Die Gesamtaufführung von Richard Wagners Opernvierteiler "Der Ring des Nibelungen" dauert etwa 15 Stunden. In seiner Adaption fürs Choreographische Theater hat Johann Kresnik das Erzähltempo deutlich beschleunigt: Für den "Siegfried" und die "Götterdämmerung", deren Uraufführung (nach dem "Rheingold" und der "Walküre" in der vergangenen Saison) jetzt in der Bonner Oper Premiere hatte, braucht er zusammen gerade einmal 75 Minuten. Dennoch wäre es nicht ganz richtig, diesen "Ring" als Reader´s-Digest-Version des Wagnerschen Originals abzutun.
Kresniks Version ist Konzentrat und Kommentar zugleich. Im Prolog zur "Götterdämmerung" etwa zeigt er eine Videoprojektion von Walt Disneys urkomischer Nazi-Parodie "Der Fuehrer`s Face" mit Donald Duck in der Hauptrolle. Auf der Bühne aber sieht man den Komponisten Richard Wagner (Robert Strajner), dem man mit schwarzer Farbe Hakenkreuze auf die bloße Haut schmiert. Aus dem Off tönt eine Stimme, die Ausschnitte aus Wagners antisemitischer Schrift "Das Judentum in der Musik" liest. Kresnik zeigt Wagner mithin als Täter und Opfer zugleich und nutzt den Disney-Cartoon, um das Ganze ironisch zu brechen.
So ganz bierernst muss man an diesem Abend tatsächlich nicht jedes Detail der insgesamt 23 Szenen nehmen. Immer wieder stellt sich der Eindruck ein, dass Kresnik seine eigene, liebgewonnene Bildsprache bis zur Karikatur überspitzt. Der Schluss der "Götterdämmerung" ist so ein Beispiel. Das Ende der Götter bedeutet hier auch das Ende der Zivilisation. Auf der von dem Künstler Gottfried Helnwein entworfenen Bühne wird dies unter anderem durch einen veritablen Autofriedhof dargestellt. Als besondere Pointe fällt ein golden lackierter amerikanischer Straßenkreuzer vom Schnürboden mit lautem Getöse auf den Schrottberg. Das Publikum ist amüsiert - und etwas anderes ist wohl auch nicht intendiert.
Doch Kresnik bietet auch Bilder von geradezu poetischer Kraft. In einem Traum begegnet Siegfried seinen Eltern Siegmund und Sieglinde, wobei Kresnik das Geschwisterpaar zu einer Figur verschmilzt: Wie einen Januskopf trägt Siegmund (Rory Stead) das Gesicht seines weiblichen Gegenstücks, über seinem nackten Unterkörper wölbt sich der Bauch des mit Siegfried schwangeren Paares.
Solche psychoanalytischen Beobachtungen treten vor den eigentlichen großen Themen Kresniks ein wenig in den Hintergrund. Christoph Klimke hat die Anliegen Kresniks erwartungsgemäß ins Libretto gepackt, wobei der Wagner/Ring-Komplex ein dankbarer Steinbruch ist. Denn seit George Bernard Shaws scharfsinniger Analsyse der Operntetralogie ist die Kapitalismus-Kritik untrennbar mit ihr verbunden. Der Ring selbst steht hierfür als ein Symbol in XXL-Format: Er hat die Gestalt eines golden lackierten Baggerreifens.
Es überrascht auch nicht, dass Kresnik seine Kapitalismuskritik auf eine dezidierte Amerika-Kritik ausweitet: So wird Siegfrieds Körper, nachdem er den Riesen Fafner und den Zwerg Mime erschlagen hat, zu einer Projektionsfläche für Porträts von Osama Bin Laden, George Bush, Wladimir Putin, Ahmadinedschad und Kim Jong-il. Ob amerikanischer oder russischer Präsident, ob Terrorist oder Diktator, für Kresnik sind sie alle aus einem Holz geschnitzt.
Die Darsteller und Tänzer liefern in Kresniks Inszenierung zur Musik von Gernot Schedlberger (Klavier: Peter Bortfeldt und Claudio Frassato) physische Schwerstarbeit. Herausragend das Paar Siegfried und Brünnhilde (Sascha Halbhuber Stead und Vanessa Curado). Auch den kleineren Partien wie Mime (Michael Sandor), Gunther (Ziv Frenkel) oder Gutrune (Daniela Grevrath) wird in Kresniks Brachial-Theater einiges abverlangt. Alberich (Mack Kubicki) humpelt auf der Jagd nach dem Ring mit einem Vorschlaghammer über die Bühne, Hagen (Osvaldo Ventriglia) tötet Siegfried, indem er ihm mit den Zähnen ganze Fleischstücke aus dem Körper reißt.
Wotan (Valentí Rocamora i Torà) hat den Speer in einen überdimensionalen Rucksack verstaut und bewegt sich nurmehr altersschwach und schwerfällig mit Gehilfen fort. Ein bisschen Eleganz und Anmut ins raue choreographische Theater bringen das Ensemble als "Wagnerianer" und vor allem Yeshiko Waki als Waldvogel ein.
Für Kresnik bedeutet die Vollendung des "Rings" den Abschied aus Bonn, der ihm allerdings durch den Jubel des Publikums ein wenig versüßt werden dürfte. Fürs Bonner Theater ist es nach dem Ring-Musical nun der zweite Beitrag zu Wagners Tetralogie - jetzt fehlt nur noch das Original.
Weitere Vorstellungen: 14. Februar, 7. und 27. März, Karten unter anderem in den GA-Ticketshops.