Neben diesem eher privaten Zugang zu Helnweins Wirken eröffnen seine Bilder aber auch eine klar gesellschaftliche, politische und historische Perspektive: Seine Kunst ist nicht nur ein Mahnmal für die Kinder, sondern für alle gequälten und geknechteten Kreaturen, sie verweisen auf Machtausübung und Unterdrückung, auf Gewalt und die Unermesslichkeit des Leides und nehmen immer wieder Bezug auf die NS-Herrschaft wie etwa in dem Bilderzyklus The Ninth November Night. Auch das brachte ihm in gewissen Kreisen den Ruf eines Störenfriedes und Nestbeschmutzers ein. Ausgemacht hat ihm das nie etwas: "Und der Tag, an dem mich die gesamte Spießergesellschaft umarmen würde, wäre der Tag, an dem ich meine künstlerische Arbeit beenden würde. Dann wüsste ich, ich habe etwas falsch gemacht."
Zwei Jahre lang hat die Filmemacherin Claudia Schmid den Künstler Gottfried Helnwein mit der Kamera begleitet. Sie zeigt ihn bei der Arbeit in seinem Anwesen in Irland und in den USA, also an jenen beiden Orten, die Helnwein seit nunmehr vielen Jahren Heimat geworden sind. Immer wieder sehen wir ihm dabei zu, wie er letzte Hand anlegt an seine Bilder, die für unsere Augen fertig zu sein scheinen. Und unwillkürlich fragt man sich, ob die nur ein inszenatorischer Trick ist, weil hier ein Künstler gezeigt wird, der sich eigentlich bei der Arbeit nicht gerne über die Schulter schauen lässt. Stattdessen redet Helnwein lieber über seine Kunst, gibt Einblicke in sein Denken und das, was ihn beeinflusst hat. Vertraute, Freunde und Experten kommen in diesem Film hingegen nicht zu Worten – mit einer Ausnahme: Kaliforniens Governator Arnold Schwarzenegger, Helnweins langjähriger Freund und einer der begeistertsten Sammler seiner Kunst.
Claudia Schmid arbeitet seit vielen Jahren als freie Regisseurin und Filmautorin für Sender wie den WDR, 3sat und ARTE. Im Lauf der Zeit hat sie zahlreiche Künstlerporträts und Beiträge zur Bildenden Kunst realisiert. Diese Kenntnis der Materie merkt man diesem Film – es ist ihr erster abendfüllender Dokumentarfilm – auch an. Ihre Einführung in das Werk und das Leben Gottfried Helnweins, bei denen vor allem der Künstler selbst zu Wort kommt, wendet sich eher an all jene, die bereits mit den Bildern des Österreichers vertraut sind. Trotzdem lohnt sich der Film auch für all jene, die durch die Bilder neugerig geworden sind auf den Menschen hinter diesen schaurig-düsteren und zugleich ungemein poetischen Bilderwelten. Denn so viel Wissenswertes aus berufenem Künstlermund kriegt man sonst selbst in anderen Künstlerporträts selten zu hören und zu sehen.

Titel: Der Künstler Gottfried HelnweinOriginaltitel: Die Stille der UnschuldProduktionsland: DeutschlandProduktionsjahr: 2009Länge: 116 (Min.)Verleih: MFA+ FilmDistributionVERÖFFENTLICHUNGENKinostart: 17.06.2010CAST & CREWRegie: Claudia SchmidDrehbuch: Claudia SchmidKamera: Susu GrunenbergSchnitt: Kawe Vakil