"Macbeth", diese fast archaische Geschichte vom Mechanismus der Macht, die die Mächtigen selbst auffrißt, erinnerte im Jahr seiner Entstehung an die Barschel-Affäre, was vor allem auf das Schlußbild des toten Macbeth in der Badewanne zurückzuführen war. Doch Kresniks "Macbeth" bebildert nicht die Chronik eines Skandals, er versucht, den Ursachen des Gewaltkomplexes auf den Grund zu gehen. Sein Macbeth (Mauricio Ribeiro) ist ein zu groß gewordenes Kleinkind. Mit Banquo (Jean Chaize), seinem Freund, Bruder und Rivalen, bildet er in der tänzerisch stärksten Szene des Abends zunächst eine bis zur Symmetrie gesteigerte Einheit. Banquo und Macbeth werden getrennt, angezogen, sozialisiert, doch unter der dünnen Schicht der Zivilisation lauert die Brutalität. Das erotische Spiel um Anerkennung bis aufs Messer wiederholt sich mit König Duncan (Pavel Straka), der bei Kresnik als Vaterfigur fungiert, während Lady Macbeth (Andrea Hovenbitzer) in dieser Szene die Mutter spielt.
Kresniks Bilder, die trotz ihrer behaupteten Körperlichkeit merkwürdig kalt wirken, sind Metaphern der Gewalt. Seine Bewegungen sind bis zur Karikatur vergrößert, reiben sich kaum an den individuellen Körpern der Tänzer. Ein bißchen schiebt der Wüterich des deutschen Theaters damit das Thema auch von sich hinweg, heraus aus der Risikozone unliebsamer Entdeckungen am eigenen Leib, hinein ins Demonstrative, wo die Fronten zwischen Gut und Böse klar sind. Zur fast stumpfen Klavierbegleitung (Claudio Frasseto und Georg Schneider) läuft Kresniks "Macbeth" wie ein alter Stummfilm ab.
Kultur Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.05.1996, Nr. 116, S. 45
