Zu einer Art Arzt-Patienten-Seminar an einem besonderen Ort hatte das Leopoldina-Krankenhaus eingeladen: Im Museum Georg Schäfer sprach Privatdozent Dr. Uwe Vieweg, Chefarzt der Abteilung für spezielle Wirbelsäulenchirurgie, über „Kunst und Chirurgie – Kunst und Wirbelsäule“.
Schmerz und Krankheit, Tod, Heilkunst und Gesundung haben als existenzielle Themen eines jeden Menschen auch in der Kunst ihren Niederschlag gefunden. Vieweg gelang es auf informativ-unterhaltsame Art, diese Verbindung an einer Vielzahl von historischen, aber auch zeitgenössischen Bildern deutlich zu machen. Das interessierte Publikum, darunter auch Oberbürgermeister Sebastian Remelé, erlebte eine Zeitreise durch die Welt der Chirurgie.
Dieses Fachgebiet der Medizin habe schon immer auf Ärzte und Patienten eine besondere Faszination ausgeübt, beginnt Vieweg. Die Chirurgie sei Handwerkskunst und Wissenschaft zugleich, beinhalte eine emotionale Auseinandersetzung zwischen Patient und Arzt. „Verletzen um zu heilen“ – auch das sei eine Definition der Chirurgie.
Es folgen Darstellungen von chirurgischen Tätigkeiten aus Malerei, Grafik und Bildhauerei. Aus Ägypten (2000 v. Chr.) eine Beschneidungsszene, aus dem 12. Jahrhundert Techniken bei einer Hämorrhoidenoperation und beim Starstich. Der Meister des Tucheraltars in Nürnberg schuf im 15. Jahrhundert die Darstellung „Beschneidung vom Christuskind“. Von Hieronymus Bosch stammt die von einem Scharlatan durchgeführte „Extraktion des Steines des Wahnsinns“ – ein frühes Zeugnis der noch heute äußerst umstrittenen Psychochirurgie.So lässt der Referent die Jahrhunderte, die Weiterentwicklung in der Medizin Revue passieren. Leonardo da Vinci und Rembrandt zeichneten Studien bei einer Sektion, der Amerikaner Robert Hinckley hielt auf seinem Bild „Anästhesie“ den Beginn der modernen Chirurgie fest: 1846 ließ der Zahnarzt William Morton erstmals einen Patienten Äther zur Betäubung inhalieren.
Auch aus seinem Spezialgebiet, der Wirbelsäulenchirurgie, zeigt Vieweg eindrucksvolle Darstellungen. Ist der gerade Rücken ein Sinnbild von Gesundheit und Erotik – Dalis und Rubens' Rückenakte –, so gibt es auch die Kehrseite. Etwa in der Skulptur „Fürst der Welt“ (um 1330) in der St.-Sebaldus-Kirche Nürnberg: „Frau Welt“ zeigt sich von vorn als lächelnde verführerische Frau, während die Rückansicht eine kranke, verrottete Wirbelsäule freilegt – wohl eine Warnung vor der Doppelbödigkeit des Lebens.
Aus dem 20. Jahrhundert dann unter dem Aspekt Leid und Krankheit Werke von Gottfried Helnwein, dessen Protagonisten ihren Schmerz herausschreien. Die Selbstbildnisse der mexikanischen Malerin Frida Kahlo sind Ausdruck ihrer seelischen und körperlichen Qualen – sie musste nach schweren Verletzungen der Wirbelsäule, nach einjährigem Gipsbett und acht Operationen zeitlebens ein Stahlkorsett tragen. Vieweg schließt seinen Vortrag mit heiter-nachdenklichen Karikaturen über manche chirurgischen Maßnahmen. Herzlicher Applaus und anschließend Fachsimpeleien bei einem Glas Wein.