December 25th, 1992
DIE ZEIT
Und jetzt für Menschen
Susanne Mayer
Unsere EMMA - Das Cover ist von Gottfried Helnwein
Die Wirkung der Frauenzeitung Emma demonstriert sich mir immer aufs verblüffendste, wenn mein Freund H. sie in die Finger kriegt. Die Frauen lieben H. Er gilt als einfühlsam und ruhig, er gibt sich eher mimosig als männlich, nie sieht man ihn im Kreis von Kerlen, dafür des öfteren mit der einen oder anderen Schönen, die traurig an seiner Schulter lehnt. Sobald H.s Blick jedoch auf eine Emma fällt, veT- knoten sich die Brauen. Angewidert fetzt er die Seiten, knurrt, schnaubt roten Dampf aus zarten Nüstern, kläfft: „Unverschämtheit", kurz verwandelt sich instantmäßig in jenes wilde Tier, das er als Feindbild jeder Emma zu entdecken scheint: in einen echten Mann.

Das alles könnte sich jetzt ändern. Emma, bisher ein „Magazin von Frauen für Frauen", hat eine neue Zielgruppe für sich entdeckt: die Menschen. Und Menschen, so heißt es im Editorial der Herausgeberin Alice Schwarzer, können durchaus auch Männer sein.„Nicht alle Frauen sind qua Geschlecht auch Feministinnen - und nicht alle Männer sind qua Geschlecht Frauenhasser", schreibt sie in der neuen Emma, die am vergangenen Freitag zum ersten Mal erschienen ist. „Denn so wenig es uns paßt, daß die Gegenwart .männlich' (nämlich männerbeherrscht) ist, so wenig hoffen wir, daß die Zukunft ,weiblich' ist. Menschlich soll sie sein, die Zukunft!"

Und schon geht es los: In der neuen Emma kommen veritable Männer zu Wort. Das Cover ist von Gottfried Helnwein, im Inneren ein Interview mit der Rockband „Böhse Onkelz" und, als kleine (große?) Geste des Goodwill, die neue Rubrik „Der Frauenfreund", Konkurrent zu „Der Frauenfeind". (In dieser Ausgabe: Feind Franz Steinkühler, Vorsitzender der IG Metall, gegen Freund Achim Märten, Moderator bei Radio Essen.)

Die neue Emma ist größer, schöner, teurer. Statt gut 60 Seiten jetzt 120, statt Bleiwüste und rührender Kleinbilder ein elegantes Layout mit großgezogenen Photos und stilvollem Weiß, ein face lifting sozusagen, und das kommt teuer: Das Heft kostet jetzt 11,80 Mark statt sechs, dafür erscheint es nur noch zweimonatlich.

Für die Veränderung gab es gute Gründe. Immer weniger weibliche Menschen wollten Emma lesen. Als die erste Ausgabe am 26. Januar 1977 erschien, waren 300 000 Hefte weg im Nu. Zum zehnjährigen Jubiläum konnten nur noch 80 000 Leserinnen vermeldet werden.

Susanne Mayer | © DIE ZEIT, 25.12.1992 Nr. 53