July 7th, 2010
Financial Times
Entenhausener Lektionen für kleine Chinesen
Matthew Garrahan und Annie Saperstein
Immer wieder scheiterte der US-Medienkonzern Disney mit seinem Chinageschäft an der Zensur. Nun macht er im Land Schulen auf.
Von Donald Duck, so bekannte einmal der österreichische Künstler Gottfried Helnwein, habe er "mehr über das Leben gelernt als in allen Schulen, in denen ich war". Zu einem ganzen "Füllhorn von Weisheiten" habe die 1934 erschaffene Zeichentrickfigur aus Entenhausen ihm verholfen.

Ähnlich könnte es bald auch einer ganzen Generation chinesischer Schüler gehen. Nur dass Donald Duck diesmal nicht der einzige Lehrmeister ist. Sondern auch Micky Maus, Bambi, Arielle, die Meerjungfrau, und die Ratte Rémy, die Lektionen fürs Leben erteilen.

Denn der US-Konzern Disney will in China Schulen aufmachen - und zwar im großen Stil. Bereits vor zwei Jahren wagte der Medienriese in Schanghai einen ersten Versuch. Nun soll daraus eine landesweite Kette von Englischschulen werden: 20 will Disney bis Ende des Jahres aufmachen, knapp 150 sollen es in den kommenden fünf Jahren werden. Rund 150.000 chinesische Kinder würden sich dann von Donald Duck &myamp; Co Englisch beibringen lassen. Disney ist der erste große westliche Medienkonzern, der Chinas Bildungsmarkt mit eigenen Schulen aufzurollen versucht.

"Wir halten das für sehr vielversprechend, ein Gewinn von 100 Mio. Dollar in den kommenden Jahren ist sicherlich machbar", sagt Russell Hampton, Chef der Tochterfirma Disney Publishing. Weil die chinesische Mittelschicht stetig wächst, mangelt es nicht an Eltern, die gern umgerechnet 2200 Dollar pro Jahr für zwei Stunden Englischlektionen pro Woche zahlen. Dazu kommt der Drill des staatlichen Schulsystems. Ab dem Krabbelalter sind chinesische Kinder in ein enges erzieherisches Korsett eingeschnürt. Nahezu jeden wachen Moment soll der Nachwuchs mit Lernen verbringen, so das pädagogische Ethos. Doch immer mehr Eltern missfallen die freudlosen Unterrichtsmethoden der Schulen im Land - für private Anbieter wie Disney ein Einfallstor.

Zwischen eins und elf sind die Schüler der Disney-Schulen. Dass alle Kurse Figuren aus dem Disney-Universum verwenden, soll den Kindern dabei helfen, ihre Lektionen spielerisch zu lernen. Und auch technische Spielereien kommen zum Einsatz. So heißt ein Kurs "Sechs Wochen mit Arielle". An einer interaktiven Tafel lernen die Kinder Begriffe wie "blond" oder "gelockt", indem sie an der Frisur der Meerjungfrau herumexperimentieren.

Dass Disney nun Schulen als Zugang zum chinesischen Markt benutzt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Jahrelang hielten die strengen Zensurbestimmungen den Konzern davon ab, seine Marke bekannt zu machen. Raubkopien von Disney-Filmen sind auf Märkten für 1 Dollar zu haben. Aber vielleicht, so sagt Disney-Manager Hampton, könne man ja mit den neuen Schulen die "chinesischen Verbraucher etwas breiter ansprechen".