September 28th, 2007
Die Welt
Totgesagte schockieren länger
Matthias Heine
Die Aufregung um das verbotene Kölner "Nibelungen"-Plakat beweist: Es gibt zum Glück noch Bedenkenträger, die sich über Theaterreklame aufregen
Den berühmtesten Theaterplakatskandal der alten Bundesrepublik löste einst "Die Vereinigung Deutschsprachiger Bürgerinitiativen zum Schutz der Menschenwürde in Deutschland, Frankreich, Holland, Italien, Luxemburg, Österreich und Schweiz" aus. Dieses sprachliche Menschenrechtsverbrechen erstattete 1988 Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Hamburg gegen ein Plakat, das Gottfried Helnwein für Peter Zadeks Inszenierung "Lulu" im Deutschen Schauspielhaus entworfen hatte. Es zeigte einen kleinwüchsigen Mann, der einer Frau in den entblößten Schritt blickt. Die Debatte darüber, ob das "Pornografie" sei, beschäftige die Feuilletons lange, denn Zadek stand im Zenit seines Ruhms, und Hamburg war noch die Pressemetropole schlechthin.

Das Theaterplakat ist eigentlich ein aussterbendes Medium - wie der handgeschriebene Brief oder das Telegramm. Während früher oft enormer künstlerischer Ehrgeiz in die Gestaltung solcher Werbemittel investiert wurde, verzichten heute viele Bühnen ganz darauf. Zu hoch sind die Preise für legales Plakatieren im öffentlichen Raum. Dabei kann das antiquierte Medium immer noch für Aufsehen sorgen. Das hat nun auch die neue Kölner Schauspiel-Intendantin Karin Beier zu spüren gekommen. Der Kulturdezernent der Stadt untersagte ihr, mit einem als "gewaltverherrlichend" empfundenen Aushang für die Eröffnungspremiere "Die Nibelungen" am 12. Oktober zu werben.Ohne diesen kleinen Skandal wären die werberelevanten Zielgruppen wahrscheinlich eher achtlos an dem nichtssagenden Plakat vorübergegangen, doch beim Kölner Schauspiel weist man Unterstellungen, die Aufregung sei erwünscht, zurück: "Weder im Theater noch in der Werbeagentur ist jemand auf die Idee gekommen, dass dieses Motiv Anstoß erregen könnte", versichert Pressesprecherin Petra Franke.Erst die für die Plakatierung zuständige "Kölner Außenwerbung" fürchtete, das Bild einer gefesselten Frau, die einen Müllsack über dem Kopf hat, könne gegen den Paragrafen 131 des Strafgesetzbuchs verstoßen, der Gewaltverherrlichung unter Strafe stellt. Daraufhin empfahl Kulturdezernent Georg Quander der Intendantin Karin Beier, ganz auf das Plakat zu verzichten. Als Beier beharrte, es trotzdem aufzuhängen, wurde ihr das schließlich offiziell verboten, berichtete der "Kölner Stadtanzeiger".

Ausgerechnet in der liberalen rheinischen Metropole reagiert man traditionell empfindlicher als anderswo auf provokative Plakate: Im vorigen Jahr ließ der Kulturdezernent bereits einen Aushang zur Ausstellung "Das achte Feld" zum Thema Kunst und Homosexualität verbieten. Zu sehen war darauf ein Foto von Wolfgang Tilmanns, das einen nackten Mann von unten zeigte.Auch hier zeigt sich wieder: Die besten Freunde des Theaterplakats sind die hauptamtlichen Bedenkenträger - egal ob sie aus Politik, Kirche, Verwaltung kommen oder aus den längst privatisierten städtischen Werbefirmen, in denen aber noch das gute alte Beamtendenken zu Hause ist.

Den berühmtesten Theaterplakatskandal der alten Bundesrepublik löste einst "Die Vereinigung Deutschsprachiger Bürgerinitiativen zum Schutz der Menschenwürde in Deutschland, Frankreich, Holland, Italien, Luxemburg, Österreich und Schweiz" aus. Dieses sprachliche Menschenrechtsverbrechen erstattete 1988 Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Hamburg gegen ein Plakat, das Gottfried Helnwein für Peter Zadeks Inszenierung "Lulu" im Deutschen Schauspielhaus entworfen hatte. Es zeigte einen kleinwüchsigen Mann, der einer Frau in den entblößten Schritt blickt. Die Debatte darüber, ob das "Pornografie" sei, beschäftige die Feuilletons lange, denn Zadek stand im Zenit seines Ruhms, und Hamburg war noch die Pressemetropole schlechthin.

Als derselbe Peter Zadek 1994 am Berliner Ensemble ähnlichen Ärger hatte, war das bloß noch eine Provinzposse: Die "Vereinigte Berliner Verkehrsreklame" wollte Aushänge zu seiner Inszenierung "Ich bin das Volk" nicht in U-Bahnhöfen dulden, weil dort Sprüche wie "Krüppel zuck ab" oder "Zigeuner zergeigen" ahnungslose Betrachter irritieren könnten. Wieder steckten Künstler dahinter: Die Holzschnitte waren von Uwe Bremer und die Zitate stammten aus einem Gedicht von Reinhard Lettau, das ausländerfeindliche Parolen parodiert.

Von einem Künstler, noch dazu einem toten, längst kanonisierten, fühlte sich auch 2005 in München die katholische Kirche provoziert: Das dortige Volkstheater hatte zur Aufführung "Fegefeuer in Ingolstadt" eine Skulptur von Martin Kippenberger (1953-1997) abgebildet, die einen gekreuzigten Frosch zeigt. Die Aufregung über die Blasphemie verflog aber schneller als der Schaum auf einer Oktoberfest-Maß.

LULU
Elfriede Jelinek

DER SPIEGEL, PLAKATE - KRÄNKENDES ÜBERWEIB

Helnwein-Plakate zu Lulu und Macbeth15. Februar 1988

Das Plakat zur Hamburger "Lulu" - Inszenierung wird als "eindeutig frauendiskriminierend" angegriffen.
Auf Augenhöhe und auf kurze Distanz hat das Männchen vor sich, was ihm Verlockung wie Gefahr bedeutet: das weibliche Geschlecht. Die gezielt entblößte Frau überragt den kleinen Kerl derart riesenhaft, dass ihr Oberkörper und ihr Kopf jedem Blick entzogen sind. So läßt sich der Mythos vom männerverzehrenden Überweib Lulu, wie ihn Frank Wedekind auf die Bühne gestellt hat, auf eine simple Bildformel bringen. So hat es der Maler und Graphiker Gottfried Helnwein mit einem Plakat zu Peter Zadeks langerwarteter "Lulu" - Inszenierung (Premiere: letzten Samstag) am Hamburger Schauspielhaus getan. — Leicht explosive Stimmung herrschte letzte Woche auch in Heidelberg, wo Helnwein erstmals voll in den Theaterbetrieb eingestiegen ist und die Ausstattung zu einem "Macbeth" Abend des Choreographen Johann Kresnik geliefert hat. Shakespeares machtgierig-skrupelloser Held erscheint als ein vorweggenommener Barschel und wird zum Schluss, gemäß einem Helnwein-Einfall, in die Badewanne gelegt. Auf dem Plakat erscheint das ominöse Photo, das Helnwein unter bewußter Verletzung des "Stern"-Urheberrechts adaptiert hat. Am Premieren-Mittwoch schreckte eine - wie sich zeigte, leere - Bombendrohung das Theater auf. Am Abend wurde die Produktion nur bejubelt.

DER SPIEGEL, GENERAL-SKANDAL IN BERN

Kultur21. September 1992

Gottfried Helnwein, provokanter Bildkünstler aus Österreich eckt wieder einmal an.
Sein Plakat zu Urs Widmers neuem kritischen Dokumentar-Drama "Jeanmaire. Ein Stück Schweiz", auf dem der Anfang des Jahres verstorbene General aller Ehren entblösst dasteht, wurde von der "Allgemeinen Plakatgesellschaft" abgelehnt - polizeilich gedeckte Begründung: Das Werk verstösst "gegen Anstand und Sitte". Helnwein hingegen findet, sein Jeanmaire-Portrait enthalte "die Essenz der Geschichte" vom angeblichen Landesverräter, der als Sündenbock profilerpichter Politiker 1976 nach einem Geheimprozess für 12 lange Jahre hinter Gitter wanderte.

DISKUSSION IM SCHWEIZER BUNDESRAT ÜBER HELNWEINS PLAKAT ZU URS WIDMERS THEATERSTÜCK " JEANMAIRE"

Das Schweizer Parlamentwww.parlament.chRéponse du Conseil Fédéral28. September 1992

Ruckstuhl Hans - Frage: Warum stellt die SBB Infrastruktur zur Verfügung und hilft mit, dass skrupellose Geschäftemacher durch die geschmaklose Vermarktung eines Verstorbenen ihre Kasse füllen?
Antwort auf die Fragen 04 und 08 Réponse aux questions 04 et 08 Bundesrat Ogi: Die SBB haben sich frühzeitig, noch vor der Pressekonferenz der Veranstalter, vom geplanten Plakat des Malers Helnwein distanziert. Sie haben sich bereits damals geweigert, dieses Plakat in den Bahnhöfen aufzuhängen.