
Krone: Ihr Freund und Studienkollege Manfred Deix hat uns einmal gesagt, dass er eigentlich ein „Menschen-Behübscher“ ist. Eigentlich sind die Leute ja viel hässlicher als seine Bilder. Geht es Ihnen ähnlich? Hat die Wirklichkeit ihre Bilder eingeholt?
Helnwein: Die Realität ist viel extremer als die Kunst und von ihr nie einzuholen. Kunst ist immer nur ein Versuch ihr etwas entgegenzusetzen. Für mich ist Kunst Waffe mit der ich mich wehren, mit der ich zurückschlagen kann.
Gibt es denn gar nichts Schönes, das es wert wäre, von Ihnen dargestellt zu werden?
Die Gesichtet der Kinder in meinen Bildern sind schön. Meine Kinder symbolisieren die Reinheit und Unschuld, die potentiell in jedem Menschen vorhanden ist. Aber ich zeige auch Verwundbarkeit und die Verletzungen und Schmerzen, die ihm zugefügt werden.
Die Unschuld der Kinder? Ist das noch gültig in Zeiten von Schulmassakern und Schlagzeilen über Grundschüler, die Geschwister erschießen?
Kinder, die Massenmorde an Kindern begehen, das ist allerdings neu, das hat es in der Geschichte noch nie gegeben. Ich denke, wir müssen uns die Frage stellen: Was ist da in unserer Gesellschaft passiert, dass Kinder zu Mördern werden?Für Kinder war es noch nie so hart aufzuwachsen, wie jetzt. Sie sind sich meist selbst überlassen. und wachsen mit Fernsehen, Computerspielen, Drogen, Pornographie und Gewaltvideos auf. In den USA ist es noch viel extremer: Die Pharmekonzerne sorgen dafür, dass dass schon Kleinkinder mit Psychopharmaka vollgestopft werden. Die Regierung gibt mittlerweile etwa 1 Billion Dollar im Jahr für die Kriegsindustrie aus und für die Schulen bleibt praktisch nichts mehr.
In Europa eigentlich nicht viel anders: Bei uns fließt das Geld in die Bankenrettung statt in die Bildung.
Ja, Europa ist auf einem ähnlichen Weg. Die grossen Entscheidungen werden längst nicht mehr von den Politikern getroffen, sondern von internationalen Bankern, die ja nur eine Motivation haben: maximalen Profit um jeden Preis.Die Nationen starren hilflos auf die Troika, den IMF, die Rating-Agencies, den ESM, und wie sie alle heissen, - wie die Kaninchen auf die Schlange.Ich hab in Irland gesehen, wie Banken und korrupte Politiker das Land über Nacht in den Bankrott gestürzt haben. Österreich ist derzeit in einem sehr privilegiertem Zustand, aber wir müssen kämpfen, um ihn nicht zu verlieren. Wir sollten die Entscheidungen, die unsere Zukunft betreffen, nicht korrupten Politikern und Lobbyisten in Brüssel überlassen. Wir müssen uns wehren.Das dies möglich ist hat uns die kleine Biene Maja gezeigt. Sie hat einen Minister und einen gierigen Chemiekonzern in die Knie gezwungen.Dieses Beispiel hat uns genau wie damals in Zwentendorf oder Hainburg gezeigt: Keiner ist machtlos. Die Menschen haben das Internet, die Medien, sie dürfen sich nicht mehr alles gefallen lassen, sie müssen müssen Druck auf die Mächtigen machen.
Wäre es demnach besser für Österreich raus aus der EU zu gehen?
Den Österreichern muss bewusst sein, wie gut es ihnen geht: sie sind sozial gut versorgt, sie sind sicher und haben Wohlstand. Das werden sie nur erhalten können, wenn sie ihre Souveränitätnicht aufgeben. Sobald unser Schicksal einmal in den Händen einer Zentralistischen Regierung in Brüssel, internationalen Bankern und Konzernen sind, die durch keinen demokratischen Prozess entstanden sind, dann haben wir verloren.
Mickey Mouse ist eines ihrer Motive. Sie haben mal gesagt, sie hätten von „Donald Duck mehr gelernt als vom lieben Gott...“
(unterbricht) Das stimmt nicht. Ich hab gesagt: Ich hab von Donald mehr gelernt als an allen Schulen, in denen ich jemals war.
Auch die Nazizeit ist Thema bei Ihnen. Bei „Epiphanie“ wird Gott von Nazis bestaunt. Ist Gott auf dem Bild ein kleiner Hitler?
Das war nicht meine Idee, aber das Bild hat viele Deutungsmöglichkeiten.In der abendländischen Kunst hat es ganz bestimmte, vor allem christliche Themen gegeben, die die Künstler in immer neuen Variationen bearbeitet haben. So auch die Anbetung der Könige. Ich wollte diese Szene einfach in meine Zeit versetzen, und dazu gehört auch das Erbe das meine Elterngeneration hinterlassen hat.
Wenn Sie Jesus malen, würden Sie sich auch über Mohammed trauen?
Ich würde keinen Sinn darin sehen. Grundsätzlich respektiere ich jedes Glaubenssystem.Das Islam-Bild der westlichen Welt ist heute sehr verzerrt. Wir vergessen dabei, dass der Islam in über Jahrhunderte bei weitem toleranter und fortschrittlicher war als das christliche Abendland.Die katholische Kirche hat ursprünglich alle Dokumente der Antike unterdrückt und vernichtet. Dass es Aristoteles gab und die griechische Philosophie haben wir erst viel später wieder durch arabischer Abschriften erfahren. In christlichen Ländern wurden Juden diskriminiert und fielen immer wieder Pogromen zum Opfer. In islamischen Ländern waren sie sicher und stiegen oft zu Beratern von Sultanen auf. Und die Kreuzzüge haben auch wir begonnen.
Sie haben einmal gesagt: „Nichts kann die Kunst aufhalten.“ Aber: Was hat die Kunst denn erreicht, wenn Sie sich die Welt ansehen?
Kunst und Ästhetik kann alles verändern. Subtil und langsam zwar, aber sie verändert die Menschen. Wo viel Kultur ist, ist kein Krieg. Wo Krieg ist, wird Kreativität und Kunst zerstört, deshalb muss man Kindern den Weg zur Kunst öffnen.
Packt Sie 30 Jahre nach Ihrem Abschied aus Österreich nicht Heimweh?
Nach dem Krieg in den 50er und 60er Jahren war Wien schrecklich. Grau, grantig und destruktiv.Heute ist diese Stadt vollkommen verändert. Ich glaube, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hat Wien wieder zu atmen begonnen und die alten Verbindungen zu den Völkern der Donaumonarchie haben die Stadt wieder aufleben lassen, die ja einmal das Zentrum eines kleinen vereinten Europas war.Eigentlich habe ich immer ein bisschen kulturelles Heimweh. Vor allem nach der Sprache. Der Wiener Dialekt ist etwas wunderbares.
Sie sind seit 25 Jahren Vegetarier - ist das nicht ungewöhnlich für einen Rockstar wie Sie?
Wenn ich in Amerika all das genmanipulierte chemische Zeug gegessen hätte, wäre ich schon längst draufgegangen. Wie durch die Drogen und den Alkohol. Heute trinke ich maximal ein Bier hie und da. Keines meiner vier Kinder hat übrigens jemals Drogen genommen. Also kann meine Erziehung nicht ganz schlecht gewesen sein.
Warum tragen Sie eigentlich immer Stirnband und dunkle Brille?
Warum trägt der Lauda immer eine rote Kappe? Vielleicht gefällt es mir einfach.
Leserbriefe
Gottfried Helnwein hat den Durchblick
In der "Krone Bunt" von 19.5.2013 gab es anlässlich seines 65. Geburtstages ein Interview mit "Kunststar" Gottfried helnwein. Neben vielen Fragen über seine künstlerische Tätigkeit und sein Leben gab Herr Helnwein ein beachtliches Statement zur Situation EU-Österreich ab.Liebe Politiker, schreibt euch die Worte dieses Künstlers hinter die Ohren, denn jedes Wort entsprach genau den Tatsachen. Verbrennt alle gelinkten Studien, die uns stets bestätigen, wie sehr wir von diesen Krebsgeschwür profitieren, es ist genauso, wie es Herr Helnwein gesagt hat. Lassen wir nicht zu, dass jene "internationalen Investoren", die nie genug bekommen können und denen jeder soziale Gedanke fremd ist, unser Schicksal zu bestimmen. Darauf zu hoffen, dass die in Brüssel vernünftig werden, ist genauso sinnvoll, wie in einem Zug, der die falsche Richtung fährt, der Fahrtrichtung entgegenzulaufen. Lassen wir uns das Recht, auf die Vernunft zu beharren, nicht durch ideologisch fehlgeleitete Politiker und Eurokraten wegnehmen.
Peter Blaschek, Wien
Interview mit Gottfried Helnwein
Ich las in der "Krone Bunt" vom letzten Sonntag die Zeilen vom Interview mit Gottfried Helnwein. Auf die Frage der Reporterin, ob es für Österreich besser wäre, auf der EU auszutreten, antwortete er: "Den Österreichern muss bewusst sein, wie gut es ihnen geht: Sie sind sozial versorgt, sie sind sicher, haben Wohlstand, eine lebendige Kulturszene, und sie haben die Neutralität. Das werden sie nur erhalten können, wenn sie ihre Souveränität nicht aufgeben. Sobald unser Schicksal einmal in dem Händen einer zentralistischen Regierung in Brüssel, internationaler Banker und Konzerne liegt, die durch einen demokratischen Prozess entstanden sind, haben wir verloren."Ich hoffe, unsere zuständigen Politiker nehmen sich diese Worte zu Herzen!
Wolfgang Skarich, Grosshöflein