In Northoffs neun Hirnsand-Texten spiegeln sich dazumals als avantgardistisch bezeichnete Montagemethoden in sprachexperimentellen Formen. Er verwendet neben Prosa die Gattungen Minidrama und Kurzhörspiel, um seine Weltsicht sprachgewitzt funkeln zu lassen. Die auf der hinteren Klappe abgedruckte Kurzvita beschreibt den nun auch buchveröffentlichten Autor als "geboren am 18. 11. 47 in Wien/Penzing. Arbeiten als Tellerwäscher, Hundeausführer, Briefträger, Nachhilfelehrer, Stegreifschauspieler, Krankenhilfspfleger, Buchvertreter, Christbaumverkäufer, Tierwärter, Ehemann, Regalbetreuer und Dichter. Im Moment Werkstudent".
Hirnsand und Publikationen in Literaturzeitschriften wie Frischfleisch oder Wespennest bringen dem jungen Northoff Lesungen und Stipendien ein. Die Ausbildung zum Hauptschullehrer soll nach dem aufgegebenen Medizinstudium die längerfristige Basis für eine Familienexistenz bilden, Frau und Kind ein entsprechendes Auskommen sichern. Wie ihm dieses Lebensprogramm sukzessive aus dem Ruder läuft, beschreibt Northoff in den Rückblenden seines 1981 erschienen Romans Stets ein leichtes Hungergefühl. Das Buch basiert auf mehrmonatigen Gefängniserfahrungen infolge von Verwicklungen in einen Handel mit Haschisch, wobei die eigentlich geringfügige Beteiligung durch den Verfahrensablauf zu einem unproportionalen Strafmaß führt. Ohne jegliches Selbstmitleid und Ressentiment werden in Hungergefühl die brachialen Zustände in Polizeihaft und Landesgericht in dichter Reportageform aus der Perspektive eines Inhaftierten beschrieben. Bestechend sind dabei die realistischen Jargonporträts von Mitgefangenen, dazu kontrastierend die in ihrer Abstraktheit plastisch wirkenden Erfüllungsgehilfen aufseiten des Justizapparats. Der Text vermeidet konsequent Opfer- und Täterzuordnungen und macht Häftlinge und Wachpersonal als Systemträger in antagonistischer Kollaboration deutlich. Northoff, über Strafverfahren, Haft und Scheidung aus Familien- und Berufsanbindungen herausgefallen, gerät zunehmend in existentielle Doppelmühlen. Die ohnedies geringen Einnahmen aus Honoraren und Lesungen werden durch eine absurd hohe Zollstrafe, resultierend aus dem überdimensioniert festgesetzten "Handelswert" der im Verfahren ihm zugeteilten, in der Tat jedoch nie von ihm gedealten Haschischmenge, weggepfändet. Unter Journalisten und im Literaturbetrieb entsteht nach Abflauen eines gewissen Exotenbonus zunehmende Distanz zum Autor, nachdem Northoff den den Medien inhärenten Voyeurismus nicht entsprechend bedienen will. Politische Standpunkte, die er weiter konsequent vertritt, werden von früheren Mitstreitern karriereläufig abgelegt beziehungsweise in die Marginalität von Randgruppenexistenzen ausgezirkelt.
Der Wiener Hannibal-Verlag, dem Northoff das Hungergefühl-Manuskript überlassen hatte, kurz bevor die Möglichkeit eines Vertragsabschlusses mit einem renommierten deutschen Verlag konkret geworden wäre, legt mit Schmutz und Schund. Geschichten über Gott und die Welt 1983 noch eine mit Fotos von Gottfried Helnwein versehene Sammlung von Texten aus den Jahren 1974 bis 1982 auf. Danach fährt Northoff zwischenzeitlich in eine publizistische Flaute, in der seine Lebensumstände immer wieder unter das Existenzminimum pendeln, in der er aber gleichzeitig die Basis für sein umfangreiches Graffiti-Archiv legt. In ausgedehnten, fast täglichen Streifzügen zunächst durch Wien, danach durch andere österreichische Städte und auch im angrenzenden Ausland, dokumentiert er fotografisch zigtausende Wand- und Klosprüche, Plakatübermalungen, ergänzte oder verstümmelte Inschriften. Zeichen um Zeichen, Botschaft um Botschaft sammelt der Autor von den beschrifteten Wänden öffentlicher und halböffentlicher Räume für sein ständig sich fortschreibendes StadtLeseBuch.
Erst zehn Jahre nach Schmutz und Schund wird Northoffs kontinuierliche Beschäftigung mit den Manifestationen des Volkssprachlichen in Form von Kurz- und Kürzestbotschaften im Medium Graffiti dann auch in drei Publikationen manifest. In der Erinnerungsmontage Die Ohnmacht vor dem ganzen der Welt, erschienen 1992 in der Edition das fröhliche wohnzimmer, wird eine Frauenbiografie im Zeitraum zwischen 1920 und 1960 aus Sprachfragmenten und Wortfetzen gleichsam wie ein langes Graffito auf Buchseiten montiert. Mit In dem Lande sogar Jubel und Trauer befohlen wurden wird 1993 die Fermentierung der neuen deutschen Einheit in den Lackmus von Zeitungstextfetzen und Berlin-Graffiti getaucht. Das/der ebenfalls 1993 erschienene StadtLeseB(r)uch umfasst Schwarz-Weiß-Fotoserien und liefert zwei Essays, die die historische Entwicklung der Gattung Wortgraffiti sowie Northoffs literarischen Ansatz analysieren.
Fünfzehn Jahre nach Hungergefühl legt Northoff mit vergebliche Versuche eine weitere umfängliche Prosaarbeit vor, die, ursprünglich als Roman konzipiert, in ihrer fragmentarischen Geschichtenform und einem Wechsel der Erzählperspektive im zweiten Teil des Buches eine auch formal sehr anspruchsvolle Beschreibung einer proletarisierten Künstlerexistenz darstellt. Die zweiteilige Erzählung beschreibt in der ersten Buchhälfte unter "Treten am Fleck" und den Kapitelüberschriften "Tritt 1" bis "Tritt 4" den in einem Vorstadtgemeindebau lebenden Schriftsteller Krug, der, entfremdet seiner Herkunftmilieus diesen nicht entkommt und als Sozialhilfeempfänger eine randständige Schreibexistenz aufrechterhält, die, gelegentlich unterbrochen durch Sauf- und Fickorgien, die eigene Position und die daraus resultierenden Möglichkeiten und Einschränkungen im Rahmen einer marginalisierten Lebens- und Arbeitspraxis nüchtern bilanziert. Der mit seinen politischen Ansprüchen und Forderungen gescheiterte proletarisierte Intellektuelle Krug definiert dabei nicht primär sich als Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse, sondern sieht vielmehr die erfolgreich Angepassten in ihren gut bezahlten Angestelltenexistenzen und komfortablen Kleinfamilienkerkern als solche. Er erkennt, dass er in der von ihm gehassten "Abfallgesellschaft", einem System, das aus seiner Sicht nur die Alternativen "Abschaum oder Abstauben" zulässt, "selbst zum Abfall geworden ist", sieht sich "als Fossil nach der Auflösung des Klassenbegriffs, stärker und stärker fremdbestimmt im Lebtag mitten unter dem ehemaligen Proletariat, diesem Proletariat nicht mehr zugehörig", dem "dieses Leben würdig zu Ende zu führen einzig durch die bedingungslose Entscheidung zum Schreiben möglich sei, ungeachtet der Echos."
Der zweite, umfangreichere "vergebliche Versuch", überschrieben mit "Mehr war aus Krug nicht herauszuholen", führt anstelle der anonymen Erzählperspektive einen Ministerialbeamten aus dem Ressort Literatur als Ich-Erzähler ein. Dieser soll sich im Auftrag seines Ministerialrates unter Schriftstellern über die angeblich höhere Selbstmordrate in dieser Berufsgruppe umhören, um bei etwaigen diesbezüglichen Äußerungen in der Öffentlichkeit sowohl den Autorenverbänden als auch dem Minister belegen zu können, dass man "in der Sache ohnehin initiativ" sei.
Northoffs vergebliche Versuche erwiesen sich als sein bislang vergeblichster Versuch. Das Buch, mit Zeichnungen der Verlegerin erschienen in Alice Harmers edition aha, fand nicht einmal im Samisdat der Speziallesezirkel die gebührende Resonanz. Konsequent konzentriert sich Northoff seither fast ausschließlich auf sein StadtLeseBuch. Zurzeit sind fast 80.000 Graffiti auf diversen Bildträgern im ständig wachsenden Archiv. Mit Graffiti. Die Sprache an den Wänden hat Northoff 2005 im Wiener Löcker-Verlag ein profundes und überaus lesbares wissenschaftliches Basiswerk zu seinem Lebensthema vorgelegt.
"Living in an Ashtray" würde nach Northoff, wäre es irgendwo an der Wand zu lesen und stammte es aus einem Popsong, einem der Kinks etwa, der Gattung Liedgraffiti zuzuordnen sein. "Leben in einem Aschenbecher" ist ausnahmsweise aber weder ein Graffito noch eine Liedzeile, sondern es sind einfach vier geschenkte Wörter, die Thomas Northoffs Lebensgefühl nahekommen könnten.
(Walter Famler, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 20./21.10.2007)Walter Famler ist Herausgeber der Zeitschrift "Wespennest" (www.wespennest.at ) und Generalsekretär der Alten Schmiede.
