Zeit und Muße Gleich mal vorweg: Für diese Ausstellung muss man sich Zeit nehmen. Viel Zeit. Denn “Retrospektive” bedeutet die umfassende Präsentation der Werke eines Künstlers durch alle Schaffensphasen seines Lebens. Der 1948 in Wien geborene Künstler, so könnte man salopp behaupten, war keineswegs untätig in seinen Schaffensjahren. Viele seiner Werke wurden kritisiert, dieselbigen von anderen gelobt. Helnwein polarisiert. Diese polarisierenden Werke kann man sich nun in der Albertina zu Gemüte führen. Die Ausstellung startet kuratorisch mit seinen frühen Werken, die in alt-meisterlicher Aquarell-Technik überzeugen. Kein Wunder, dass die “Albertiner” auf diese ihren Schwerpunkt legen – sie sind vor allem in Helnweins Zeit in Wien entstanden.
Lebensunwertes Leben Eines der bekanntesten Aquarelle Helnweins, “Lebensunwertes Leben”, darf hier natürlich nicht fehlen. Es zeigt ein Kind, dessen Kopf in den Teller gefallen ist, nachdem es einen Löffel Essen zu sich genommen hat. Damit reagierte Helnweil auf die Aussage des Gerichtspsychiaters Dr. Gross, der auf die Frage nach den Euthanasie-Praktiken des dritten Reiches unter anderem angab, dass Kindern Gift ins Essen gemischt worden sei. Zugleich vertrat er jedoch wörtlich die Meinung, dass das doch besser sei als eine Todesspritze. Daraufhin, und nach fehlendem Aufschrei der Öffentlichkeit, fragte Helnwein in seiner aufmüpfigen Art und Weise bei der Kronenzeitung an, ob das sujetbezogene Bild nicht publiziert werden könnte. Dies sollte in Kombination mit einem Dank-Text geschehen, der die Güte behandeln sollte, dass die Kinder nicht “totgespritzt” worden waren. Generell spielt die Nazi-Thematik und Nazi-Ästethik immer wieder eine Rolle in den Werken Helnweins.
Das Kind als Thema Das Kind begleitet Helnweins Kunst durch alle Schaffensphasen. Das Kind als Opfer, das Kind als Täter, das Kind als Ausgeliefertes der Erwachsenenwelt. Die eher kleinformatigen Aquarelle der früheren Schaffensphasen wechseln sich später, nach dem Umzug aus Wien nach Deutschland und Amerika, mit großformatigen Leinwänden ab. Die Kinder bleiben, andere Thematiken kommen hinzu.
Micky Mäuse und das Nachkriegs-Wien Micky Mäuse und Donald Ducks tauchen immer wieder auf. In Aquarellen, und später vermehrt auf den Leinwänden. Das Lustige an der Figur der Micky Maus erfährt in Helnweins Werken gleichzeitig etwas Bedrohliches, wenn nicht Makabres. Helnwein empfand die Walt Disney Comics schon immer als eine befreiende Alternative zum tristen Nachkriegs-Wien seiner Kindheit, doch zugleich fungierten sie als Übergangssymbolik in das fremde Erwachsenenleben.
Was es sonst noch so gibt In der großzügigen Retrospektive sind weiters Selbstportraits mit bandagiertem Kopf, Marilyn Manson Inszenierungen sowie neuere Werke des Künstlers mit Manga-Charakteren und moderner Krieg-Thematik zu sehen.
VIENNARAMA-Fazit: Für eingefleischte Helnwein-Fans ist diese Ausstellung ein Muss. Für alle Fans in spe bietet diese Ausstellung einen Einblick in das Werk eines österreichischen Künstlers gone big.