March 22nd, 2010
derStandard
Abstürzende Computer und Gewalt in der Kunst vor Gericht
Einvernahme des Fünftangeklagten zum Auftakt der vierten Prozesswoche
Und davor wurden die Werke eines Tiroler Künstlers und Tierschutzaktivisten erläutert. Ob jener sich mit Gewalt identifiziere, fragt Arleth. "Ästhetisch ja", sagt der Angeklagte und fragt, ob er zu diesem Thema Werke von Gottfried Helnwein und des Aktionisten Günter Brus vorlegen dürfe. "Ja", sagt die Richterin. "Ich interessiere mich für Kunst."

Wiener Neustadt - Zum Auftakt der vierten Prozesswoche im sogenannten Tierschützerprozess beginnt am Montag die Einvernahme des Fünftangeklagten - dem vorgeworfen wird, einer "kriminellen Organisation" beim Verschlüsseln von Texten behilflich gewesen zu sein. Richterin Sonja Arleth hält dem 33-Jährigen Beweisstücke aus der Anklage vor. Ob er bei Computern des Vereins gegen Tierfabriken (VgT) Back-ups durchgeführt, Spam-Filter installiert und Zeitschriften in PDF-Dateien konvertiert habe. Eine Mail wird zitiert: "Der Computer vom Martin ist total langsam, der Computer der Veganen Gesellschaft stürzt oft ab ..." Der Angeklagte ergänzt: "Da sollte ich auch ein Kabel anstecken." "Haben Sie das getan", fragt die Richterin mehr der Ordnung halber denn nachforschend. "Ja, das könnte sein", sagt der Angeklagte.

Kern des Vorwurfs sind Hilfestellungen bei Textverschlüsselungen. "Derartige Programme werden vom Innenministerium empfohlen", erklärt der 33-Jährige. "Sie werden auch von Amnesty International angewandt."

Zuvor hatte Richterin Arleth die politische Einstellung des Angeklagten erforscht: "Sehen Sie sich als linksradikal?" Der Angeklagte: "Ich bin froh, dass ich mich als linksradikal und nicht als rechtsradikal sehe. In dem Sinn, dass ich Kapitalismus scheiße finde. Aber das hat nichts mit Gewalt zu tun." Im Übrigen habe er "bis zum Mai 2008 nicht gedacht, dass so ein Verfahren möglich wäre". Die Richterin: "Nur so nebenbei: Auch ich habe nicht gedacht, dass ich jemals so ein Verfahren führen muss." Verteidiger Josef Phillip Bischof: "Er ist nur in der unangenehmeren Rolle."

Und davor wurden die Werke eines Tiroler Künstlers und Tierschutzaktivisten erläutert. Ob jener sich mit Gewalt identifiziere, fragt Arleth. "Ästhetisch ja", sagt der Angeklagte und fragt, ob er zu diesem Thema Werke von Gottfried Helnwein und des Aktionisten Günter Brus vorlegen dürfe. "Ja", sagt die Richterin. "Ich interessiere mich für Kunst."

(Roman David-Freihsl/DER STANDARD-Printausgabe, 23.3.2010)