Mit unvergleichlicher Stimme interpretiert Max Raabe die Musik der Weimarer Republik neu: Die New Yorker "Daily News" zählt den Berliner Bariton zum Feinsten, was die Carnegie Hall je geboten hat. Mit seinem Palast-Orchester spielte er auf der Hochzeit von Schockrocker Marilyn Manson und Dita von Teese. Jetzt hat der 47-Jährige mit "Übers Meer" sein erstes Soloalbum aufgenommen, das er im April in der Laeiszhalle vorstellt - präsentiert von der MOPO.
MOPO: Gemeinsam mit dem Palast-Orchester haben Sie im Laufe der Jahre rund 20 Alben aufgenommen. Wieso jetzt ein Studio-Soloalbum?
Max Raabe: Weil ich einmal eine Platte mit einem feinsinnigen Charakter machen wollte. Eine Zusammenstellung von ruhigen und zarten Stücken, sehr privat gesungen. Das ist in der Dichte bei einem Konzert gar nicht machbar. Die von mir ausgewählten Liebeslieder sind aufrichtig und frei von dem Sarkasmus und schwarzen Humor ihrer Zeit. Sie besitzen eine geradezu naive Heiterkeit.
MOPO: Sie erwecken die Texte und Kompositionen von Leuten wie Fritz Rotter, Walter Jurmann und Walter Reisch zu neuem Leben. Zufall, dass das alle Juden waren?
Raabe: Wenn ich diese Namen auf Notenblättern sehe, weiß ich sofort, damit kann man nicht viel falsch machen. Irgendwann wurde mir klar, diese Leute haben in Deutschland nur bis 1933 veröffentlicht. Ich singe diese Lieder aber nicht wegen des Schicksals der Autoren, sondern weil sie gut sind.
MOPO: Viele der Melodien wurden ursprünglich für Filme mit Hans Albers, Heinz Rühmann und Peter Lorre geschrieben. Haben Sie diese Stars vor Augen, wenn Sie die Lieder singen?
Raabe: Hans Albers hat die Titel natürlich ganz anders gesungen als ich. Davon muss man sich wirklich lösen und einen eigenen Weg finden. Sonst macht man etwas nach.
MOPO: Im März spielen Sie erneut in der New Yorker Carnegie Hall. Kam es im Rahmen Ihrer Konzerte dort zu Begegnungen mit älteren Amerikanern, die Nazideutschland noch persönlich erlebt haben?
Raabe: In New York hatten wir hauptsächlich ein gemischtes junges amerikanisches Publikum. Aber es gab auch einige ältere Emigranten, die sehr berührt waren. Wir spielen ja die Musik ihrer Jugend. Man hat in dem Moment genau gespürt, welche enorme Geschichte da mit im Raum stand.
MOPO: Ende 2005 traten Sie bei der Hochzeit von Marilyn Manson und Dita von Teese auf dem irischen Schloss von Gottfried Helnwein auf. Ein denkwürdiger Abend?
Raabe: Das war keine Hochzeit, wie man sie im Münsterland feiert. Herr Manson und Frau von Teese haben ihrem Namen schon alle Ehre gemacht. Für mich war diese Begegnung sehr interessant. Auf der Bühne gibt sich Manson immer als wilder Mann. Ich habe ihn jedoch als empfindsamen und ruhigen Menschen kennengelernt. Ich hoffe, es lag nicht an uns und unserer Musik, dass diese Ehe nicht von Dauer war.
MOPO: Tokio Hotel, Kraftwerk, Rammstein, Max Raabe - alles deutsche Exportschlager. Was verbindet sie miteinander - neben ihrer Herkunft?
Raabe: Die deutsche Klassik hatte schon immer eine hohe Stellung in der internationalen Musikwelt. Bei der Popmusik ist wahrscheinlich die Tatsache, dass jemand deutsch singt, das eigentlich Originelle. Den Erfolg von Rammstein finde ich wirklich erstaunlich - aber toll.

