December 30th, 2010
TITEL magazin
Schädelschnitte, offene Brustkörbe ...
Stefan Heuer
... und Würmer zum Frühstück – das Inside Artzine präsentiert Kunst fernab des allgemeinen Schönheitsbegriffs.
Helnwein schaut auf einen kurzen Besuch vorbei, von Stangen durchbohrte Kameraden aus Gips und Metall erwecken den Eindruck eines zögerlichen, qualvollen Endes. Gesichtslose Köpfe mit aufgerissenen Mündern, verfaulte Zähne, Amputationen und Narben, für die man vor Gericht hohe Summen herausholen könnte – nein, schön ist das alles nicht, nichts für Leute, die gerne Eiskristalle fotografieren. Aber es ist große Kunst, beeindruckend und verstörend und nicht zuletzt exzellent gemacht, vom Comic über Malerei und Collagen bis hin zur am Computer erstellten Installation.

Dass Schönheit ein relativer Begriff ist, welcher der Auslegung bedarf, mit dieser Tatsache spielt das Inside Artzine, ein Kunst-Magazin der besonderen Art, dessen 14. Ausgabe aktuell erschienen ist. "Schön" im herkömmlichen Sinne ist der Inhalt des Inside Artzine sicherlich nicht, und es zielt auch nicht auf konventionelle Schönheit – um seine Orientierung deutlich zu machen und entsprechenden Fehlkäufen vorzubeugen, verweist die weitere Bezeichnung als "Artscum" (scum: Abschaum) die Liebhaber von röhrenden Hirschen und Obst-Stillleben auf die Plätze.Nun hat die Kunst ja verschiedene Aufgaben, und nicht die unbedeutendsten davon sind Irritation und Provokation. Das Inside Artzine hat sich auf diese Bereiche spezialisiert und spendiert Anblicke, wie sie in »normalen« Kunstmagazinen selten bzw. nie vorkommen, da diese sich zumeist auf Portraits von Künstlern und Museen, Berichte und Interviews aus der Kunst- und Galerieszene, Ratschläge zu rechtlichen Fragen sowie aktuelle Ausschreibungen konzentrieren, die der Leserschaft im Amateurbereich suggerieren sollen, sie gehöre zum Betrieb dazu. Im Inside Artzine hingegen herrscht die schwerere Gangart vor, findet sich wenig bzw. nichts der heilen Welt. Monet und Renoir sind einer grundgebildeten Kennerschaft selbstverständlich bekannt, orientiert wird sich jedoch an verstörender und zerstörter/gestörter Persönlichkeit a la James Ensor oder Francis Bacon. Hansruedi Giger erfährt durch Orientierung an seiner Passagen-Serie und seinen Erotomechanics ebenso Referenz und Würdigung wie ein Hieronymus Bosch und sein Garten der Lüste.Spritzen und Schädel, gebleichte Knochen, freigelegte Gehirne und die Allgegenwärtigkeit von Insekten, Religion und Gewalt machen das Heft zu einem Panoptikum der Psychosen und Ängste, aber auch der Kurzweil. Helnwein schaut auf einen kurzen Besuch vorbei, von Stangen durchbohrte Kameraden aus Gips und Metall erwecken den Eindruck eines zögerlichen, qualvollen Endes. Gesichtslose Köpfe mit aufgerissenen Mündern, verfaulte Zähne, Amputationen und Narben, für die man vor Gericht hohe Summen herausholen könnte – nein, schön ist das alles nicht, nichts für Leute, die gerne Eiskristalle fotografieren. Aber es ist große Kunst, beeindruckend und verstörend und nicht zuletzt exzellent gemacht, vom Comic über Malerei und Collagen bis hin zur am Computer erstellten Installation.

Das Inside Artzine, ein Kunstmagazin, das nicht nur aufgrund der hervorragenden und in hoher Qualität abgebildeten Darstellungen und seiner aus aller Welt stammenden Künstlerinnen und Künstler, sondern auch durch seine durchgängig in Englisch gehaltenen Texte einen berechtigten internationalen Anspruch anmeldet. Ein Muss für alle, die bei Musikvideos der Backstreet Boys umschalten, sich bei Marilyn Manson und Bowies fantastischem Video zur Outside-Single The Hearts Filthy Lesson jedoch bestens unterhalten fühlen.

Stefan HeuerTitelangaben:Jenz Dieckmann (Hrg.): Inside Artzine Nr. 14Trier: FALLINGsKY 2010. 44 Seiten. 5 Euro