May 30th, 2015
Die Welt
Johann Kresnik schwingt Pasolinis Holzhammer
Tilman Krause
Leitender Feuilletonredakteur
Eine eisenhammerharter Publikumsquälerei
Und doch. Von dieser eisenhammerharten Publikumsquälerei geht eine erhebliche radikale Energie aus. Das beginnt schon mit dem eindrucksvollen Bühnenraum, den Gottfried Helnwein als gigantische Konsumkathedrale angelegt hat, in der sich die Warenpakete und -paletten bis in den Bühnenhimmel hinauf stapeln.
"The 120 Days of Sodom" after de Sade and Pier Pasolini, installation by Gottfried Helnwein, directed by Johann Kresnik
'The 120 Days of Sodom, based on de Sade and Pasolini, Johann Kresnik und Gottfried Helnwein, Volksbühne, Berlin
Die 120 Tage von Sodom nach de Sade und Pasolini, Johann Kresnik, Gottfried Helnwein, Volksbühne Berlin

Dazu passt der vollkommen ungebrochene Rückgriff auf das holzschnittmäßigste Agitproptheater, das man sich vorstellen kann. Erst empört er das durch den zeitgeistkonformen Konsens weich gespülte Gemüt. Dann verblüfft die Ungeniertheit, mit der hier der Geist der Sechziger- und Siebzigerjahre wieder zu wehen beginnt. Und schließlich ertappt man sich dann doch dabei, dass man sich fragt, ob nicht was dran ist am apokalyptischen Alarmismus, der hier in primitiver Dringlichkeit artikuliert wird.

Der alte Löwe zeigt noch mal die Pranke. Er brüllt, was die lädierten Stimmbänder hergeben. Der alte Löwe hat nichts mehr zu verlieren. Er kann im hohen Alter von 75 Jahren endlich so richtig die Sau rauslassen. Der alte Löwe hört auf den bürgerlichen Namen Johann Kresnik, seines Zeichens Choreograf. Sein getreuer Ekkehard heißt Christoph Klimke. Der hält ihm als Dramaturg die Stange.Die beiden haben sich den sadomasochistischen Schweinkram-Roman des Marquis de Sade, genannt "Die 120 Tage von Sodom", in der faschismuskritischen Schweinkram-Filmfassung von Pier Paolo Pasolini vorgenommen und für das Theater verhackstückt. Die Sau, die sie rauslassen, lautet Botschaft. Botschaft. Botschaft.

Banker als Verkörperung des Bösen

Man kann ihre Botschaft auch ausbuchstabieren. Wer den Abend in der Volksbühne einigermaßen heil überstanden hat, kann es nun vorwärts und rückwärts singen: "Konsumfaschismus; wir alle sind gefangen im Konsumfaschismus." Beherrschen tun uns die Banker, zeitgemäße Verkörperung des Bösen schlechthin. Die geilen sich auf an ihrer Macht, gehen zynisch über Leichen, die sie vorher sexuell auf alle Arten missbraucht haben, die Gott verbot. Sie schwelgen auch in Kannibalismus. Es fließen somit in "Die 120 Tage von Sodom" anderthalb Stunden lang sämtliche Körpersäfte. Und man (das heißt auch ein Politiker, ein Richter, ein Bischof und ein Offizier) geht sich an jede verfügbare Körperöffnung.

Zwischendurch pasolinisiert man mit dem Holzhammer. Gibt, wenn die nächste Ladung Frischfleisch zum Notzuchtgebrauch von schwarz geschminkten Sklaven hereingeführt wird, Sätze von sich wie: "So haben wir euch erzogen: keine Bildung, nur Konsum und Facebook." oder "Heute ist die Politik ein einziger Supermarkt."„Ihr habt gar nicht gemerkt, welcher große Fisch euch schon verschlungen hat. Alle denken und kaufen jetzt dasselbe.“

Manchmal kommt auch die verknautscht nuschelnde Alt-Bardin Ilse Ritter, die einmal eine großartige Schauspielerin war, in großer geschlitzter Abendrobe dazu und übersetzt, was schon überdeutlich geworden ist, noch einmal an der Rampe, damit es auch der Letzte kapiert: "Ihr habt gar nicht gemerkt, welcher große Fisch euch schon verschlungen hat. Alle denken und kaufen jetzt dasselbe." Dann setzt sie sich wieder ans Klavier und spielt elegisch Chopin. Kultur als Ornament der Macht. Got it?Yes, we got it. Wir haben es bis zum Überdruss, physischer Ekel, ja Brechreiz inbegriffen, verstanden. Es bleibt uns ja schließlich auch nichts anderes übrig. Kampf der Kulturen? Islamischer Fundamentalismus? Russischer Neoimperialismus? Kommt in dieser Welt nicht vor. Hier wird alles Übel unserer Zeit aus einem Punkt erklärt. Durch Text. Text. Text. Von Tanz ist, abgesehen davon, dass zwei nette junge Breakdancer ihre Künste kurz vorführen, nicht die Rede. Auch der ebenfalls alt- und ausgediente Ismael Ivo wringt nur seine Gliedmaßen aus. Die anderen Tänzer(Opfer, Schergen, Mädchen)winden sich in Schmerz und/oder Wollust. That's it.

Die 120 Tage von Sodom nach de Sade und Pasolini, Johann Kresnik, Gottfried Helnwein, Volksbühne Berlin

Eine eisenhammerharter Publikumsquälerei

Und doch. Von dieser eisenhammerharten Publikumsquälerei geht eine erhebliche radikale Energie aus. Das beginnt schon mit dem eindrucksvollen Bühnenraum, den Gottfried Helnwein als gigantische Konsumkathedrale angelegt hat, in der sich die Warenpakete und -paletten bis in den Bühnenhimmel hinauf stapeln.Dazu passt der vollkommen ungebrochene Rückgriff auf das holzschnittmäßigste Agitproptheater, das man sich vorstellen kann. Erst empört er das durch den zeitgeistkonformen Konsens weich gespülte Gemüt. Dann verblüfft die Ungeniertheit, mit der hier der Geist der Sechziger- und Siebzigerjahre wieder zu wehen beginnt. Und schließlich ertappt man sich dann doch dabei, dass man sich fragt, ob nicht was dran ist am apokalyptischen Alarmismus, der hier in primitiver Dringlichkeit artikuliert wird.Vielleicht sind wir ja tatsächlich alle Opfer des Konsumfaschismus, haben es aber nur noch nicht gemerkt? Jedenfalls haben Menschen unter 18 Jahren mit Recht zu dieser theatergewordenen kapitalismuskritischen Verschwörungstheorie keinen Zutritt.

Die 120 Tage von Sodom nach de Sade und Pasolini, Johann Kresnik, Gottfried Helnwein, Volksbühne Berlin
"The 120 Days of Sodom" after de Sade and Pier Pasolini, installation by Gottfried Helnwein, directed by Johann Kresnik
Volksbühne, Berlin