Max Raabe und sein Palast Orchester starten jetzt im Admiralspalast ihre große Konzerttournee mit Liedern der zwanziger und frühen dreißiger Jahre. WELT ONLINE sprach mit dem Wahlberliner über sein Lampenfieber kürzlich in der New Yorker Carnegie Hall, seine Gedanken zur NS-Zeit und die Hochzeit von Skandalrocker Marilyn Manson.

WELT ONLINE: Sie gehen jetzt mit dem Programm "Heute Nacht oder nie“ auf Tournee, also mit ebenjemen, das Sie auch in der Carnegie Hall in New York aufgeführt haben. Ist das ein großer Unterschied, ob man auf der Bühne steht und sagt "Mein Name ist Max Raabe“ oder "My Name is Max Raabe“?
Raabe: Das ist es in der Tat. Mein Englisch, das ich in der Schule gelernt habe, hat mit dem Englisch der Amerikaner natürlich nicht viel zu tun. Irgendwann findet man dann aber einen Ton, bei dem man sich wohl fühlt.
WELT ONLINE: Wie war denn der Auftritt in der ehrwürdigen Carnegie Hall? Hatten Sie Ehrfurcht?
Raabe: Alles. Ich hatte mir vorher eingeredet, dass das auch nur ein Konzerthaus ist wie alle anderen auf der Welt – eine etwas bemühte These. Fünf Minuten vor dem Auftritt war ich total aufgeregt, als ich auf die Bühne gegangen bin, war es noch schlimmer. Normalerweise beruhige ich mich dann immer, an dem Abend war es aber umgekehrt. Ich war nervös wie ein Rennpferd. Bei den ersten Takten habe ich mich zum Glück konzentrieren können und langsam wieder eingekriegt. Sonst wäre ich womöglich durchgedreht.
WELT ONLINE: War denn die Carnegie Hall eine so andere Liga? Sie treten seit 20 Jahren mit dem Palastorchester auf, da müsste man doch einiges gewohnt sein!
Raabe: Ja, aber da saßen nun mal New Yorker. Denen muss man wirklich nicht mehr erklären, was Entertainment ist. Die brauchen uns vielleicht gar nicht, um einen schönen Abend zu haben. Deshalb auch der Titel "Heute Nacht oder nie“. New York bedeutet Druck. Man macht sich verrückt. Nicht ohne Grund hat Frank Sinatra über diese Stadt gesungen: "If I can make it there, I make it anywhere”.
WELT ONLINE: Denken Sie das jetzt auch? Liegt ihnen die Welt zu Füßen?
Raabe: Das wird sich zeigen. Im Oktober sind wir wieder in Amerika, das wird eine richtige Tournee. Diesmal aber an der Westküste.
WELT ONLINE: Brauchen denn die New Yorker nun ausgerechnet Max Raabe?
Raabe: Ich habe denen etwas mitgebracht, was sie noch nicht kannten. So gut wie wir macht das sonst keiner. Wir waren bestimmt die ersten, die mit dem Liedgut der Weimarer Zeit in der Carnegie Hall aufgetreten sind. Die Amerikaner verblüfft es sehr, dass da Deutsche auf der Bühne stehen, die Humor haben und Selbstironie.
WELT ONLINE: Haben die New Yorker auch etwas gelernt über Deutschland? Meist kennen die ja nur Hitler und die Nationalsozialisten.
Raabe: Ich unterstelle den Leuten, dass sie wussten, aus welcher Ära unsere Lieder stammen. Nämlich aus dem toleranten und weltoffenen, aufgedrehten und experimentierfreudigen Berlin der Weimarer Republik – dem krassen Gegenentwurf zum späteren Nazideutschland. Mir war klar, dass wir da nichts mehr erklären müssen, dass wir keine Geschichtsstunde für das US-Bildungsbürgertum veranstalten. Das mache ich auch in Deutschland nicht. Ich erkläre den Menschen nicht die Welt, aus der mein Repertoire stammt. Wenn ich auf der Bühne stehe, will ich, dass es ein unterhaltsamer Abend wird. Deshalb zeige ich dort den dramatischen Kontext nicht auf, der beinhaltet, dass der größte Teil unser Texter und Komponisten nach 1933 nicht mehr auftreten durfte, dass sie verfolgt wurden, fliehen mussten oder gar umgebracht wurden. Womöglich noch von den Menschen, die sich kurz vorher noch über ihre Stücke gefreut haben.
WELT ONLINE: Unglaublich.
Raabe: Je länger ich über diese Zeit nachdenke, desto schrecklicher und unfassbarer wird das für mich. Ich nenne die Namen der Komponisten und Texter, die von den Nazis vergessen gemacht werden sollten. Diese Namen fallen immer und immer wieder in unserer Show. In Deutschland wissen heute wieder viele Menschen, wer Holländer, Gilbert oder Rotter waren. Das war vor meiner Karriere noch nicht der Fall.
WELT ONLINE: Sehen Sie Parallelen zwischen dem toleranten Berlin der Zwanziger Jahre und dem toleranten Berlin von heute, das sich ja selbst als die sexy Metropole des 21. Jahrhunderts sieht?
Raabe: Vielleicht sehen die Berliner Imageberater diese Parallelen. Aber die Leute, die hier leben, die sehen das nicht. Sie werden keinen einzigen Berliner an der Supermarktkasse oder im Wartezimmer beim Arzt finden, der behauptet, Berlin sei sexy. Natürlich tut das Klaus Wowereit, und das ist auch gut so. Die Urberliner selbst haben aber sowieso ihr Selbstbewusstsein, das sie sich nicht nehmen lassen. Und die Zugezogenen sind ja aus gutem Grund gekommen und mögen meist das, was sie vorfinden.
Mit dem Program "Heute Nacht oder nie" aus der New Yorker Carnegie Hall geht das Palastorchester mit Max Raabe jetzt auf Tour. Auftakt ist am Donnerstag, 20. April im Admiralspalast.
