January 24th, 1996
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Schuld und Sahne
Gerhard Henschel
Triumph der Küchenpsychologie: "Schuldig auf Verdacht" (ZDF)
Die Zeitschrift "Emma" setzte 1993 sogar das Gerücht in die Welt, es gebe eine schlüpfrige "Kinderfreunde-Connection von den Krippen bis in die Hörsäle", und plazierte ein Porträtfoto der Kritikerin Katharina Rutschky ganz in der Nähe eines Helnwein-Gemäldes, auf dem zu sehen ist, wie sich eine Männerhand einem Kleinkind unter den Rocksaum schiebt.

1984 war in der Fachliteratur erstmals von jährlich 300000 mißbrauchten Kindern die Rede. Vier Jahre später stützte man sich auch in offiziellen Mitteilungen des Bundesfamilienministeriums auf diese Zahl. Um das Zahlenspektakel in Schwung zu halten, definierten gewitzte Kinderschützer selbst den Anblick obszöner Graffiti auf der Schulhoftoilette als sexuellen Mißbrauch. Der blinde Eifer hat in der Zwischenzeit nicht nachgelassen. Je dunkler die Ziffer, desto tiefer der Sinn: Wer sich aufgemacht hat, Verbrechen aufzuklären oder ihnen vorzubeugen, scheint im Zweifelsfall immer dazu zu neigen, auch die dürftigsten Indizien für schlagende Beweise zu halten. So hat auch der Meisterdetektiv Kalle Blomquist in seinem kriminalistisch unergiebigen schwedischen Heimatdorf einmal angefangen.

ie Stimmung ist gereizt. Mitarbeiterinnen und Unterstützer der Kinderschutz-Organisationen, die sich solch märchenhafte Namen gegeben haben wie "Zornröschen", "Wildwasser" oder "Zartbitter", reagieren auf Zweifel an ihrer pädagogischen Eignung oder ihrer moralischen Integrität verbiestert oder handgreiflich. Erhebt jemand Einwände, wird er als "Täterschützer" denunziert. Die Zeitschrift "Emma" setzte 1993 sogar das Gerücht in die Welt, es gebe eine schlüpfrige "Kinderfreunde-Connection von den Krippen bis in die Hörsäle", und plazierte ein Porträtfoto der Kritikerin Katharina Rutschky ganz in der Nähe eines Helnwein-Gemäldes, auf dem zu sehen ist, wie sich eine Männerhand einem Kleinkind unter den Rocksaum schiebt.

Aber daß auch "Emma" nur mit Wildwasser kocht, hat sich herumgesprochen. Berichtsnotorisch sind Fälle, in denen der Vorwurf des sexuellen Mißbrauchs erst einmal bundesweit Schlagzeilen machte und anschließend kleinlaut fallengelassen werden mußte. "Deutschlands schlimmsten Fall" beklagte die "Bild"-Zeitung, als ein Erzieher zweier Montessori-Kindergärten beschuldigt worden war, jahrelang Kinder geschändet und sogar Frauen geschlachtet zu haben. Was damals angeblich vorgefallen sei, beschrieb die "Zeit"als einen "Abstieg in die Hölle", und die "taz"erschauerte: "Man kann das Grauen und die Tragödien nur ahnen." Als sich zeigte, daß mit Experten und Kindern die Phantasie durchgegangen war und die Beschuldigungen sich nicht halten ließen, hatte der Erzieher bereits 26 Monate in Haft verbracht.

Jetzt hat sich das ZDF des heiklen Themas angenommen. Petra Haffters Fernsehfilm "Schuldig auf Verdacht" ergreift unmißverständlich die Partei des Beschuldigten: Ein Paar läßt sich scheiden, der Sohn bleibt bei der Mutter, und sie verweigert dem Vater sein Besuchsrecht, mit der Begründung, er habe den Sohn sexuell mißbraucht. Die Mutter lügt, der Sohn redet irre, der Vater verzagt. Die guten und die bösen Rollen sind so klar verteilt, daß der Zuschauer von Anfang an vor Überraschungen gefeit ist. Spitz und schnippisch äußert sich die Mutter, bevor sie sich wieder mißtrauisch hinter Hutschleier und Gardine verbirgt. Eine Kinderpsychologin, deren stümperhafte Recherchen den Vorwurf zunächst erhärten, steht die Heimtücke ins Gesicht geschrieben, während ihr professioneller Kontrahent durch Graumeliertheit, Seelenruhe und treuherzigen Blick alle Sympathien einheimst. Und der Vater zeigt sich zunächst in der vollen Pracht seiner neuen Bilderbuchbeziehung und dann in der absehbaren, durch Trinken, Brüllen und Rauchen dokumentierten Verzweiflung der verfolgten Unschuld. Eine alte Freundin, die er von der Reinheit seines Herzens zu überzeugen versucht, besieht sich währenddessen ihre Fingernägel und lächelt süffisant. Und seine Anwältin trippelt hochhackig und mondän schmauchend durch ihre Kanzlei. Ein Triumph der Küchenpsychologie ist die Vermutung der neuen Freundin des Vaters über die Motive seiner Ex-Frau: "Wahrscheinlich hat sie die Geschichte nur erfunden, um davon abzulenken, daß sie unfähig ist, etwas aus ihrem Leben zu machen - zu lieben vielleicht . . ."

Zwischen den Dialogen fahren die Hauptdarsteller in sauberen Autos zwischen tadellos aufgeräumten Wohnungen hin und her. Die sahnige Ästhetik der Halbfettmargarine-Reklamespots wird vom scheußlichen Thema kaum beeinträchtigt. Sonnenklar ist die Moral von der Geschichte, die mit ihrer falschen Eindeutigkeit nicht aufklärt, sondern agitiert. Darin ist sie den genormten Gruselgeschichten von der "Kinderfreunde-Connection" enger verwandt, als der Sache dienlich gewesen wäre.