Das heißt, Sie können gar nicht die allerletzte Folge von "Rosa Roth" im Fernsehen sehen.
Was schade ist. Denn ich möchte mir eigentlich diesen Moment nicht nehmen lassen. Ich habe dieses Gefühl ganz gern, genauso vor dem Fernseher zu sitzen wie all die anderen Zuschauer. Gerade da es nun die letzte Folge ist, hätte ich sie mir gern in dem Bewusstsein angesehen.
Andere hätten mit der 30. Folge Schluss gemacht. Oder bis zum 20. Jahr gewartet. Sie hören nun nach 19 Jahren und 31 Folgen auf. Warum so ein krummes Ende?
Klar, runde Zahlen sind ja auch ein Ritual. Aber ich bin krumm und schief und das Leben ist es auch. Ich mag es einfach, wenn es ein bisschen unerwartet ist, als dass man jetzt auch noch ein fixes Datum erfüllen muss.
Vom Zeitpunkt der Entstehung an sind Sie als Schauspielerin immerhin fast 20 Jahre mit dieser Figur verbunden. Was fühlt man da jetzt, zum Abschied? Wehmut? Erleichterung?
Ich will mich von ihr verabschieden. Aber auf eine eher diskrete Weise. Da ist natürlich auch Wehmut. Aber das ist ja eine selbstbestimmte Entscheidung. Und die ist ja nun nicht erst vom vorletzten zum letzten Fall getroffen worden. Sie ist über die Jahre gewachsen. Man macht sich natürlich Gedanken, immer wieder: Wann wäre denn ein Zeitpunkt aufzuhören? Das wurde mir spätestens in dem Moment klar, als ich merkte, man hat eine Marke geschaffen. Es ist ja heute immer schwieriger, eine Marke zu setzen, die auch über die Jahre Bestand hat. Man fängt unweigerlich an zu analysieren: Wie schützt man so eine Marke? Hat man auf Dauer die richtigen Antennen? Wie erneuert man sich mit so einer Figur? Wir haben immer mal wieder Innovationen eingeführt wie zuletzt die Einbindung von Thomas Thieme als festem Partner, auf Augenhöhe. Um nicht stehen zu bleiben, um die Figur wachsen zu lassen. Aber irgendwann muss man sich auch fragen: Wie bringt man die Figur zu einem Ende? Wann ist der richtige Zeitpunkt?
Und diesen Zeitpunkt wollten Sie selber bestimmen?
Ja. Natürlich spielt auch Eitelkeit eine Rolle, dass man lieber selbst entscheidet, bevor es einem nahegelegt wird. Wir haben ja immer noch diese Geißel namens Quote. Das ist wirklich eine Geißel. Dadurch ist bei vielen Machern immer ein Konzept in den Köpfen, was geht und was vermeintlich nicht geht. Das lässt weniger Mut zu. Aber die Quote hat bei uns ja immer noch funktioniert. Das gibt einem auch die Macht, mitbestimmen zu können, welche Themen man machen möchte, auch wenn sie unbequem sind. Aber eben auch mitzuentscheiden, wann Schluss sein sollte. Ich habe fast 20 Jahre lang das Vertrauen des Senders genossen. Ich wollte mit denen im Einverständnis sein. Es hat sich über die Jahre Schritt für Schritt entwickelt. Irgendwann ist die innere Bereitschaft einfach da. Vielleicht hat es auch mit der eigenen Entwicklung zu tun. Ich habe in den letzten Jahren so unterschiedliche Rollen gespielt, dass ich denke: Mach Platz. Nicht nur mir. Auch dem Zuschauer. Seit ich die Entscheidung getroffen habe, habe ich nicht einmal das Gefühl gehabt, ich hätte es nicht tun sollen.
Ist das so eine Krankheit, die andere Seriendarsteller befällt? Dass sie nicht aufhören können?
Ich kann das nicht beantworten. Das ist ein ganz unterschiedlicher Druck. Ohne anmaßend zu sein, ich kann mir das leisten. Aber wir sind sowieso seit ein paar Jahren in einer ganz prekären Lage. Viele Schauspieler bekommen keine Arbeit mehr. Die Produktionen werden zurückgefahren, die Drehtage werden gekürzt, es ist weniger Geld da und es strömen immer mehr Nachwuchsschauspieler von den Filmhochschulen auf den Markt. Mancher Schauspieler versucht daher vielleicht einfach nur zu halten, was er hat. Da ist so eine Reihe auch eine gewisse Sicherheit. Mir ist bewusst, dass ich in einer Luxus-Situation bin, ich versuche auch sorgsam damit umzugehen. So eine Reihe gibt einem auch Luft, Dinge zu machen, für die es weniger Geld gibt, bei denen man mal etwas ausprobieren kann. Man sollte nicht erstarren in seinem Erreichten.
Die letzte Folge heißt "Der Schuss". Natürlich denkt da jeder an einen Serientod. Den, soviel dürfen wir aber schon verraten, gibt es nicht.
Nein, ich habe mich bewusst dagegen entschieden. Ich habe der Produktion und auch dem Autor zwei kleine Stichpunkte gegeben: Ich wollte erstens nicht sterben. Und zwar nicht, um mir eventuell ein Hintertürchen aufzubehalten. Daran habe ich nicht einmal gedacht. Ich finde, wenn man zu Tode kommt in einer letzten Folge, dann ist das immer wie ein Herausschleichen. Dafür war mir die Figur zu wichtig. Wir hatten nie den üblichen Whodunit-Krimi, bei uns ging es nie nur darum, wer ist der Mörder. Wir wollten immer auf das Umfeld, auf die Befindlichkeiten in unserem Land reagieren. So ist "Rosa Roth" auch einmal entstanden, kurz nach dem Fall der Mauer, in Berlin. Mitten in dem gesellschaftlichen Umbruch, der stattgefunden hat und mit dem die Menschen fertig werden mussten. Und dann einfach sterben? Das ist zu profan für Rosa.
Und was war das zweite Stichwort?
Zweitens wollte ich scheitern. An meinen eigenen Ansprüchen. Und auch in den Gefühlen, vielleicht bin ich nicht mehr wach genug, schnell genug. Vielleicht bin ich zu festgefahren in einer bestimmten Art zu ermitteln. Ich wollte aber auch keine große Altersthematik daraus machen. Das Scheitern schien mir für Rosa Roth ein guter Abgang. Er hat mit ihren früheren Fällen zu tun, in denen sie nicht immer glücklich war, etwas aufgeklärt zu haben.
Sie sprechen von "meinen Ansprüchen" und "meinen Gefühlen". Wie viel Rosa Roth steckt denn in Ihnen, oder wie viel Iris Berben steckt in Rosa Roth?
Zumindest soviel, dass ich mich immer stark bemüht habe, die Themen mit zu entwickeln. Dass wir gemeinsam überlegten, was stellen wir in den Vordergrund. Anfangs bin ich da eher tastend hineingegangen, das war ja etwas Neues für mich, so eine Reihe. Ich musste erst mal an meinen Erfahrungen wachsen, aber immer mehr habe ich dann auch eigene Erfahrungen mit einfließen lassen. Deshalb war es auch so wichtig, dass wir maximal zwei Folgen pro Jahr gemacht haben, manchmal auch nur eine einzige. Wenn die ganzen Zutaten nicht gestimmt haben, dann haben wir uns auch den Luxus geleistet, eine Folge nicht zu produzieren. Eine Situation, die sich im Grunde jeder Schauspieler wünscht.
Wenn man so eine lange Zeit eine Rolle gespielt hat, kann man die dann so ablegen wie eine Jacke? Oder steckt das weiter in einem drin?
Ich bin gespannt. Ich glaube, das kann ich erst wirklich beantworten, wenn die letzte Folge gelaufen ist. Noch stecke ich in dem Prozess der Abnabelung, das ist erst wirklich vorbei, wenn nach der letzten Folge auf dem Bildschirm "Ende" steht. Ich kam mal sehr übernächtigt von einer New-York-Reise zurück und landete im Fernsehen bei einer Wiederholung von "Sketchup". Das hatte ich bestimmt 15 Jahre nicht mehr gesehen. Aber ich bin hängen geblieben. Ich konnte das plötzlich viel mehr genießen als damals. Weil eine gesunde Distanz vorhanden war. Weil diese Unerbittlichkeit, wie man sich beobachtet, weg ist. Das heißt nicht, dass man milde ist. Wo man versagt hat, hat man versagt. Das sieht man immer noch, auch nach 15 Jahren. Aber man fokussiert nicht mehr so penetrant auf sich, man sieht mehr auf das Gesamte. Da bin ich gespannt, wie das mit Rosa Roth sein wird. Nein, ablegen wird man es nie, es ist ja immer auch eigene Lebenszeit. Und je älter man wird, desto bewusster wird einem das. Das hat mich lange begleitet und wird mich sicher nicht loslassen.