September 28th, 2010
Kurier
Ausstellung: Schmerzensmann und Truthähne
Michael Huber
Im Landesmuseum St. Pölten zeigt die Schau "Ich ist ein anderer", wie sich die heimische Kunstwelt selbst ins Bild rückte.
...Ein anderer Strang führt zu Gottfried Helnwein, der sich und seine Kinder als geschundene Kreaturen porträtierte, oder zu Tomak, der sein eigenes Gesicht im Stil medizinischer Schnittzeichnungen "offenlegt".

Gummibänder verzerren sein Gesicht, die Lippen sind nach außen gestülpt, der Blick nach oben gedreht: Für seine Serie "Face Farces" probierte Arnulf Rainer Anfang der 1970er-Jahre Grimassen, fotografierte sich und übermalte die Bilder dann. Über die Motivation dieser "imaginären Selbstgestaltung" konnte der Künstler nur spekulieren: "Vielleicht hat das mit der Eindruck schindenden Aufplusterung zu tun, wie wir sie aus dem Tierreich kennen", sagte er. "Wahrscheinlich sind Künstler Truthähne."

Als großer Hahn aus den Künstlerställen Niederösterreichs ist Rainer ein logischer, aber letztlich kleiner Bestandteil der ambitionierten Porträt-Ausstellung "Ich ist ein anderer", mit der das Landesmuseum in St. Pölten seinen Herbst-Schwerpunkt in Sachen Gegenwartskunst bestreitet. Seit einigen Jahren sind Künstler-Porträts und -Selbstbildnisse ein Sammlungsschwerpunkt des Museums. Die rund 350 Werke umfassende Schau wurde nur aus eigenen Beständen zusammengestellt.Großkünstler

Protagonisten wie Herbert Boeckl oder Adolf Frohner treten zunächst im Malerkittel und mit Pinsel auf, andere (Franz West, Hermann Nitsch) stehen nachdenklich im Atelier, wieder andere legen exaltierte Verkleidungen an. Es dauert nicht lange, bis in der Schau neben einigen Modeerscheinungen Muster der Selbstdarstellung sichtbar werden, die die Zeiten überdauern.Rainers "Face Farces" finden ihre Vorläufer in den skurrilen "Charakterköpfen" des Bildhauers Franz Xaver Messerschmidt (1736- 1783), denen (vermutlich) ebenfalls Selbstporträts zugrunde lagen. Weitere Kristallisationspunkte sind Egon Schiele und Arthur Rimbaud, von dem auch das titelgebende Zitat "Ich ist ein anderer" stammt.Schiele - das Landesmuseum zeigt sein "Selbstbildnis mit Gilet" (1910) - inszenierte sich als unverstandener Außenseiter, indem er sich mit extremen, u.a. von Geisteskranken abgeschauten Posen darstellte. Die gelängten, oft gliedmaßenlosen Körper und die uneindeutigen Geschlechtsteile in vielen Schiele-Bildnissen bildeten bald einen Referenzpunkt für Künstler, die das Selbst als formbare Masse begreifen.

Selbst geformt

Landesmuseum NÖ Egon Schiele erscheint in der Ausstellung als Impulsgeber zahlreicher Künstler (Karin Frank, „Schiele“, 2005).Im Landesmuseum führt ein Faden zu Renate Bertlmann, die in ihrer Fotoserie "Renée ou René" (1977) ambivalente Geschlechter-Rollen ausprobierte, oder zu Irene Andessner, die für ihr Projekt "I.M. Dietrich" versuchte, die Person der Marlene Dietrich bis ins Detail zu verkörpern.Ein anderer Strang führt zu Gottfried Helnwein, der sich und seine Kinder als geschundene Kreaturen porträtierte, oder zu Tomak, der sein eigenes Gesicht im Stil medizinischer Schnittzeichnungen "offenlegt".

Isoliert In der Zusammenschau ergibt sich so ein gutes Panoptikum des Genres "Künstlerporträt". Durch den Fokus auf heimische Persönlichkeiten dokumentiert die Ausstellung zugleich die jüngere Vergangenheit der österreichischen Kunstszene. Das hat sein Gutes, doch fehlt der Verweis auf internationale Parallelen zu den gezeigten Künstler-Bildern, etwa auf Cindy Sherman, Claude Cahun oder David Wojnarowicz ("Rimbaud in New York", 1978). Mit wenigen Leihgaben (etwa aus der einschlägig gut bestückten Verbund-Sammlung) hätte man hier vermeiden können, dass der Fokus auf eigene Bestände ein tolles Konzept einengt.

Ich ist ein anderer: Selbstporträts

"Ich ist ein anderer" zeigt bis 9. Jänner rund 350 Porträts und Selbstporträts von 80 Künstlern und Künstlerinnen aus der Sammlung des Niederösterreichischen Landesmuseums. Kuratorin: Alexandra Schantl.

Das Haus

Das Landesmuseum (Kulturbezirk 5, 31000 St. Pölten) ist von Dienstag bis Sonntag von 9-17 Uhr geöffnet (an Feiertagen auch montags.)Führungen: sonntags, 14 Uhr.