Dessau/MZ. Der Engel könnte tief fallen. Acht Meter trennen ihn vom Boden. Doch er fällt nicht, er schwebt, wie ein Engel eben, präziser wie ein Peri. Sanft gleitet er hinab, tupft nur mit der Zehenspitze leicht auf den Boden und gewinnt wieder an Höhe. Ein auf und ab zwischen oben und unten, zwischen Himmel und Hölle. Eben dort spielt "Peri", das neue Tanzdrama, das die Gregor Seyffert Compagnie Dessau am Freitag, 19.30 Uhr, im Anhaltischen Theater zur Premiere bringt.
Für Seyffert ist es kein neuer Stoff, den er da erzählt und tanzt. 2004 zeigte er beim Schumannfest in Düsseldorf als Auftragsarbeit in der dortigen Tonhalle das Oratorium "Das Paradies und die Peri". Ein Orchester spielte damals, Tanz und die Videos des Künstlers Gottfried Helnwein machten das Schumannsche Werk komplett.
In Dessau wird vier Jahre später vieles anders. Deshalb tatsächlich von einer Premiere zu sprechen, hält Ballettmanager Thomas Guggi für mehr als legitim. Choreograph Seyffert hat sein Ursprungswerk vor allem musikalisch umgestellt. Von Robert Schumanns Musik ist nichts geblieben, die Geschichte der Peri aber wird weiter erzählt. "Die Hauptfiguren findet man wieder, wir haben die Szenen sogar erweitert und tänzerischer gemacht. Die Artisten sind choreographischer eingebunden als in Düsseldorf", erzählt Guggi.
Das klingt erneut nach einem besonderen Aufwand. Der ist zwar nicht vergleichbar mit dem Vockerode-Projekt, das im August wieder startet. Aber besondere Anforderungen an das Anhaltische Theater stellt auch diese Produktion der Seyffert Compagnie Dessau. Vor allem wird es bereits erwähnter Ring mit acht Metern Durchmesser sein, der über der Bühne hängt. Weil man diesen aber von den hinteren Parkettreihen und aus dem Rang nicht mehr sehen würde, sitzt das Publikum auf Podesten auf der Hinterbühne. Zwar reduziert das die Kapazität, garantiert aber einen perfekten Blick auf die Tänzer, die nicht nur am Boden agieren, sondern auch an Longen schweben, während zwei Artisten die luftige Höhe des Rings nicht verlassen.
Zwar sei die Vorlage für "Peri - zwischen Himmel und Hölle" ein persisches Märchen, zu erleben sei indes eine "harte Story", wie Guggi erklärt. "Man sieht der Produktion an, dass sie ein Tanzdrama ist. Darauf sollte sich das Publikum einstimmen", so der Manager. "Nur mit drastischer Sprache kann man transportieren, was Peri auf der Erde erlebt." Dorthin muss das Wesen, um Aufgaben zu erfüllen, die ihm die Rückkehr durch die Himmelspforte garantieren. "Vieles wirkt verstörend und anrührend", verspricht Thomas Guggi.
Die Schumannsche Musik wird in der Dessauer Premiere durch Zeitgenössisches ersetzt. "Wir verwenden modernes, neues Material, viel auch aus Filmen", sagt Guggi. Geblieben aber sind die Videos des Künstlers Gottfried Helnwein, die man auch schon in Düsseldorf sah und die im Dessauer Theater auf eine Leinwand projiziert werden, die Bühne und Zuschauerraum trennt. "In Dessau bekommt das Stück eine ganz andere Qualität", ist sich Guggi sicher. Und die Peri-Geschichte geht auch anders aus. "Peri ist nach ihrer Reise an den Aufgaben gewachsen, ein Stück menschlicher geworden." Was dies für Gregor Seyffert bedeutet, sieht man an diesem Wochenende fünf Mal im Anhaltischen Theater.
