March 27th, 2011
Der Neue Merker
Von Prinzen zu Kindersoldaten
Heiner Wesemann
NÖ / Kunsthalle Krems: VON ENGELN & BENGELN - 400 Jahre Kinder im Porträt 6. März bis 3. Juli 2011
Von der Idee, dass Kindheit und Jugend „seligen Zeiten“ seien, haben wir uns längst verabschiedet. Einzelne Eltern werden immer noch versuchen, Kindern ihre ersten Jahre so glücklich wie möglich zu gestalten, aber im Rückblick überwiegen die Probleme. Vielleicht war es daher durchaus nicht unrealistisch, wenn Kinder auf Porträts des 16. Jahrhunderts meist bedrückt und wie kleine Erwachsene aussahen. Eine vier Jahrhunderte umfassende Schau von Kinderbildnissen bietet in der Kunsthalle Krems Einsichten aller Art... Kein Wunder, dass die Kinder, die Gottfried Helnwein überlebensgroß malte, so verbittert und resigniert aus ihren Bildern blicken. Moderne Porträtfotos und digitale Techniken legen die Verfremdung auch auf die Welt des Kinderbildnisses an, die im Lauf der Ausstellung in immer fremdere Regionen führt.
Gottfried Helnwein, Neuneter November Nacht

Die Entdeckung des Individuums

Als die „Renaissance“ das Mittelalter ablöste, wich die schematische Darstellung des Menschen der individuellen. Herrscher ließen nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Kinder porträtieren. Ernst und würdig stehen sie in ihren reichhaltigen Gewändern da, und die Ausstellung in Krems hat sich dazu als „Accessoir“ beispielsweise auch noch Kinderharnische aus der Hof-, Jagd- und Rüstkammer geholt. Dass Kinderbildnisse zwischen den Höfen verschickt wurden, um schon im frühesten Alter spätere Ehen zu arrangieren, ist bekannt. Man hat in Krems zwar keinen Velasquez, aber die Infantin Margarita Teresa, die in vielen Altersstufen „bildlich“ von Madrid nach Wien zu ihrem künftigen Gemahl, Kaiser Leopold I., geschickt wurde, ist zumindest in einem Gemälde von Ruiz de la Iglesia vertreten. Die Ausstellung hat unter ihren rund 140 Gemälden eine Fülle alter Meister zu bieten, Spanier, Franzosen, Flamen. Die später so berühmte Sofonisba Anguissola malte sich 1554 mit etwa 12 Jahren selbst – auch sie eine junge Erwachsene mit großen, romantischen Augen.

Krankheit und Tod

Kindersterblichkeit war lange Zeit eine Tatsache, die keine besonderen Emotionen auslöste. Gemälde fürstlicher Kinder wurden auch angefertigt, um sich gegebenenfalls an sie zu erinnern. Es ist ein seltsames Sonderthema, das die Ausstellung in verschiedenen Beispielen aufzeigt - im Empire stellte man sich ein kleines Tondenkmal für ein verstorbenes Kind ins Wohnzimmer (quasi ein kleiner Grabstein mit dem liegenden toten Kind), Friedrich von Amerling malte seinen blassen, müden Sohn am Krankenbett. Bei Käthe Kollwitz hält der Tod ein Mädchen im Schoß.

Das „böse“ Kind

Die kindlichen „Engelgeschöpfe“, die lange durch die Malerei zogen, wichen nach und nach alternativen Gesichtspunkten: Heinrich Hoffmann hatte 1845 mit dem „Struwwelpeter“ den Inbegriff des schlimmen Kindes geschaffen (Wilhelm Busch lachte darüber, während sich die Bürger empörten), und der negative Aspekt setzt sich in der Moderne fort. Nicht nur, dass Kinderbildnisse nun nicht mehr ästhetisch „schön“ sein müssen, sondern vielmehr genau wie bei den Erwachsenen nach der Persönlichkeit suchen, die dahinter steckt. Die Bilder hinterfragen nun vieles – teilweise die Vergangenheit der „alten Meister“ wie Elke Krystufek in ihrem „Blue Boy“ in stilisierter Kleidung oder wie Haruko Maeda, die den Infantinnen einen Totenkopf aufsetzt. Oder man erzählt ganz brutal von der Gegenwart: Der Chinese Wang Dajun ist für seine Bildnisse von Kindern mit Waffen bekannt. Aber auch die Grausamkeit, mit der Erwachsene mit Kindern umgehen, findet sprechenden Ausdruck, wenn „Tinkerbellend“ von Jake und Dinos Chapman (eine 18 cm hohe nackte Mädchenfigur) der Mund zugenäht wurde… Kein Wunder, dass die Kinder, die Gottfried Helnwein überlebensgroß malte, so verbittert und resigniert aus ihren Bildern blicken. Moderne Porträtfotos und digitale Techniken legen die Verfremdung auch auf die Welt des Kinderbildnisses an, die im Lauf der Ausstellung in immer fremdere Regionen führt.

„Von Engeln & Bengeln. 400 Jahre Kinder im Porträt“,Kunsthalle Krems, Franz Zeller-Platz 3, 3500 Krems an der Donau.Bis 3.Juli 2011, täglich 10 bis 18Uhr.