December 5th, 2007
Der Spiegel
"In Deutschland am falschen Platz"
GLOBALROCKER "SCORPIONS"
Die "Scorpions" sind die erfolgreichste deutsche Band aller Zeiten. Seit 1969 musizieren Klaus Meine und Rudolf Schenker mit wechselnden Begleitern, auch Matthias Jabs gehört zur Stammformation. Kultstatus erreichte das 1981 von Gottfried Helnwein gestaltete Cover der LP "Blackout". Vor allem im Ausland feierten die "Scorpions" Erfolge: "Still loving you" zum Beispiel ist bis heute in Frankreich die meistverkaufte Single. Die Hardrocker aus Hannover beeinflussten Bands wie "Van Halen", "Bon Jovi" oder "Smashing Pumpkins".
Self-Portrait
Albertina Museum Collection, Vienna

Im Ausland erfolgreich, in Deutschland Außenseiter. Die "Scorpions" sind auf Welttournee, doch im eigenen Land geben sie kein einziges Konzert. Mit SPIEGEL ONLINE sprechen sie über miese Presse, prügelnde Rechtsextreme und die unstillbare Sehnsucht nach Hannover.

SPIEGEL ONLINE: Herr Meine, Herr Schenker, Herr Jabs, die "Scorpions" sind gerade auf Welttournee durch Amerika, Asien und Europa. In Deutschland dagegen geben sie kaum noch Konzerte - warum?

Klaus Meine: Deutschland ist uns natürlich sehr wichtig, aber wir gehen trotzdem dahin, wo das stärkste Feedback ist. Das ist für uns in den USA, Brasilien, Mexiko, Asien - da, wo wir in den letzten Monaten getourt sind. Allerdings haben wir im Herbst 2006 beim "Wacken Open Air" gespielt, vor anfangs sehr skeptischen Hardcore-Metalfans. Das ging aber richtig gut ab.

SPIEGEL ONLINE: Zuneigung, die Ihnen im eigenen Land in der Regel nicht mehr in überschwänglichem Maß entgegen gebracht wird. Ein deutscher Kritiker schrieb mal, Rock-Connaisseure könnten sich nichts Peinlicheres vorstellen, als zum Freundeskreis der "Scorpions" gezählt zu werden. Haben Sie angesichts solcher Presse nie gedacht: 'Deutschland verdient uns nicht, wir gehen'?

Meine: Na ja, wir fragen uns zumindest oft, was wohl gewesen wäre, wenn wir Mitte der achtziger Jahre in den USA geblieben wären. Neulich sagte jemand zu mir, "Na, was wohl? Ihr wärt eine amerikanische Band geworden." Das, was uns heute zu etwas Besonderem macht, nämlich eine globale Band zu sein, hätten wir dann nie erreicht.

Rudolf Schenker: Meinst du? Das ist die Frage. Ich hatte schon mal eine Zeitlang in den USA gelebt, leider war das nicht förderlich für die Gruppe. Als Einzelkünstler hat man's da leichter. Aber es stimmt wohl: Wären wir eine amerikanische Band geworden, hätten wir die politische Wende der Achtziger, mit Perestroika und Mauerfall, nie so erfühlen und musikalisch umsetzen können, wie wir's damals gemacht haben.

Meine: Das Thema Rechtsradikalismus ist natürlich der Punkt, bei dem du im Ausland an deine deutschen Wurzeln erinnert wirst. Wenn dich eine 18-jährige MTV-Moderatorin in Mexiko City fragt, wie das ist, in einem Land zu leben, in dem Ausländer gejagt und fast zu Tode geprügelt werden. Da sieht sich die Band dann gefordert, Stellung zu beziehen und auch die positiven Seiten Deutschlands aufzuzeigen.

SPIEGEL ONLINE: ... als Sie 1989 mit "Wind of Change" den Soundtrack zum Mauerfall schrieben. Wie hat Deutschland den Wechsel, den Sie damals beschworen haben, wie hat es Wiedervereinigung und Einheit gemeistert?

Schenker: Das Beste und Schönste ist doch, dass der Fall der Mauer friedlich gelaufen ist, kein Schuss ist gefallen. Außerdem: An welchem Punkt, besonders in der Anfangszeit, hätte man Dinge gravierend anders machen können oder sollen, als sie nun mal gelaufen sind?

Matthias Jabs: Die Fußball-WM 2006 hat gezeigt, dass Deutschland die Einheit bislang ganz gut hingekriegt hat. Dass man so ein Mammut-Event wie die WM als geeintes Land schön und friedlich mit Bravour über die Bühne bringt, ist eine starke Leistung.

SPIEGEL ONLINE: Gerade die WM hat aber auch Brüche deutlich gemacht. Ein früherer Sprecher der Bundesregierung riet ausländischen Gästen, bestimmte Bundesländer im Osten zu meiden.

Vollständiges Interview: Archiv Der Spiegel.