
Johann Kresniks Tanztheater "Macbeth" nun in der Berliner VolksbühneDie Leichenhalle ist voller Badewannen. Mehr als ein Dutzend davon, mit verkrümmten Elendsfiguren gefüllt, bestimmen, mal horizontal, mal vertikal aufgestellt, die Szene. Damit nicht genug: Im Vordergrund ist eine weitere, riesenhaft vergrößert, in den Boden eingelassen. Darin sitzen, makabrer Orchestergraben, die beiden Pianisten, die dem Geschehen den musikalischen Rahmen geben. Und von Zeit zu Zeit erscheint ein schwarzer Kaplan - italienischer Pater oder Todesengel? - und kippt eine Karre voller Eingeweide vom Schlachtfeld in die Orchesterwanne.
Jeder weiß natürlich sofort, was Johann Kresnik mit seiner Tanzversion des "Macbeth" auf diese Weise verkünden möchte: An den schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel soll man denken, der bekanntlich 1987 in der Badewamnne eines Zürcher Hotels tot aufgefunden wurde, vermutlich - wie jüngste Untersuchungen ergaben - ermordet. Und auch über den Bezug zu Shakespeare bleibt man ganz und gar nicht im unklaren: Machterwerb ist ein blutiges Geschäft, Machterhalt ein noch blutigeres. Uwe Barschel als Macbeth? Da muß man schon einen absonderlichen Sinn für abstruse Vergleiche haben.
Johann Kresnik hat diese, seine Vorstellung von Politaffären in der Bundesrepublik, schon 1988 in Heidelberg herausgebracht und sie im gleichen Jahr beim Theatertreffen in Berlin präsentieren dürfen. Warum er sie jetzt an seiner neuen Wirkungsstätte, in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, noch einmal zeigt? Von Arbeitseifer und Einfallsreichtum zeugt das nicht. Und sieben Jahre "danach" wirkt die kaum veränderte Replik nicht eben aufregender. Was man damals schon empfand, hat sich verstärkt: Hier wird ein formalistisches, sorgsam gestyltes Kunstprodukt mit aufgesetztem Politbezug auf die Bühne gebracht. Bei allem gelegentlichen Ekel über die massenhafte Präsentation an Blut und Innereien läßt einen das merkwürdig kalt.
Das Bühnenbild des Malers Gottfried Helnwein scheint Kresnik auf Abwege geführt zu haben: Eine Leichenhalle eben, eine Art Labor, klinisch, steril, eine Versuchsanordnung zur Untersuchung von Macht. Und entsprechend kostümiert die gleichsam chemischen Bestandteile: Die Hexen sind eine Mischung aus Hostessen, NS-Frauenbewegung und Militär, Lady Macbeth trägt Rot, das ausblutet und weiß wird, Macbeth stolpert in Riesenstiefeln über die Szene, weil er halt der Macht nicht gewachsen ist.Das alles ist gewiß nicht ohne optischen Reiz. Vor allem die Tanzszenen mit Joachim Siska in der Titelrolle und Susana Ibanez als Lady Macbeth haben in ihren würgenden, verschlingenden Schlangenbewegungen zuweilen etwas zutiefst Beängstigendes, ja, Apokalyptisches.
Aber dann kommen immer wieder diese Überdeutlichkeiten, die rein formalistisch bleiben: Aus Schläuchen, die um die Bühne gelegt sind, fließen dauernd Ströme von Blut in die Orchesterwanne, damit man ja nicht vergißt: Macht fordert Blut, und alles fließt in Barschels Wanne.Selbst die Musik von Kurt Schwertsik perlt in kalter Schönheit über das Geschehen, schreckt manchmal mit Gepolter auf, wenn man sich gerade in die ästhetische Rätselspiele des Johann Kresnik versenkt hat. Das alles bewegt einen nicht, das regt auch nicht zum Nachdenken an, man bewundert höchstens die Perfektion des Gestylten. Nein, wenn man von einem Theaterabend Betroffenheit erwartet - hier wird man sie nicht erleben. Zu abwegig in den politischen Bezügen, zu deutlich oft und vor allem zu gehetzt in den szenischen Abläufen - Dominanz von Meinung und Form.Trotzdem donnernder Beifall.

