
Größte zentrale Baustelle Wiens mit enormen Tücken.400-Millionen-Bau wird erst 2012 fertig.Kunst gegen Ratzenstadl-Image.
Wien. Ein Blick von oben lohnt sich. Während zu ebener Erde hohe Plakatwände die Sicht auf die größte innerstädtische Baustelle von Wien – das Überbauungsprojekt Bahnhof Wien-Mitte – verstellen, ist vom Dach des ehemaligen Markthallen-Komplexes der Baufortschritt unübersehbar.An der hinteren Ecke bei der Marxergasse ragen bereits die ersten Gebäude mehrere Meter in die Höhe – sozusagen als letzter Beweis, dass Wien-Mitte tatsächlich neu errichtet wird. Nach mehr als 20 Jahren des Planes, Diskutierens und Umplanens. Und zwei Jahre nach Beginn des Abrisses.
Deutlich entspannter als noch vor einiger Zeit verfolgt Thomas Jakoubek, Chef des Bauträgers BAI, den Baufortschritt. Der "Wiener Zeitung" gewährte er als erstem Medium überhaupt Einblicke in die Arbeiten des "komplexesten Projekts von ganz Wien", wie er sagt. "Die Spannung war groß, und es gab viele Überraschungen im Untergrund, die uns viel Geld gekostet haben", erzählt Jakoubek. Letztlich konnten die enormen Herausforderungen auch mit Hilfe der Wissenschaft gelöst werden: "In Zusammenarbeit mit der TU und dem Arsenal wurden neuartige Betonmischungen für unsere Anforderungen entwickelt." Immerhin muss das Fundament die gesamte Neubaukonstruktion – inklusive 70-Meter-Turm – tragen.Ein besonderer Hochseilakt sei der Einzug der untersten Platte über den Gleisen von U- und S-Bahn gewesen. Damit die gesamte Statik der Baufläche darüber stabil bleibt, kommen hier hydraulische Elemente zum Einsatz, die jede Veränderung der Platte im Millimeterbereich sofort ausgleichen. Quasi ein Projekt wie auf rohen Eiern – das bisher eben seine Zeit gebraucht hat. "Für Anrainer und Fahrgäste ist das natürlich ärgerlich, weil jeder glaubt, auf der Baustelle geht nichts weiter", berichtet der BAI-Chef. Der Vollbetrieb der Wiener Verkehrsdrehscheibe, die täglich 100.000 Personen frequentieren, mache die Sache erst recht kompliziert.Der Zeitplan wurde mittlerweile leicht nach hinten gerückt: Statt wie auf den Plakaten zu lesen 2011 wird das Projekt laut Jakoubek erst Mitte 2012 fertig. "Aber wir liegen im Plan. Auch was die Kosten betrifft." Mit einer Gesamtinvestitionssumme von 400 Millionen Euro ist Wien-Mitte im Vergleich zu anderen Projekten teuer – schuld sind neben dem komplizierten Baufeld auch die teils sehr hohen Ablösezahlungen an die früheren Bahnhofspächter.
Daher hätten es auch ursprünglich drei Hochhäuser sein sollen, damit das Ganze überhaupt profitabel ist. Jetzt ist es viel niedriger, knapp kalkuliert und mit einer Rendite, die sich in Grenzen halten wird. "Aber aus heutiger Sicht wird es gut ausgehen. Tausend Argumenten haben dagegen gesprochen", sagt Jakoubek, "aber mein Team und ich waren überzeugt. Sonst hätten wir es nicht gemacht."Zugute kommt den Investoren von BAI und Bank Austria, dass ein Großmieter für die nicht so attraktiven Büroflächen in der flachen Blockbebauung schon seit längerem feststeht: Auf 34.000 Quadratmetern Fläche konzentrieren die Finanzämter ihren Back-Office-Bereich; die zweite Hälfte der Büroflächen befindet sich großteils im Turm, weshalb hier Jakoubek Mieten von jenseits 20 Euro pro Quadratmeter erwartet. Endgültig passé ist die Variante eines Hotels in Wien-Mitte: "Das wäre aufgrund der Zugänge zu kompliziert geworden."Im Einkaufszentrum gibt es bis dato einen Großmieter – nämlich Interspar –, den man zu anderen Konditionen wieder am Standort integriert. Der Rest der 30.000 Quadratmeter sei noch offen, wobei keine bestimmte Ausrichtung geplant sei, so Jakoubek.
Sehr wohl geplant ist, dem Ort ein neues Image zu verschaffen – sozusagen vom Häupl’schen Ratzen-stadl zum Kunst-Bahnhof. "Für diesen öffentlichen Raum gibt es eine besondere Verantwortung. Er muss das Image des schmutzigen Bahnhofs verlieren." Begonnen hat das bereits mit einer Serie von Inseraten, bei der Künstler wie Gottfried Helnwein oder Erwin Wurm Wien-Mitte fotografisch in Szene setzten. Legendär ist etwa "Mundl" Karl Merkatz, der auf der Baustelle Diogenes gleich nackt aus einer Tonne starrt.Für das neue Foyer plant die New Yorker Künstlerin Louise Bourgeois (99) ihr letztes Werk – eine sieben Meter hohe, hängende Aluminiumskulptur als Reminiszenz an die Geburtsstadt der Psychoanalyse. Und mit der Fassadengestaltung ist mit Esther Stocker eine weitere Künstlerin betraut.
Für den Haupteingangsbereich an der Landstraßer Hauptstraße geht es dann im April los, wie Wien-Mitte-Projektmanager Antonio Reetz-Graudenz erklärt. 180 Bauarbeiter und sechs Kräne stehen derzeit unter seiner Beobachtung. Dass in Wien-Mitte kein Stein auf dem anderen bleibt, ist übrigens nicht ganz richtig: Einsam thront in der Mitte des Baufelds ein alter Ziegelbau – in ihm liegt die Stromversorgung von U- und S-Bahn. "Der wird neu eingehaust und integriert. Es wäre viel zu kompliziert, auch das neu zu machen", erklärt Reetz-Graudenz.
Printausgabe vom Samstag, 13. März 2010Online seit: Freitag, 12. März 2010 18:57:00