Lieber Herr Helnwein, ich war gestern beim Opening Ihres Museums dabei als "Wolkenwiesel" mit dem 0815-Avatar "Girl from next door", von Berlin, Prenzlauer Berg aus. Es war für mich ein sehr interessantes Erlebnis, sogar "körperlich", da ich mich nicht ganz so sicher im SL bewege und an allerlei Grenzen gestoßen bin. Sie hingegen haben sehr geschmeidig navigiert. Haben Sie das zuvor geübt?
Ich war vor diesem Museumsprojekt noch nie in 2nd Life, und ich habe noch nie in meinem Leben Computerspiele gespielt. Ich denke, was die meisten in einer virtuellen Welt suchen, ist all das tun und erleben zu können was ihnen im 1sten Leben verwehrt zu sein scheint. Mein First Life ist aufregender, unterhaltsamer und absurder als ein Computerspiel es je sein könnte.Aber einer meiner Sammler ist eines Tages an mich herangetreten und hat mich gefragt, ob ich ein Museum in 2nd Life will. Ich wusste aus der Presse zwar, dass es so etwas gibt, hatte aber keine Ahnung, was das genau war.Da ich aber grundsätzlich immer an neuen Medien für meine Arbeit interessiert bin, habe ich zugesagt, und in den letzten Monaten zusammen mit den Designern diese virtuelle Retrospektive meiner Arbeiten zusammengestellt. Beim Hängen und Umhängen der Bilder hatte ich die Gelegenheit mich mit meinem Avatar bewegen zu lernen.
Wo genau befanden Sie sich beim Opening im RL, saßen Sie in L.A. auf dem Sofa oder wie muss ich mir das vorstellen?
Ich sass in downtown Los Angeles in meinem Studio am Computer, war per Headset und Skype mit den Museumsmitarbeitern verbunden, und versuchte dabei gleichzeitig sowohl meinen virtuellen Body durch das Museum zu steuern, als auch per Chat die Fragen der Besucher über das Keyboard zu beantworten, was eine nicht geringe Herausforderung für meine Motorik und Reaktionsfähigkeit darstellte.Ich kam mir ein bisschen vor wie in der Kommandozentrale des Raumschiff Enterprise, und das ist eigentlich nicht meine Welt.
Kannten Sie die Identität mancher Leute. Waren auch Freunde von Ihnen unterwegs - oder vor allem Journalisten, die die dpa Meldung gelesen haben wie ich?
Bis auf ein, zwei Ausnahmen kannte ich niemanden und ob Journalisten darunter waren, weiss ich nicht.
Was wurden Sie gefragt? Waren die Avatare höflich?
Zu meinem Erstaunen, waren Sie sie alle aussergewöhnlich höflich und die Fragen unterschieden sich kaum von den Fragen, die Besucher in einem RL-Museum stellen würden.Welche Techniken ich für meine Arbeiten benütze, wann und wo die nächsten Ausstellungen stattfinden werden usw. Nur die Frage: "Sind die Bilder im Original auch so gross?" war SL-spezifisch.
Von Zeit zu Zeit flogen Sie fluggs davon, durch die Wände, hatte ich das Gefühl, während man selbst die Türen benutzen musste? Hat Ihr Avatar Sondervollmachten in dem Museum, die der normale User nicht hat?
Fliegen konnte ich, aber ich musste auch die Türen benützen, wenn ich in einen anderen Raum wollte - durch die Wände fliegen kann man auch in der SL-Welt nicht, soweit ich weiss. Aber man kann sich an einen anderen Ort teleportieren lassen.- Konnten Sie nicht fliegen?
Muss man für Ihr Museum Eintritt bezahlen?
Nein es gibt keinen Eintritt und das Museum ist das ganze Jahr über täglich 24 Stunden geöffnet.Für ein reales Museum wäre das ein aufwändiger und teurer Spass.Aber das ist nicht der einzige Vorteil dieser Welt. Ich konnte hier alle meine Arbeiten, die in vielen Museen und Sammlungen auf der ganzen Welt verstreut sind, für eine Ausstellung zusammenbringen und sie der Öffentlichkeit permanent zugänglich machen. Der Traum aller Künstler.
Körperlichkeit spielt in Ihrer Kunst doch eine große Rolle - das SL aber ist doch komplett unkörperlich. Interessiert Sie vielleicht dieser Kontrast oder finden Sie die Entkörperlichung auch als problematisch?
In gewissem Sinne ist ja jede Form visueller Kunst virtuell, also Illusion.René Magritte hat in seinem Gemälde "Der Verrat der Bilder" 1928 eine Pfeife dargestellt, unter die er auf Französisch "Dies ist keine Pfeife" schrieb. Und Picasso hat einmal gesagt: „Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit erkennen läßt“Ich habe oft erlebt wie Ausstellungsbesucher äusserst emotional auf bestimmte Arbeiten von mir reagiert haben, und manchmal richtig ausgerastet sind. Es gab schon Leute, die zu toben begannen und mich oder die Bilder attakiert haben.Was eigentlich eigenartig ist, wenn man bedenkt, dass so ein Bild ja nur aus einem Stück Leinwand und ein paar winzigen Stäubchen Farbpigmenten besteht, die durch ein wenig Öl und Harz zusammengehalten werden.Was die Menschen in Bilder hinein interpretieren, spielt sich ja in Wahrheit nicht auf der Leinwand ab, sondern in ihren eigenen Köpfen. So gesehen ist diese neue Virtualität den alten Medien der bildenden Kunst nicht ganz unähnlich nur dass die Farbpigmente hier durch Pixel ersetzt werden.
Ich war nach zwei Stunden Opening ziemlich geschafft, Sie auch? Es war für mich, wie schon gesagt, eine sehr interessante Erfahrung.
Es ist nicht schlecht durch das eigene Museum fliegen und betrachten zu können, was man in all den Jahren so kreiert hat. Trotzdem bin ich immer froh wenn ich nach einiger Zeit wieder zurück kann in mein RL-Atelier, das ist mir doch vertrauter.
So möchte ich mich verabschieden und Ihnen noch verraten, vielleicht freut es Sie, dass ich eine Landsmännin bin.
Ich bin in Österreich in einer Zeit aufgewachsen, in der es kein lustiges Land war. Vor allem Wien war ein enger, dunkler und ungemütlicher Ort, voll von Intreganten und Wahnsinnigen. Aber aus der räumlichen und zeitlichen Distanz heraus habe ich eine andere Sicht gewonnen, und ich habe erkannt, wie sehr ich in der Kultur dieses Landes verwurzelt bin, und wie zutiefst österreichisch meine Kunst ist. Und gegen meinen Willen habe ich eine späte, sentimentale Liebe zu diesem Land entwickelt.Seien Sie also herzlich gegrüsst liebe Landsmännin.