Dessau/MZ. Es ist der perfekte Moment für jeden Ballett-Tänzer, in dem sich eine permanente Sehnsucht für Bruchteile von Sekunden erfüllt: "Zwischen Himmel und Erde" im Sprung, aus der Schwerkraft steigend und doch schon wieder ihren Gesetzen unterworfen.
Dass Gregor Seyffert diesen utopischen Augenblick am liebsten in die Unendlichkeit verlängern würde, hat er bereits unter Beweis gestellt - nie aber so konsequent und zugleich so trostlos wie in seinem Tanzdrama "Peri". Denn das 2004 für das Schumannfest Düsseldorf entwickelte und nun als Entschädigung für eine Spielzeit ohne Tanz-Premiere in Dessau überarbeitete Stück hebt die Tänzer in den Himmel, was ihrem Schweben Dauer verleiht und ihre Kunst an ein trauriges Ende treibt.
Die akrobatische Leistung des Abends ist einmal mehr atemberaubend: Auf einem Lichtring hoch über der Bühne stehen die Engel, die den halb himmlischen und halb irdischen Helden aus ihrer Mitte verstoßen - und in eine apokalyptische Welt senden, um "Gottes liebste Gabe" zu suchen. Fortan kämpft Seyffert, dessen asketische Gestalt mit seiner artistischen Maßlosigkeit korrespondiert, um den erneuten Aufstieg.
Dabei schwebt er am Hüftgurt oder springt auf spitzen Fuß-Verlängerungen, stürzt am Gummiseil oder wird von den Himmelswächtern ohne Netz und doppelten Boden gehoben und fallengelassen. Diese nervenaufreibend zirzensische Leistung bildet buchstäblich das Zentrum des Geschehens, alle übrigen Figuren - von der Dessauer Gregor-Seyffert-Compagnie und dem Tanzforum, der Staatlichen Ballettschule Berlin und dem halleschen Sport- und Kulturklub Tabea verkörpert - bleiben dienende Staffage. Man kann die drei Akte, in denen Peri letzte Dinge sammelt, durchaus chronologisch lesen: Nach der grausamen Hinrichtung eines Einzelkämpfers durch eine ganze Armee sieht man die in Folge einer Katastrophe hinsiechenden Opfer - und schließlich blinde, bandagierte Kinder, die von obskuren Wissenschaftlern offenbar unterirdisch gezüchtet worden sind.
Dass all dies mit den Bildern und Videos von Gottfried Helnwein sowie mit einer Mischung aus esoterischer Liturgie und martialischen Beats unterlegt wird, verstärkt die beklemmende Wirkung. Denn Helnwein hat mit seinen Gemälden von toten Kindern sowie von bandagierten und gewaltsam deformierten Gesichtern eine Marktlücke besetzt, die in ihrer szenischen Übersetzung mit Obszönität spielt. Der Verzicht auf Schumanns ursprünglich zugrunde gelegte Komposition "Das Paradies und die Peri" aber beweist, wie vorsätzlich man hier auf maximale Manipulation setzt. Dass Seyffert einen seiner größten Erfolge mit Kleists "Über das Marionettentheater" feierte, darf man im Blick auf "Peri" nicht vergessen. Während er damals die Fäden, an denen die Puppen hängen, als Problem erkannte, sind diese Hilfsmittel inzwischen klag- und kritiklos akzeptiert.
Ob ein solcher Aufstieg mit fremden Kräften nicht zugleich der Sündenfall des Tanzes ist, der sich in dieser Inszenierung ohnehin nur punktuell (und dann doch wieder auf dem Boden der Tatsachen) ereignet, muss jeder Zuschauer für sich selbst entscheiden. Unverkennbar ist zumindest, dass dieses Stück keine Hoffnung lässt - und dass Peri am Ende gebrochen in den Seilen hängt.
