beigelegt waren. Meine Schulkameraden waren ganz wild darauf. Mich hat das nie interessiert, denn das waren Bilder von Conny und Peter, Lolita und irgend so ein Käse. Bis ich eines Tages, rein zufällig, ein Kaugummi-Päckchen öffnete und ein Bild von Elvis Presley entdeckte. Das war mein zweiter Kulturschock.

Es war ein kleines, schlecht gedrucktes Bildchen, Elvis mit seinen langen, glänzenden, fetten Haaren und der Locke, die ihm in die Stirn fiel, in einer Hand die Gitarre, die andere zum Himmel erhoben, der voller goldener Sterne war.Ich wusste nicht, wer das war; ich hatte noch nie seine Musik gehört. Ich sah das Bild und war zutieftst erschüttert, denn ich wusste bis zu diesem Zeitpunkt nicht, dass ein Mensch so schön sein konnte. Er erschien mir unirdisch und engelhaft. So ganz anders als die gedrungenen, kurzgeschorenen Wiener in ihren Knickerbockerhosen, ihren breiten verschwitzten Hosenträgern und klobigen Wienerwaldschuhen.

Später habe ich seine Musik gehört, und auch das war wie ein Erlebnis, das mich ganz tief berührt, und alles war ganz anders danach. Ich war etwa 11. Irgendwo in der Provinz, in einem Lokal, in dem ich mit meiner Familie saß, war eine Musikbox, die von Halbstarken mit Geld gefüttert wurde. Immer wieder Elvis. Ich war derart fasziniert, dass ich mir Münzen erschnorrte und die ebenfalls in die Musikbox warf, stets die selben Songs, bis mein Vater seinen üblichen Nervenzusammenbruch bekam.

Die Charlie Chaplin-Filme, die uns nach dem Messbesuch am Sonntag in der Pfarre vorgeführt wurden, Donald und Entenhausen, Elvis und die erste Platte von Fats Domino, all dies hat eine große Sehnsucht in mir wachgerufen, nach jener Welt aus der all diese wunderbaren Dinge kamen: Amerika.

Disney war für mich die erste Begegnung mit einer neuen grossen Kultur, mit der wirklichen Pop Art. Das, was Kunsthistoriker heute als "pop art" bezeichnen, ist nur ein Abglanz davon. Warhol und Roy Lichtenstein haben nur daraus zitiert und wilkürlich Details aus Comics herausgegriffen und aufgeblasen, und damit dieser grossen Kunstform auf rührende Art Referenz erwiesen.Pop art heißt „popular art“, also Kunst, die für jeden ohne Vorbildung und ohne intellektuellen Aufwand direkt sinnlich erlebbar ist. Und diese Kunst, die als triviale Kunst bezeichnet wird, war für mich die große Entdeckung, weil sie eine gewaltige Magie und Urkraft hat, so wie Rock’n Roll oder Blues; etwas, das einen ganz tief berührt und mitreisst.

Ich habe Carl Barks, den Schöpfer Entenhausens, bereits anfang der 80er Jahren besucht. Er war ein sehr zurückhaltender Mensch. Er wollte von der äußeren Welt eigentlich gar nicht viel wissen.Barks war glücklich, wenn er alleine sein konnte, seinen kleinen Arbeitstisch vor sich hatte und sein Enten-Universum weiterentwickeln konnte. Mir war wichtig, ihm zu sagen, welch eine Bedeutung er für mich in meiner Kindheit hatte, und für viele andere in Deutschland und in Europa. Und ich wollte unbedingt, dass seine Arbeiten in einem großen Museum als Retrospektive gezeigt werden. Er hat nur gelächelt und gemeint, das werde nie gelingen.

1994 war es aber doch so weit, die erste Ausstellung mit dem Lebenswerk von Carl Barks wurde im Münchner Stadtmuseum auf einer Ausstellungsfläche von ca. 1000 m2 das erste Mal in einem Museum gezeigt. Die Retrospektive ging auf Tournee und war in der Folge noch in zehn weitern Museen zu sehen.

In meiner Jugend hatte ich keine Ahnung wozu die Schule gut sein sollte. Ich war stets verwirrt und kam mir ziemlich verloren vor, und gelegentlich flog ich auch aus einer solchen hinaus und musste in eine andere wechseln.Mit 16 Jahren wurde ich schliesslich in die sogenannte "Höhere Bundesgraphische Lehr- und Versuchsanstalt" aufgenommen. Das war eine Schule für Grafik und Design, meine letzte Chance. Ich wusste, dass ich es diesmal schaffen musste, wenn ich meine Eltern vor einem Herzinfarkt bewahren wollte. Die Chancen standen nicht schlecht, denn es gab keine Mathematik in dieser Schule und es wurde vor allem gemalt und gezeichnet und das konnte ich.

Ich und die vielen anderen "Rebellen" jener Zeit, wir haben die Welt, in der wir lebten, zutiefst verachtet. Ich glaube, es hat nie einen so harten Bruch zwischen zwei Generationen gegeben wie zwischen dieser Kriegs- und Nachkriegsgeneration. Ich wusste damals ganz sicher: Ich wollte nichts mit der Welt meiner Eltern zu tun haben, nichts mit ihrer Tradition, ihrer Geschichte, ihrer Kultur, ihrer Religion. Ich wusste auf welcher Seite ich stand: auf der Seite Donalds und der Rolling Stones, Jimmy Hendrix und Cäptn Beefhearts. Für mich gabs nur Blues, Rock n' Roll, Comics und Underground.

Inzwischen hat sich meine Sichtweise etwas verändert.Durch die zeitliche und räumliche Distanz fiel es mir auch leichter die Qualitäten Österreichs zu erkennen, und vor allem die seiner grossen kulturellen Vergangenheit. Mir ist auch klar geworden, dass meine eigene Arbeit zutiefst in dieser Tradition verwurzelt ist. Mit ihr fühle ich mich verbunden, mit Kafka, Schiele, Franz Xaver Messerschmidt, Rainer, Kubin, Deix, Mahler, Schubert, Haydn und Mozart, mit Künstlern wie Joseph Roth, H.C. Artmann, Wolfgang Bauer, Elfriede Jelinek.Leben würde ich in Wien jedoch nicht so gerne, denn ich erinnere mich an die vielen Intriganten, an all die freundlich grinsenden Leute, die einem sofort das Messer in den Rücken rannten, wenn man sich umdrehte. Schon als Kind wollte ich nicht in Wien leben, ich hatte bereits damals das Gefühl, am falschen Ort gelandet zu sein. Für mich hatte Wien etwas zutiefst abgründiges, bösartiges und gefährliches, das mich mit Furcht erfüllte. Ich wollte die Stadt bereits als 14jähriger verlassen, aber Wien hat so eine seltsame Gravitation - man kommt nicht los. Zwei verlorene Weltkriege und der völlige Zusammenbruch mehrerer Systeme, vor allem aber der Absturz von einem Weltreich zu einem winzigen amputierten Etwas, das damals fast völlig vom eisernen Vorhang eingeschlossen war, hat sicher zu dieser Stimmung beigetragen. Wenn ich heute nach Wien zurückkomme, sehe ich dass sich die Stadt völlig verändert hat und viel von der alten Grösse und Gelassenheit zurückgewonnen hat.

Der Weg nach Amerika führte mich über größere Umwege durch Europa. Ich hatte zunächst geglaubt, ich könnte meinen Platz am Rande der Eifel finden. Ich wollte in der Natur sein und halbwegs in der Nähe von Köln, weil es damals die wichtigste und interessanteste Kunststadt in Deutschland war.

Und ich wollte ein Schloss finden, wo ich sowohl mein Atelier als auch meine Familie unterbringen konnte.Schon als Kind habe ich mich immer gewundert dass ich nicht in einem Schloss wohnte. Die bescheidenen Unterkünfte und Lebensumstände meiner Eltern erschienen mir äusserst merkwürdig, und ich dachte oft: 'wo ist denn eigentlich mein Schloss?' Als Kind war ich wohl Monarchist; ich vermisste den Kaiser und das Leben bei Hofe und vor allem die Paläste und Parks und die Mode und Eleganz der österr. ungarischen Monarchie.

Unweit des Rheins habe ich schließlich ein 1000 Jahre altes ziemlich herunter gekommenes Schloss erworben, das ich dann über die Jahre Stück für Stück restauriert und ausgebaut habe.Es war eine gute Zeit, ich hatte dort mein Atelier, und meine Frau und meine Kinder um mich herum. Da es bei uns recht lustig war, gesellten sich noch viele andere Kinder dazu, die nicht mehr nach hause wollten, und lieber durch den Burghof tobten. Eines Tages besuchten uns zwei Freundinen meiner Kinder aus Mexico, die kurzfristig beschlossen zu bleiben. Irgendwann verlor ich den Überblick und genoss das barocke Chaos und das Toben und Kreischen der stetig wachsenden Kinderschar.Ich bin wahrscheinlich im Grunde meines Herzens ein Italienischer Renaissance-Mensch, denn ich kann am besten arbeiten, wenn ich von einer grossen, lauten Familien- und Freundeschar umgeben bin, und deren Stimmen und Geräusche in mein Atelier dringen.

Irgendwann aber wurde es mir zu eng in der deutschen Provinz und ein bisschen zu deutsch, und ich bekam Sehnsucht nach Italien.Ich verbrachte eine Zeitlang an einem der schönsten Orte der Welt im Süden Italiens, zwischen Roma und Napoli und ich wusste, dass ich nie mehr einen Platz finden würde, der näher am Paradies sein würde als dieser.Ich sah mich schon nach einem geeigneten Haus um, aber irgenwann erkannte ich dass ich meine Arbeit hier nicht würde weiterführen können, die Zustände waren auf ihre Art einfach zu ideal. Ein Gesellschaftssystem, das bis in die Antike reichte, mit seiner Eleganz, Wärme, Opulenz und seiner unendlichen Gelassenheit der weitreichenden familiären Verbindungen und alltäglichen Korruption, die alles durchdrangen.Ich erkannte schliesslich, dass ich zu geprägt war von der langen Zeit, die ich in nördlichen teutonischen Gefilden zugebracht hatte, um mich für dieses Leben noch umstellen zu können. ich kam mir plötzlich unglaublich gotisch vor.

Ich bin besessen von meiner Arbeit und nebenbei lebe ich auch davon, daher muss bei mir die Post manchmal ankommen, und ich brauche irgendeine Art von Infrastruktur, die funktioniert.Dieses uralte und komplexe orientalisch-mediterrane System von gegenseitiger Bestechung, Gefälligkeiten und Verpflichtungen finde ich ja durchaus menschlich und sympathisch, aber ich fürchtete ich würde mich in diesem feingesponnenen und in Jahrhunderten gewachsenen wohldurchdachtem Geflecht nicht mehr zurechtfinden können.Für mich hatten diese faschistisch wirkenden, engen, schwarzen Uniformen der "Guardia Finanza" und ihren Autos mit Blaulicht und Sirenen etwas beunruhigendes.Meine Freunde erklärten mir, dass diese Polizeieinheit gegründet wurde, um der stetig wachsenden Korruption Einhalt zu gebieten. Auf meine Frage, was dies denn konkret für ihr Leben und ihr Geschäft bedeuten würde, antworteten sie mir mit einem Achselzucken: "Ach, einer mehr, der zu bestechen ist, das ist alles."

Ich stellte mir plözlich vor, wie das wirken musste, wenn ich hier mit meiner Familie in eines dieser alten Anwesen einziehen würde. Man würde uns vielleicht für reiche Deutsche halten. In dieser Gegend gab es ja die Camorra, und vielleicht würde ich eines Tages eines meiner Kinder vermissen, und per post ein Ohr desselben zugeschickt bekommen, mit der Aufforderung ein paar Millionen zu zahlen, falls ich den Rest zurückhaben wollte.Schweren Herzens verabschiedete ich mich von meinen süditalienischen Plänen und der wunderbaren Küche.

Mir war klar, dass ich irgendwann in Amerika enden würde, aber ich bin wirklich zutiefst und so sehr europäisch, so dass ich mir unbedingt einen europäischen Stützpunkt suchen musste, um mit meinem Kontinent verbunden zu bleiben, während ich in Amerika lebe.

Irgendwann hatte ich diesbezüglich so etwas wie eine Eingebung: Irland. Ein Land über das ich so gut wie nichts wusste. Das einzige, was mir leider sofort in den Sinn kam war dieses blöde alte Lied "It's a long way to Tipperary". Um Weihnachten 1996 bin ich mit meiner Familie 14 Tage in Irland herumgefahren. Es hat gestürmt, geschneit, geregnet, niemand war auf der Straße, keine Autos, alles leer. Wir sind in kleinen hässlichen Hotels abgestiegen oder haben Guinness in irgendwelchen abgelegenen finsteren verrauchten Pubs getrunken, wo es nach Torffeuer roch. Ich kann wirklich nicht sagen warum, aber wir haben uns alle sofort in dieses Land verliebt. Das erste Mal im Leben habe ich so etwas wie ein Heimatgefühl gespürt, was völlig absurd ist, weil ich bis dahin nichts über Irland wusste und keinerlei irische Wurzeln habe. Mich da niederzulassen war eine völlig intuitive Entscheidung. Aber eine der besten, die ich je in meinem Leben getroffen habe.

Im Zeitalter der allgemeinen 911-Paranoia, in der Orwells und Huxleys Prophezeiungen von einer völlig überwachten Welt Realität werden, eine Zeit in der wir jeden Tag ein weiteres Stück unserer hart erkämpften, im Grundgesetz garantierten Freiheiten verlieren, ist Irland die Ausnahme. Ich glaube, dass es das freieste Land der westlichen Welt ist. Niemand wird überwacht, es gibt kein Misstrauen, keinen Neid, keiner kümmert sich darum, was man macht. Ich glaube nicht, dass es hier einen Geheimdienst gibt, und in all den Jahren habe ich kaum jemals einen Polizisten auf der Strasse gesehen, und eine richtige Armee gibts hier auch nicht.Als wir hier ankamen, existierte keine Bürokratie, es gab kaum Regeln und Künstler zahlten keine Steuern, was ich nicht unbedingt als Nachteil empfand.

Irland war 800 Jahre lang besetzt und ist von den Engländern brutal ausgebeutet worden. Doch über ihre Kunst, ihre Lieder, ihre Dichtung haben sie sich ihre Identität bewahrt. Es ist sicher kein Zufall, dass dieses winzige Land, bis vor kurzem noch das Armenhaus Europas, viele der größten Dichter des 19. und 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat.Hier habe ich dieses, mir bis dahin fremde Heimatgefühl erlebt. Ich habe erkannt, dass Heimat für mich etwas rein geistiges ist. Heimat ist für mich dort, wo bestimmte ästhetische Qualitäten existieren, wo ich auf auf bestimmte kulturelle Traditionen treffe, die mir vertraut sind, und andere Künstler, die ähnlich empfinden.Wir haben gottseidank auch ein anständiges Schloss gefunden, wo ich mich mit meiner Grossfamilie ausbreiten konnte.

L.A. lässt sich viel besser aushalten, seit ich weiss, es gibt diese grüne Insel, auf der anderen Seite des Ozeans, wohin ich mich jederzeit zurückziehen könnte, wenn ich wollte. Eigentlich bin ich in L.A. optisch gesehen wieder ein bisschen in Entenhausen. Viele Häuser, die Skyline, die Strassenlaternen, Parks und die Cops sehen so aus wie in den Donald Duck Geschichten meiner Kindheit.Allerdings entdecke ich nun auch andere Seiten dieses Ortes, die ich mir nicht so vorgestellt hatte. Leute, die hier einen Geldspeicher besitzen, sind in der Regel nicht so gemütlich wie Onkel Dagobert.

Los Angeles ist eine Stadt ohne Gedächtnis. Es gibt keine Vergangenheit und keine Zukunft, nur das "Here and Now". Wenn ich das Atelier für ein paar Wochen nicht verlassen würde, würden die Leute vergessen, dass ich überhaupt existiert habe. Ich finde das wunderbar, ich empfinde dabei ein Freiheitsgefühl, wie ich es bis her noch nicht kannte.Ich liebe es, wenn es niemanden gibt, der sich um mich kümmert, mich beobachtet, beschützt oder kontrolliert. Niemand muss mich vor mir selbst oder oder vor der Welt, oder die Welt vor mir schützen.Ich komme allein sehr gut zurecht. Ich bin ein völlig harmloser Mensch. Ich brauche keinen der mich bevormundet oder auf mich aufpasst.Weder den Staat noch die Kirche. Meine Telefone müssen nicht abgehört werden, ich muss nicht beobachtet werden. Ich bin nicht gefährlich, politisch nicht subversiv, ich bin nur ein Künstler.Ich fürchte mich weder vor Terroristen oder Gewaltverbrechern oder Krankheiten. Ich war noch nie in meinem Leben krankenversichert. Aus irgendeinem Grund habe ich all diese bürgerlichen Ängste nicht, und daher sehe ich auch keine Notwendigkeit meine Freiheiten gegen mehr Sicherheit einzutauschen.

Meine Arbeit wird in erster Linie durch den Verfall der menschlichen Gesellschaft, inspiriert der Dekadenz des urbanen Lebens, dem sogenannten Untergang des Abendlandes. Das ist mein Thema. Deswegen ist Los Angeles, für mich auch der ideale Ort für mein Arbeit. Die Stadt ist wie eine offene Wunde, Ich habe den Eindruck, dass man hier den augenblicklichen, tatsächlichen Zustand der westlichen Welt klarer sehen kann, als sonst irgendwo. Aus irgendeinem Grund versucht hier gar niemand dieses Chaos zu regulieren oder irgendetwas an der Situation zu kaschieren. 142 verschiedene ethnische Gruppen sind hier vertreten, es gibt riesige mexikanische Stadtviertel wo nur Spanisch gesprochen wird, es gibt Armenische, Koreanische, Persische Viertel und Gegenden in denen nur Chassidische Juden leben, die am Shabbat mit riesigen Pelzhüten und Kaftanen mit Ihren Kindern unter Palmen spazieren gehen und genauso aussehen wie Ihre gallizischen Vorfahren am Beginn des 19ten Jahrhunderts.Es gibt durch Schlagbäume und Privatarmeen gesicherte Villenviertel der Reichen, und Nobelbezirke in denen man all die erstaunlichen Kreationen und Wunder plastischer Chirurgie bewundern kann. In Downtown, ein paar Häuserblocks von meinem Atelier entfernt gibt es ganze Strassenzüge mit tausenden, meist schwarzen, Obdachlosen, die entweder apathisch auf den Bürgersteigen kauern oder verwirrt, schreiend und wild gestikulerend durch die Strassen irrlichtern. Und ein Stück weiter ist dann South Central, wo es Strassenzüge gibt, die so gefährlich sind, dass nicht einmal die Polizei da hinfährt, wo zum Teil Kinder mit einer Magnum im Hosenbund den Drogenhandel kontrollieren. Und in der selben Stadt befindet sich seit einem Jahrhundert das Zentrum der Traum- und Illusionsindustrie der Welt: Hollywood.

Hier kann man sehen wie Europa möglicherweise in 5 bis 10 Jahren aussehen wird.Das Kapitalistische Modell hat weltweit gesiegt, es gibt keinen Gegenentwurf mehr. Aber nirgends triumphiert der Kapitalismus so uneingeschränkt, wie hier.Unternehmensrechte stehen längst über den Menschenrechten. Konsum steht über Kultur. Im Bewusstsein der Mächtigen der USA, der „big corporations“, der Abgeordneten, Senatoren und der Medien, ist Kultur lediglich ein Störfaktor.Alles ist Rüstung, Hochtechnologie, National Security, Kontrolle, Atomenergie, Erdöl,Aktienmäkte, pharmazeutische und chemische Industrie – das sind die Werte, um die es hier geht. In Schulen ist der Kunstunterricht gestrichen worden, der Geschichtsunterricht fehlt im Stundenplan.

Anfänglich war ich mir nicht sicher, ob Malerei oder Kunst, so wie ich sie betreibe, in dieser Welt der special effects und des industriellen Massen-Entertainments überhaupt noch eine Funktion haben würde. Und dann habe ich doch eine ganz große Überraschung erlebt, bei meiner Ausstellung "The Child" im „San Francisco Fine Art Museum“, 2004, die von 130 000 Besucher gesehen wurde.Ich habe noch nie so emotionale Reaktionen auf meine Arbeiten erlebt, wie dort in San Francisco. Menschen aller Altersstufen kamen auf mich zu, umarmten mich spontan und dankten mir.Einige hatten Tränen in den Augen, und sagten mir, wie wichtig sie es fänden, dass ich diese Bilder gerade jetzt und hier zeigte. Ich habe nie zuvor eine so große emotionale Reaktion auf meine Arbeit bekommen wie an der Westküste der USA.

Meine Arbeit ist nicht leicht anzunehmen. Viele Sachen sind provokativ, vor allem für Amerikaner. Ihre Kunst und ihr Kunstverständnis hat sich aus einer puritanisch-protestantischen Tradition entwickelt. Sie können folglich mit provokativen Bildern weniger gut umgehen als etwa ein Betrachter der in der barocken Tradition Österreichs aufgewachsen ist, wo der Künstler nahezu jede Schweinerei darstellen kann. Ich erkläre mir diese Reaktion mit einem großen Hunger und einer Sehnsucht nach Kunst. Für mich ist das ein Beweis, dass Kunst so elementar ist wie das Bedürfnis nach Religion oder Philosophie.

Viele unserer vergangenen Regime haben – plumper noch als in diesem Land – versucht, Kunst zu zensieren, einzuschränken und zu verbieten. Je radikaler Diktaturen vorgingen, desto kurzlebiger waren sie. Mit einer Ausnahme: Die katholische Kirche, die stets in diktatorischen Prinzipien gedacht und agiert hat, ist 2000 Jahre alt. Das Geheimnis: Die Kirche zählt zu den größten Kunstmäzenen aller Zeiten. Man könnte das philosophisch so interpretieren, dass es vielleicht eine Art Balance gibt, eine kosmische Gerechtigkeit sozusagen. Das Christentum gehört, politisch gesehen, sicher zu den größten Verbrecherorganisationen der Menschheitsgeschichte: Inquisition, Hexenverbrennung, Kreuzzüge. Zur gleichen Zeit aber hat die katholische Kirche die grösste und bedeutendste Kulturepoche möglich gemacht: die Renaissance. Sie hat mehr Kunst schaffen lassen, als irgendeine Macht vorher, Gotische Kathedralen, Renaissance Paläste, Barocke Kirchen und Klöster, Skulpturen, Gemälde, Kirchenmusik von Vivaldi, Mozart, Schubert ..etc.

Die derzeit Mächtigen in Washington, sind offenbar von einem fanatischen calvinistischen Geist geprägt, der traditionell kunstfeindlich ist, und vor allem auf Intoleranz und Selbstgefälligkeit beruht. Warum sind die Puritaner nach Amerika gekommen? König George hat die Nase voll gehabt von diesen engstirnigen Nervensägen und hat sie rausgeschmissen. Und jetzt sitzen sie im Weißen Haus und regieren die Welt. Die Ablehnung, die Abneigung und den gelegentlichen Hass Europas gegenüber den USA kann ich nachvollziehen.

Trotzdem wäre es unfair, dabei die grossen historischen Errungenschaften der Amerikaner und die Qualitäten die dieses Land immer noch hat, zu vergessen. Ich verdanke Amerika eine Menge.Ich bin froh, dass ich in beiden Welten leben und arbeiten kann, und da jeweils an den bestenOrten.

Helmut Sorge, Interview mit Gottfried Helnwein.Los Angeles, Dezember, 2006