January 1st, 2006
DIE BIBLIOTHEK H.C. ARTMANN
Mit Donald Duck auf Weltreise
Stefan Winterstein
H. C. Artmanns Comic-Lektüren
Carl Barks war meiner Meinung nach der wichtigste Disney-Künstler. Für uns Kinder der Nachkriegsgeneration war Barksens Donald ein Heiland. Wien war damals ein wirklich trostloser Ort, und in meinen frühen Kindheitstagen fühlte ich mich wie in einem schlechten Stummfilm, der noch dazu in Zeitlupe ablief. - Und als ich eines Tages ein Micky Maus Heft öffnete, und zum ersten mal Entenhausener Boden betrat, war das wie der Eintritt in ein neues magisches Universum, das dreidimensional und farbig war, und eine unglaubliche Dynamik hatte. Ich habe den Eindruck, dass es für viele meiner Generation ähnlich war: Für Manfred Deix und Elfriede Jellinek [sic!], die übrigens ein wunderbares Essay über Ahörnchen und Behörnchen geschrieben hat, oder HC Artmann, von dem die Bemerkung stammt »Der einzige Mensch der uns heute noch etwas zu sagen hat ist Donald Duck«

Dieser Essay wurde in dem Buch "WANN ORDNEST DU DEINE BÜCHER?" - DIE BIBLIOTHEK H.C. ARTMANN"erstmals veröffentlicht. Herausgegeben wurde der Band von Marcel Atze und Hermann Böhm für dieWienbibliothek, Sonderzahl Verlagsgesellschaft, 2006.

In H. C. Artmanns 1971 erschienenem Text "How much, schatzi?" ruft ein über seine Tochter "erzürnter vater":

Da, da knotzt sie auf ihrer ungemachten Couch herum, liest basteiromane, schmökert in schmierigen donaldducks und blöden fixifoxis, masturbiert zwischendurch, wenn sie mich nicht am schlüsselloch wähnt, mit vorgewärmten Wienerwürstchen, die ich hernach, um nicht hungers zu verrecken, eiskalt auffressen muß.

Die zweifellos anstößige oder auch abstoßende Passage, die Teil des aus misogynen Ausbrüchen verschiedener Münder zusammengestellten Abschnitts Gerechter zorn der geschlechter ist, sei hier um der Lektüre der »arbeitsunwillige[n] spitzmaus« willen zitiert. »basteiromane«, »donaldducks« und »fixifoxis« - gibt diese Auswahl in irgendeiner Weise Aufschluß über Artmanns persönliches Verhältnis zu Comics? Deutlicher als die Nähe zu Groschenromanen, in welche sie hier gerückt werden - was zunächst abschätzig erscheint, aber bei Artmanns Respekt etwa vor Jerry Cotton eine sorgfältigere Betrachtung verlangt -, ist die Assoziierung dieser Lektüre: ihre Verbindung mit Faulheit, Arbeitsunwilligkeit, Onanie, moralischer Verkommenheit, ja überhaupt die Tatsache, daß sie für den Vater des achtzehnjährigen Mädchens Teil eines provokatorischen Verhaltens ist. Dieses Urteil über Comics, deren Genuß der pensionierte Eisenbahnbedienstete mit dem imaginierten Instrumentarium Rohrstock, Schusterknieriemen und Kerker begegnen möchte, ist historisch durchaus nicht singulär: obgleich es den Konsum offenbar weniger - wie die früher sehr geläufige Kritik - als Ursache von Verrohung betrachtet denn als Teil von deren Symptomatik. Für ein Urteil über Roheit erscheint dieser Vater freilich äußerst inkompetent.

Und sonst? Artmann in einem Interview:

[I]ch les gern so Heftel. Fix und Foxi nicht. Das ist schlecht gezeichnet. Eine üble Nachahmung von Donald Duck halt. Ihr kennt es ja, nicht? Seits [sie!] ja damit aufgewachsen. Das war das einzige, was ich meinem Sohn verboten hab, da war i immer sehr barbarisch. I hab gsagt: les a ordentliches Micky Maus, aber net Fix und Foxi, den Scheiß.

Im Falle von Fix und Foxi sind sich der Eisenbahnrentner und der Schriftsteller also überraschend einig, wenn auch aus denkbar unterschiedlichen Positionen und Argumentationslagen heraus: In ihrer Bezeichnung als »fixifoxi« verrät jener - ein Kniff des Autors - einen groben Mangel an Kennerschaft, welche Artmann für sich gerade in Anspruch nimmt. Bei Donald Duck aber verhalten sich die Meinungen der beiden Herren diametral zueinander: Würde ihn der eine seinem Kind am liebsten gewaltsam austreiben, wird er vom anderen dem Sohn zum Lesen empfohlen.

Gottfried Helnwein gibt in einem im April 2006 von Evie Sullivan durchgeführten Interview eine Einschätzung von der Rolle, welche die Geschichten um Donald Duck und dieser selbst für seine Generation gespielt haben:

Carl Barks war meiner Meinung nach der wichtigste Disney-Künstler. Für uns Kinder der Nachkriegsgeneration war Barksens Donald ein Heiland. Wien war damals ein wirklich trostloser Ort, und in meinen frühen Kindheitstagen fühlte ich mich wie in einem schlechten Stummfilm, der noch dazu in Zeitlupe ablief. - Und als ich eines Tages ein Micky Maus Heft öffnete, und zum ersten mal Entenhausener Boden betrat, war das wie der Eintritt in ein neues magisches Universum, das dreidimensional und farbig war, und eine unglaubliche Dynamik hatte.Ich habe den Eindruck, dass es für viele meiner Generation ähnlich war: Für Manfred Deix und Elfriede Jellinek [sic!], die übrigens ein wunderbares Essay über Ahörnchen und Behörnchen geschrieben hat, oder HC Artmann, von dem die Bemerkung stammt »Der einzige Mensch der uns heute noch etwas zu sagen hat ist Donald Duck«.3

Diese Stellungnahme enthält zumindest eine Vereinnahmung: H. C. Artmann wird hier einer Generation einverleibt, der er historisch nicht angehört hat: Gottfried Helnwein selbst ist im Jahr 1948 geboren, Manfred Deix 1949, Elfriede Jelinek 1946. Der 1921 geborene Artmann ist somit eine volle Generation älter als seine Künstlerkollegen. Die Bildergeschichten von Donald Duck konnten nicht Teil seiner Kindheitserfahrung sein:Als das erste Micky Maus-Heft in deutscher Sprache erschien, war er bereits 30 Jahre alt.

Um so bemerkenswerter ist seine Auseinandersetzung mit diesem Material. Folgt man Marc Degens, ist er überhaupt »der erste deutschsprachige Autor, der sich in seinen Werken intertextuell auf die (amerikanische) Comicliteratur bezog«.5 Auch Klaus Reichert bezeichnet ihn in dieser Frage als »Pionier«. Ähneln seine Leseerfahrungen, nach denen hier gefragt werden soll, also dennoch - über den großen Altersunterschied hinweg - denen Gottfried Helnweins, wie der Künstler glaubt? Helnweins Verhältnis zu Donald Duck ist von ostentativer Glorifizierung geprägt - ja, bisweilen eignet ihm ein buchstäblich apotheotisches Moment: Im zitierten Interview etwa gerät die Figur wörtlich zum Heiland der österreichischen Nachkriegsgeneration. »Ich hätte lieber einen Gott, der wie Donald Duck aussieht, als einen, der wie Adolf Hitler aussieht«, heißt es seitens des Künstlers im Zusammenhang mit Spekulationen über die Mangelhaftigkeit der Schöpfung Mensch.

In einem Interview mit der Zeitschrift Wiener im Februar 2006 wird zwar hinsichtlich dieser Auswahl ein Drittes nicht explizit ausgeschlossen, auf die Frage »Sind Sie sicher, dass Gott existiert?« heißt es aber: »Natürlich - die Existenz Donalds steht außer Zweifel«.8 In Helnweins Aufsatz Die Ente ist Mensch geworden schließlich wird Donald Duck als »Ankündigung und Ahnung einer neuen Zeit«, »Schöpfung im eigentlichen Sinn des Wortes«, »Creatio ex nihilo« und endlich als (offenbar willkommener) Bruch mit dem Menschenbild der griechischen Klassik apostrophiert. Helnwein stilisiert Donald zur Vision der fälligen Überwindung des Menschen, Walt Disney wird mit Nietzsche und Buddha verglichen. Gleich, wieviel von dieser Position in bezug auf die Ducks bloß Pose und Mittel der Irritation ist: Der Stellenwert, der Disneys bzw. insbesondere Carl Barks' Werk in Helnweins künstlerischer Arbeit eingeräumt wird, macht deutlich, daß hinter seinen Sätzen nicht etwa pure Ironie verborgen ist, die womöglich gerade auf eine Demontage der Popularität der Comic-Produktionen abzielte.

Über Disney:

Walt Disney ist zweifellos das große Genie des 20. Jahrhunderts, ein reinkarnierter Leonardo da Vinci, der reifer und größer wiedergekommen war, um das gewaltigste Gesamtkunstwerk aller Zeiten zu errichten. Sein ästhetisches Imperium hat das Antlitz dieser Welt verändert, für ihn ging der alte Künstlertraum in Erfüllung, der von ihm geschaffenen Kreatur Leben einzuhauchen, sie mit einer Stimme zu versehen und vor der ganzen Welt tanzen zu lassen. (...] Die Rieseninstallation Disneyworld und Epcot Center in Florida sind größer als alle Projekte Christos, die Pyramiden und Versailles zusammen, und vor allem lustiger. Die Pop Art eines Roy Lichtensteins und eines Andy Warhols ist lediglich der Widerschein dieses gewaltigen Flächenbrandes, dem sich kaum ein Künstler der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts entziehen konnte."

Auch bezüglich Elfriede Jelinek beinhaltet Helnweins Interview-Statement eine mutmaßliche Vereinnahmung: Zwar entpuppt sich die Schriftstellerin tatsächlich als Leserin von Micky Maus-Heftchen ihrer Kindheitstage (die wohl nicht, wie bei Artmanns Sohn, auf Anraten ihrer Eltern konsumiert wurden). Ihr erwähntes »wunderbares Essay« über Ahörnchen und Behörnchen, im April 2004 im Schweizer Kulturmagazin du erschienen, läßt aber eine kritische Haltung erkennen, an der es Helnwein gerade zu mangeln scheint Jelinek macht in ihrem Text die totalitären Einschlüsse des Disney-Projektes für eine sozial• kritische Verdächtigung fruchtbar. Einer >falschen<, aber totalen Harmonie verwandelt sich in Jelineks Beschreibung das Verhältnis zwischen den beiden Streifenhörnchen an, in denen »kein Wasser« und »nichts zu tief« ist, ein Verhältnis zwischen »zwei Tiere[n] in einem«, »fast so eins wie Gott«, das somit letztlich gar keines ist: »Sie sind eine Zwiefäitigkeit ohne Zwiespalt«.12 Weiter: »Da ist, da sie nichts haben, nur einander, keine Welt, die sie zu sich hereinliessen und die gleichzeitig draussen vor bliebe, da sind keine Dinge, die absolut zu setzen wären, und keine, die bedient werden müssen, von höheren Wesen, da ist keine Transzendenz ...«13In der so beschriebenen Existenz dieser beiden Wesen aus der lustigen Disney-Welt kann man die »happy consciousness«14 der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, wie sie Herbert Marcuse in seiner Studie Der eindimensionale Mensch beschrieben hat, beinahe idealtypisch verwirklicht sehen: Die Frage nach dem Sinn des Lebens und die Idee einer Hinterfragung der baren Gegenstandswelt sind ihnen fremd, ihre Rede ist reduziert, ein Verhältnis zur Natur ist inexistent, sie haben nichts als sich selbst und die Welt des Konsums, das heißt »Vorstellungen, die alle irgendwie nussförmig und mit hochprozentiger Liebe gefüllt sind«. Einzig ein effektiver Gebrauch der Technologie läßt sich nicht nachNeisen (»Brauchen keine Geräte«); mit der Atombombe, deren radikaler Widerspruch zum friedvollen Leben sich in der Welt von Marcuses paralysierter Gesellschaft aufgelöst hat - -.in Kernpunkt seiner kritischen Darstellungen -, können sie allerdings sehr gut leben:

(D)a sie nicht einmal miteinander ein Verhältnis haben, sondern einfach sind sind sind, bleibt in völliger Dunkelheit, welchen Sinn unser eigenes Leben hat, das mir immer schon mehr als unheimlich war, weil es so ausgeliefert ist. Jeder, der allein ist, ist ausgeliefert, und wäre es der Atombombe, deren Kraft ja auch aus der Natur kommt und die schon seit Jahrzehnten auf uns zukommt, vielleicht bald ankommt und uns alle wieder vor uns selbst in einer Katastrophe verbirgt, während Ahörnchen und Behörnchen sich nur in ihrer gemütlichen Höhle verbergen, wo sie das Miteinander selbst sind, ich weiss nicht.15

Das »dreidimensional[e] und farbig[e]«, »neue[] magische[] Universum« von Entenhausen, in das Gottfried Helnwein in seiner Kindheit aus dem nachkriegsgrauen Wien eintrat und von dem er auch seine Künstlerkollegen verlockt sieht, zeigt sich also in Jelineks Essay gerade auf eine beklemmende Eindimensionalität reduziert. Bei H. C. Artmann nun sind Disneys Protagonisten weder Götter oder Übermenschen noch kritisch analysierte eindimensionale Menschen, sondern schlicht - Menschen. Artmanns in obigem Helnwein-Interview zitierter Formulierung von Donald Duck als dem einzigen Menschen ist, wie sich zeigen wird, ein entschieden anderer Charakter eigen als Helnweins Rede vom göttlichen Donald. Sie ist im Umkreis des Dichters offenbar zur gerne reproduzierten oder auch variierten Weisheit geworden: »Der einzige mensch, der es heutzutage noch versteht, ordentlich die wett zu besehen, ist Donald Duck«, heißt es in Artmanns literarischem Tagebuch das suchen nach dem gestrigen tag (1964).17

In einem Exemplar des von Gottfried Helnwein illustrierten Edgar-AllanPoe-Bands Unheimliche Geschichten, das sich in Artmanns Bibliothek findet, liest man Helnweins Widmung (die beiden kannten einander persönlich): »Die einzigen Menschen, die uns heute noch etwas zu sagen haben, sind Donald Duck und H. C. Artmann«. Und eine im Dichternachlaß vorhandene Ansichtskarte unbekannter Hand an den Autor trägt den Text: »>Der einzige Mensch, der es heutzutage noch versteht, ordentlich die Welt zu betrachten, ist H. C. Artmann.< / (Donald Duck)* / *im Delirium«. (Die Zeilen spielen offenbar auf den im Vergleich zu Artmanns Streifzügen geringen Reiseradius ihres Verfassers an: Die Karte wurde abgeschickt aus 8454 Arnfels in der Steiermark.)Die Sentenzen von Donald als dem einzigen Menschen beziehen ihren Witz fraglos aus zweierlei. Aus der ignorierten Differenz zwischen Tierspezies und Homo sapiens: Der Anthropomorphismus von Entenhausens Bewohnern ist in den Comics nahezu vollendet; Artmann fordert ihn heraus. Als zweites Moment tritt ein Ignorieren der Differenz zwischen Realität und Fiktion hinzu. Das Spiel mit diesen Unterscheidungen und ihrer Aufhebung ist für Artmanns Literatur insgesamt prägend und bestimmt in spezifischer Weise auch seinen Zugang zu Donald & Co. Ein paar Beispiele, allesamt dem schwedischen Tagebuch entnommen, mögen das illustrieren:

Die Tagebucheintragung vom 2. November 1963 etwa enthält eine Liste von ~)talllertei harren«, worin Artmann nichts anderes tut, als das Wort >Herr< mit unterschiedlichen Namen oder Wörtern zu verbinden, wo es der Konvention zuwiderläuft oder aus verschiedenen Gründen deplaziert ist - etwa: »Herr Hitler, herr Stalin«, »herr Krampus«, »herr Scipius Africanus«, »herr Polizei, herr Obrigkeit«. Zwischen Herrn Eichmann und Herrn Kara Mustaphah [sic!] wird ein gewisser »herr Kater Carlo« aufgelistet, zwischen den Herren Messer und Schleifstein sowie Herrn Ganelon gleich noch ein zweiter Gangster aus Entenhausen: »herr Ede Wolf« (SGT 61). Weiters taucht in einer losen Aneinanderreihung von Meldungen aus einer schwedischen Tageszeitung (Sydsvenska Dagbladet Snäiiposten) nach solchen der üblichen Art (»DER BRANDSTIFTER VON GÄVLE AN DER NORWEGISCHEN GRENZE GESTELLT, TEENAGER IN ALKOHOLORGIEN VERWICKELT« etc.) unter anderem die folgende auf: »DONALD DUCK EIN RASSIST?« (SGT 73)

Und zu einer Abhandlung über die Kulturgeschichte der Jerichorose gehört neben viel anderem Unsinn die Information: »Donald Duck versuchte sie auf San Antonio-rose umzutaufen, drang damit aber nicht durch« (SGT 64).

Andererseits kratzt Artmann bisweilen gerade an der Umsetzung des Anthropomorphismus von Entenhausens Bewohnern in ihren Ursprungstexten. Etwa: »Kater Carlo ist ein alberner gangster, er lacht stets harr harr und trägt einen stoppelbart, doppelt unsinnig für einen kater (SGT 65).

Carl Barks
Poet HC Artmann und Renate Helnwein