
Die Leiche liegt auf dem Obduktionstisch, der Brustkasten des zerfetzten Mannes ist geöffnet. In der rechten Herzkammer findet sich ein Stück Papier, dessen Text der britische Inspektor Dedalus nicht lesen kann. Die Worte sind Altgriechisch. Der Polizist wendet sich an den Gelehrten Lord Menon, der ein Zitat aus Euripides' "Medea" erkennt. Sie reden eine Weile über die blutrünstige Frauenfigur und ihre Morde. Dann erklärt der Antiken-Experte sein Credo: "Auf den ersten Blick mögen diese Tragödien unglaublich fremd auf uns wirken. Aber nichts ändert sich wirklich. Wir kämpfen immer noch mit den gleichen Dingen, die uns beständig zerstören." Gleich darauf wird die nächste Leiche gefunden.
Lord Menon spricht mit seinem Antikenlob über sein eigenes Schicksal. Und verkündet mit der Kraft des geballten Wissens zugleich das Vorhaben eines amerikanischen Comics – alle Dramen des klassischen Griechenlands in neuem Gewand zu erzählen. Die laufende Serie "Greek Street" ist ein monatliches Heft (Vertigo / DC, 2,99 Dollar). Elf Ausgaben sind bisher erschienen, die ersten fünf Teile gibt es gebündelt als Graphic Novel "Greek Street: Blood Calls For Blood", im Herbst erscheint die Fortsetzung gebündelt als "Cassandra Complex".
Held ist der achtzehn Jahre alte Eddie, der ohne Eltern aufgewachsen ist. Zu Beginn von "Greek Street" findet er seine Mutter wieder, mit der er nach einem Wodkaabsturz schläft. Bald darauf ist sie tot, und es ist nicht zu viel verraten, wenn Eddie irgendwann seinem Vater zu Leibe rückt. Denn Eddie ist, klar, Ödipus. Nur eben nicht als Held in weißem Gewand, sondern als ein herumgestoßener Teenager. Mit ein klein wenig Bildung weiß der Leser auch, dass es um den Fortbestand von Eddies Augen nicht so gut bestellt ist.
Die Figuren, selbst wo sie warmherzig agieren, sind eisig und unerbittlich. Sie prallen nicht bloß wegen ihres Hintergrundes aufeinander. Sie können nicht anders. Von eigenem Willen und Vorherbestimmung getrieben, entwickelt sich ein Krimi auf mehreren Ebenen.
