December 2nd, 1987
Weser Kurier
Künstler Helnwein fotografierte die Bremer Regierung
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Der Bremer Senat anno 1987 als Kunstobjekt
Der Bremer Senat Anno 1987 wird in die Kunstgeschichte eingehen: Die Regierungsriege hat sich gestern vormittag für eine künstlerische Aufnahme im Fotoforum in der Böttcherstrasse in Positur gestellt. Die Fotografie wird in die Kunstsammlung aufgenommen, die die amerikanische Firma für Sofortbild-Kameras „Polaroid" angelegt hat. Die Ausstellung ist derzeit im Fotoforum zu sehen. Am Auslöser der riesigen Sofortbild-Kamera stand der Wiener Aktionskünstler Gottfried Helnwein. Seine Anweisung an die Bremer Regierungsmannschaft: „Bitte recht feierlich getragen gucken, and stehn’s bittschön ganz grade, die Arme korrekt an der Seite." Klick - and schon war es geschehen. Der einzige, der aus der Reihe tanzt, ist Finanzsenator Claus Grobecker: Er wollte seine Hande partout nicht an die Hosennaht legen.

Helnwein hatte, so war nebenbei zu erfahren, ursprünglich vorgehabt, das Gruppenbild mit Dame mehr künstlerisch and auf seine Art auszuschmücken: Er wollte die Herrschaften in Nonnengewändern ablichten. Doch im Rathaus winkte man ab. Wenn überhaupt, dann doch seriös. Schliesslich ist die Regierung des kleinsten Bundeslandes keine Happening-Truppe.

Grobecker roch den Braten: „Mal sehn, was der fürn Blödsinn mit uns anstellt", murmelte er vor dem Eingang. So schlimm war es dann doch nicht, wie man sieht. Immerhin: Es entstand ein bewusst „gestellt" wirkendes Senatoren- und -innenporträt vor dem Bremer Staatswappen, die Regierungsmannschaft wie die Orgelpfeifen um ein Fernsehgerat geschart. Auf dem Bildschirm hat der Künstler sich selbst - mit Mullbinden and Operationsbesteck - aufmontiert. Diese Aufnahme mit dem Titel „Der Schrei" im Zentrum des Gruppenbildes soll, so erklärte Helnwein gestern, die Distanz zwischen Politik and Kunst verdeutlichen. Bildungssenator Horst-Werner Franke blickt böse nach unten, Konrad Kunick grinst und hat eine verblüffende Ahnlichkeit mit dem verstorbenen französischen Komiker Louis De Funes ...

Die Aufnahme soll in die Sammlung der Polaroid-Firma aufgenommen and in weltweiten Wanderausstellungen gezeigt werden. Bürgermeister Klaus Wedemeier indes sah es realistisch: „Uns kennt man ja doch nicht." Im Rahmen der Ausstellung „Das Medium Sofortbild" in der Böttcherstrasse, in der bis zum 17. Januar 240 Fotografien zu sehen sind, wird sechs Künstlern die Möglichkeit geboten, mit der grössten Sofortbild-Kamera im Fotoforum zu arbeiten. Helnwein machte tags zuvor seine bekannten beklemmenden Selbstporträts mit verbundenem Kopf and Operationsklammern im Mund. Ihm zur Seite steht Jan Hnizdo, der sich um die Technik der Kamera kümmert. Diese Sofortbild-Kamera ist die einzige and auch die grösste ihrer Art, sie wurde ursprünglich für den Denkmalschutz entwickelt. Als man die Peterskirche in Rom restaurierte, benötigten die Experten gute Aufnahmen in Originalgrösse, and zwar sfort vor Ort.

Jan Hnizdo erläuterte den Regierungsmitgliedern anschliessend, wie die Sofort-Entwicklung bei dem grossen Apparat funktioniert. Wahrend bei den normalen Sofortbild-Kameras der Fotoabzug mit einem leisen Surren von allein aus dem Apparat wandert, muss bei dem grossen Gerät die Folie per Hand herausgezogen werden. Sie ist nur schwarz. Nach einer gewissen Zeit löste Hnizdo eine Plastikschicht vom Abzug, and dann erschien nach and nach das Bild. Die abgelöste Folie ist der eigentliche Entwicklungsträger, auf den im Innern des Apparats die Chemikalien aufgetragen wurden. Das Negativbild wird durch die Linse auf den Träger projiziert. Das Positiv erscheint dann sozusagen im Umdruckverfahren auf dem Abzug. Jede Aufnahme ist übrigens ein Original.

Künstler Helnwein fotografierte die Bremer Regierung