October 9th, 2009
Medien Mittweida
Kulturage-Interview mit der Kunststudentin Lydia Balke
Cindy Singer
Wo möchtest du deine Werke in zwanzig Jahren sehen? Vielleicht an einer Wand mit Bildern von Neo Rauch, Gerhard Richter und Sigmar Polke? "Wenn du mir einen Platz an einer Wand neben Gottfried Helnwein angeboten hättest, hätte ich den genommen. Von mir aus können die Sachen auch in der Toilette meines Psychiaters hängen. Wichtig ist nur, dass ich sie überhaupt noch sehen kann und nicht heimlich meinen Namen entfernen muss, weil meine Werke vielleicht einem Stil, aber nicht meinem eigenen Anspruch entsprechen."

Lydia Balke in ihrem Hamburger Atelier. (Foto: Cindy Singer)

Sie selbst bezeichnet sich als Antiheldin: nicht kompatibel, getrieben und martialisch. Eine junge Frau Anfang 20, die ihre Kreativität und die Liebe zur Malerei früh erkannte und sich mit tausenden Farben auf hunderten Metern Papier austobte. Seit einem Jahr ist sie Teil einer renommierten Kunsthochschule, der HFBK Hamburg.

Die meisten Bilder der gebürtigen Dresdnerin transportieren eine düstere Stimmung, vermitteln dem Betrachter ein Gefühl von Unbehaglichkeit. Ihre Malereien und Grafiken sind zwangsläufig nicht die Werke, die sich Liebhaber zeitgenössischer Bildkunst über die heimische Couch hängen würden. Ist es im Zeitalter von Kunstdrucken und "drittklassigen Einfalls-Pinseln" möglich eine Antiheldin zu sein und entgegen der fröhlichen Mainstream-Malerei zu arbeiten? Im Interview mit medien-mittweida.de gibt Lydia Balke Antworten.

Du bezeichnest dich selbst als Antiheldin. Warum hast du dich dennoch für ein konventionelles Kunststudium entschieden?

Um das tun zu können, was ich kann: Malen. Und zwar hinsichtlich der altbekannten Faktoren Raum, Zeit und Geld. Es erscheint mir im Moment die beste Möglichkeit um so zu arbeiten wie ich es mir vorstelle.

Inwiefern beeinflussen Professoren und Dozenten der HFBK deinen Stil?

Ich finde es schwierig bei meiner Malerei von einem "Stil" zu sprechen. Es ist vielleicht eher eine Denkweise. Und diese ist natürlich niemals absolut fix. Professoren sind definitiv wichtige Ansprechpartner, wenn es um die Reflexion geht. Ich begreife sie aber nicht als Instanz. Die Faktoren, die mich wirklich beeinflussen, sind Lebensumstände und die zuweilen widerlichen Abgründe meiner selbst.

Genügen Ehrgeiz und Leidenschaft oder musst du dich als Künstlerin zwangsläufig anpassen?

Ehrgeiz reicht definitiv nicht. Leidenschaft hingegen schon. Wahrscheinlich ist es eine Charakterfrage ob und wie man auf mögliche Einflüsse von Außen reagiert. Und natürlich ist es eine Frage der eigenen Motivation. Also die Frage warum habe ich mich entschieden, zu tun was ich tue. Wenn man das erst einmal für sich beantwortet hat, sind alle weiteren Fragen nur noch die Logik der Folgerichtigkeit.

Schiller sagte: „Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit“. Diese Freiheit erfüllt deine Leidenschaft, aber im Wettkampf um Ruhm und Ehre füllt sie doch zwangsläufig nicht deine Taschen?

Und Bertold Brecht hat gesagt: "Wie soll die Kunst die Menschen bewegen, wenn sie selber nicht von den Schicksalen der Menschen bewegt wird?" Das ist natürlich eine klischeehafte, romantisierte Vorstellung. Aber was ist denn an einer Entscheidung für die Kunst wirklich vernünftig? Den Wettbewerb um Ruhm, Ehre und Geld können die Anderen gern haben. Nur sehe ich in der Vorstellung vom brotlosen, taxifahrenden Künstler überhaupt nichts Abschreckendes.

Wo möchtest du deine Werke in zwanzig Jahren sehen? Vielleicht an einer Wand mit Bildern von Neo Rauch, Gerhard Richter und Sigmar Polke?

Wenn du mir einen Platz an einer Wand neben Gottfried Helnwein angeboten hättest, hätte ich den genommen. Von mir aus können die Sachen auch in der Toilette meines Psychiaters hängen. Wichtig ist nur, dass ich sie überhaupt noch sehen kann und nicht heimlich meinen Namen entfernen muss, weil meine Werke vielleicht einem Stil, aber nicht meinem eigenen Anspruch entsprechen.

Wir bedanken uns für das Interview.

Hochschule Mittweida (FH)University of Applied SciencesFB Medien - medien-mittweidaTechnikumplatz 17D-09648 Mittweida