December 11th, 2006
Kölnische Rundschau
Kresniks Abschied und Feuerzauber
H.D.Terschüren
BONN. Johann Kresnik will es den Bonnern offenbar noch mal zeigen. Also ließ er Maler-Ausstatter Gottfried Helnwein zu Beginn von „Rheingold“ im Film einen Kinderkopf von Goldmünzen zerschlagen. Solche Schocker hat man ihm immer verargt. Bald darauf donnert aus dem Bühnenhimmel der Nibelungenschatz herunter: das Geld als Auslöser allen Unheils, Wagners Thema. Zugleich geht es aber auch um den Wagner-Missbrauch in der Geschichte. Das legt die Montage auf dem Bühnenvorhang nahe, wo ein Rechner aus Wagners Konterfei das von Nietzsche und Hitler entstehen ließ. Sie treten auch auf.

Mit dem „Ring des Nibelungen“, in dieser und der nächsten Spielzeit auf die Folie von Weltgeschichte und Wagnerbiografie projiziert, verlässt Kresnik Bonn, das den Großmeister der blutigen Tanzmythen opfert, um die anderen Sparten zu schonen. Sonntag hatten „Rheingold“ und „Walküre“ Premiere. 2007 / 08 markiert dann nach „Siegfried“ die „Götterdämmerung“ Kresniks Abschied. Darunter macht er es nicht. Natürlich lässt der Choreograf seinen Abneigungen freien Lauf. Alberich (Przemyslaw Kubicki), der den Rheintöchtern den Schatz abjagt, tritt in schwarzer faschistischer Uniform auf wie Darth Vader in „Star Wars“. Die Rheintöchter sind Kraft-durch-Freude-Maiden. Später zitiert Wochenschaumaterial die Prominenz in Bayreuth im Kresnik-Kurzschluss. Nun muss Tanztheater nichts beweisen; Kresnik assoziiert und reduziert denn auch. „Rheingold“ und „Walküre“ dauern knappe anderthalb Stunden. Weil das für Wagners Üppigkeit wenig ist, hat Kresnik sich bei Gernot Schedlberger eine neue Musik bestellt, teils für zwei Klaviere, teils fürs Beethoven Orchester vom Band. Wagner wird nicht einmal zitiert - die Konkurrenz wäre auch nicht zu bestehen gewesen.

Zum Anfang gehören auch brennende Ölfelder im Irak. Man ahnt, wie die „Götterdämmerung“ aussehen könnte. Zwischen den Versatzstücken verbinden muss man selbst. Aber mit Kresniks Deutlichkeit funktioniert das auch. In „Rheingold“ hat er der Göttin Freia einen Apfel in den Mund gequetscht. Wagner-Gönner Ludwig II. erkennt man am nach unten weit offenen Uniformrock. Überhaupt überwiegt das Homoerotische. Mit Robert Strajner, dem einen Wagner-Darsteller, tanzt Ludwig sein Werben. Er bringt Blumen, Wagner stopft ihm als dafür seine Partitur in den Hals. Kunst als Liebesverbot. Später wird Ludwig II. (Sascha Halhuber) angesichts des Politrummels die Blumen zerrupfen aus Trauer über den Verrat.

Böse sind die Öfen, aus denen Leni Riefenstahls Lichtorgeln in den Himmel steigen. Zur „Walküre“ mit Geschwister-Inzest und Wotans (Patrick Entat) „Vaterliebe“ zu Brünnhilde (Vanessa Curado) lässt Kresnik den Frauenflor von Minna (Alexandra Kunze), Mathilde Wesendonck (Agnieszka Samuel) bis Cosima (Hans-Jürgen Moll) Revue passieren. Aber „Walküre“ setzt auch in drastischen und teilweise starken Bildern Krieg in groteske Klinikbilder, in die dann auch der kranke Nietzsche gehört. In GI-Uniform holen die Walküren die Gefallenen an Aufzügen nach Walhalla. Keine Frage, vieles ist spannend, manches mühselig, alles bekam ausdauernden Beifall. Man wird sehen, ob sich der „Ring“ rundet.

1½ Std., keine Pause, 14. und 16. Dezember, 19.30 Uhr. Karten-Tel. 0228-77 80 08.